Leichtathletik-WM Mehr als silberne Begleitmusik


Die Leichtathletik-WM in Berlin hat die ersten deutschen Heldinnen hervorgebracht: Nadine Kleinert und Jennifer Oeser gewannen auf dramatischer Art und Weise jeweils Silber. Die entfesselt feiernden Zuschauer ließen dabei sogar Usain Bolt und Co. in den Hintergrund rücken.
Von Martin Sonnleitner, Berlin

Es war ein denkwürdiger Sonntagabend im Berliner Olympiastadion, auch aus deutscher Sicht. Denn mehr als Begleitmusik für den Fabel-Weltrekord des jamaikanischen Sprintstars Usain Bolt waren die beiden deutschen Silbermedaillen für Nadine Kleinert und Jennifer Oeser. Sie waren das schillernde Startsignal für eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die nun in vollen Zügen Fahrt aufzunehmen scheint.

"Freut euch auf dieses tolle Stadion und die kommende Woche", jubelte die Siebenkämpferin Oeser, die mit einem dramatischen 800-Meter-Lauf am Ende des Wettkampfs den zweiten Platz erkämpfte. Kurz vor Ende der ersten Runde war sie ins Straucheln geraten und hatte sich umgehend wieder aufgerappelt. In einer grandiosen Schlussrunde hatte sie Meter um Meter gut gemacht und die nötigen sechs Sekunden auf die zuvor Zweitplatzierte Polin Kamila Chuddzik am Ende wettgemacht.

"Das Publikum war der Wahnsinn"


51.000 Zuschauer feuerten sie nach dem kurzen Schock frenetisch an und lieferten irgendwie die passende Symbolik für ein Weltereignis, das in der deutschen Kapitale lange um Akzeptanz ringen musste, nun aber ihre ersten Heldinnen hat. "Das Publikum war der Wahnsinn", jubilierte Oeser. "Ich dachte, jetzt erst recht", beschrieb sie ihre Trotzreaktion nach dem Sturz. "Das Raunen, als ich wieder zurückgekommen bin, hat mich die letzte Runde getragen."

Fast zeitgleich feierte Kugelstoßerin Kleinert ihr drittes WM-Silber nach Sevilla 1999 und Edmonton 2001. Auch sie war außer sich vor Freude. "Die schönste Silbermedaille nach der olympischen von Athen", diktierte sie strahlend in die Mikrofone. Zuvor hatte sie einen denkwürdigen Wettkampf abgeliefert und mit 20,20 Metern eine persönliche Bestleistung aufgestellt. Die große Favoritin Valerie Vili aus Neuseeland musste all ihr Können aufbieten, um mit 20,44 Metern ihren Weltmeistertitel zu verteidigen. Kleinert strahlte bis über beide Ohren und tirilierte mit ihrer mächtigen Stimme: "Eigentlich habe ich ja gesagt, dass ich keine WM mehr mache, aber man soll ja nie nie sagen."

Die WM hat genau zum richtigen Zeitpunkt Feuer gefangen, auch wenn die insgesamt 57.000 Zuschauer fassenden Ränge doch noch einige Lücken aufwiesen. Es war wie für die Spitzen-Leichtathletik üblich ein ungemein friedlicher und internationaler Flair, der durch das altehrwürdige Stadion mit seiner ozeanblauen Tartanbahn strömte. Schön war irgendwie auch, dass durch die zahlreichen Vorkämpfe erst sukzessive die Stimmung aufgebaut wurde. Auch davon lebt die Leichtathletik mit ihren 28 Wettkampf-Disziplinen.

Klar gibt es innerhalb dieser eine klare Hierarchie, wo der 100-Meter-Sprint ganz oben rangiert. Doch dieser Abend hat gezeigt, dass das Fest eben als ganzes zählt und mit dem Glanz ihrer Protagonisten steht und fällt. Dass den nationalen Heroinen und Heroen dabei eine wesentliche Rolle zukommt, hatte schon der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Clemens Prokop angemahnt. "Es wurde in der Vergangenheit versäumt, neue Helden aufzubauen", hob er unmittelbar vor dem WM-Start die Bedeutung deutscher Medaillengewinne hervor. Kleinert und Oeser setzten nun eindrucksvolle Zeichen, die Ahnengalerie deutscher Leichtathletik-Stars fortsetzen zu wollen.

Usain Bolt in die Schranken gewiesen


Während die 1,90-Meter-Hünin Kleinert einen kräftigen Siegestrunk aus der Flasche mit der braunen US-Brause nahm, dass es nur so schäumte, musste die drahtige Oeser nochmal schmunzelnd erzählen, dass es ja vielleicht ihr Job bei der Bundespolizei gewesen sei, der ihr Silber gesichert hatte. "Da habe ich Judo gemacht und Abrollen gelernt."

Sogar der Superstar dieser WM, Usain Bolt, wurde kurz vor seinem Lauf für die Ewigkeit von den euphorisierten Zuschauern in die Schranken gewiesen. Als die Siebenkämpferinnen nach ihrem schweißtreibenden, über zwei Tage gehenden Kräftemessen ihre Ehrenrunde drehten und diese für den 100-Meter-Krimi unterbrechen mussten, pfiffen sie zum ersten und einzigen Male lauthals an diesem schweißtreibenden Sonntag.


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