VG-Wort Pixel

Mehr Sport Snooker-Expertengespräch - Die PTC-Tour in der Diskussion


Barry Hearn kam dem Wunsch der Spieler nach, mehr Turniere zu veranstalten. Doch nun sieht sich der Snooker-Boss harscher Kritik ausgesetzt. Es geht um die Players Tour Championship. Wir haben die Eurosport-Kommentatoren Dave Hendon und Rolf Kalb sowie Snooker-Spieler Lasse Münstermann zum Gespräch gebeten.

Ronnie O'Sullivan sprach von Erpressung und viele andere Spieler haben sich ob der Vielzahl der Termine im Snooker-Kalender negativ zu der Entwicklung der letzten Monate geäußert. Im Zentrum steht auch die Players Tour Championship, die in zwölf Turniere aufgeteilt ist und aufgrund der teilweise weiteren Reisen und der niedrigen Dotierung nicht attraktiv ist.

Wir haben uns mit drei Experten unterhalten und wollte wissen, wohin der Weg unter Barry Hearn geht und ob die PTC-Serie noch eine Zukunft hat. Mit dabei ist die Eurosport-Legende Rolf Kalb, der Eurosport Kommentator und englische Kolumnist Dave Henson (snookerscene.blogspot.com) sowie Deutschlands vielleicht bester Snooker-Spieler Lasse Münstermann.

Vielen Dank für die Teilnahme an der Diskussion. Wie ist ihre persönliche Meinung zu der PTC-Tour?

Dave Hendon: Die Serie dient zwei Gründen. Erstens sollen die Lücken im Terminkalender gefüllt werden. Zweitens sollen auch Turniere in den Ländern stattfinden, in denen Snooker sehr populär ist. Dort werden die Turniere auch wohl noch wachsen. Die Events in Sheffield haben wenig Wert. Dort können die Profis nur spielen und vielleicht ein wenig Geld gewinnen.

Rolf Kalb: Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Tour den Spielern eine Reihe von Möglichkeiten eröffnet. Das ist eine Entwicklung, die hier aber auch noch nicht zu Ende sein wird. Aber man kann auch deutlich beobachten, dass dieser konstante Spielbetrieb einer Reihe von Spielern sehr gut tut und ihnen dabei hilft, ihr Leistungspotenzial besser zu entfalten. Gerade Leute wie Stuart Bingham und Martin Gould profitieren davon.

Lasse Münstermann: Ich habe seit 2005 versucht, auf die Tour zu kommen und finde die Idee großartig, dass man Amateurspielern die Chance gibt, gegen die großen Stars zu spielen. So wird das Feld geöffnet, denn vorher war es eine elitäre Angelegenheit. Daher finde ich eine PTC-Serie eine super Idee und die Lücke zwischen Profis und Amateuren wird geschlossen.

Die Spieler wollten mehr Turniere und nun gibt es erste Beschwerden von Spielern wie Ronnie O'Sullivan, die von einem Zwang sprechen, an der Tour teilnehmen zu müssen. Ansonsten drohe ein Abfall in der Weltrangliste. Ist es so etwas wie: Die Geister, die ich rief?

Lasse Münstermann: Es gibt unterschiedliche Blickwinkel. Wenn O'Sullivan das sagt, ist das durchaus verständlich. Er ist einer der Top Stars und hat in der Vergangenheit, als es die PTC-Serie noch nicht gab, nur sieben bis acht Turniere im Jahr gespielt. Dazu kamen natürlich die Show-Kämpfe. Auf einmal gibt es zwölf Turniere mehr und die Struktur mit den Ranglistenpunkten zwingt ihn nun, daran teilzunehmen. In der ersten Saison hat er viele Turniere ausgelassen und ist abgerutscht. Wenn England merkt, dass Snooker sich öffnen muss, müssen die Profis auch mehr Reisebereitschaft zeigen. Das kostet natürlich Geld. Wer sich das nicht leisten kann, der hat ein Problem.

Dave Hendon: Das Problem ist doch, dass die Spieler erst kaum Turniere gespielt haben und nun praktisch jede Woche im Einsatz sind, was natürlich ungewohnt ist. Nun müssen sie ihr Leben neu ordnen und das ist nicht einfach.

Ist dieser Zwang, den Barry Hearn eingeführt hat, indem er die PTC-Serie zu Ranglistenturnieren gemacht hat, notwendig, um den Sport zu modernisieren?

Lasse Münstermann: Ich habe in der Serie nur ein Turnier gespielt, das Paul Hunter Classic. Vor dem ersten PTC-Event war ich bei der EM in Sofia und der Termin in Sheffield wurde zweimal verlegt. Deswegen hätte ich mir zusätzlich einen Flug für 400 Euro buchen müssen, um dort antreten zu können. Das war einfach zu teuer und deswegen habe ich abgesagt. Bei den nächsten beiden Turnieren hatte ich keine Zeit, da ich Termine in meinem Club hatte. Dann habe ich eine Mail von World Snooker bekommen und sollte 1100 Pfund Strafe zahlen, da ich mich bei den ersten drei Turnieren zu spät abgemeldet hatte. Erst nach dem dritten Turnier habe ich die Mail bekommen und habe mich dementsprechend komplett abgemeldet, da ich das eine Unverschämtheit fand.

Dave Hendon: Aus der Sicht von Hearn ist es natürlich notwendig, denn ohne Ranglistenpunkte hätte diese Serie keinen Wert.

Ronnie O'Sullivan hatte die niedrige Dotierung angesprochen und mit Björn Haneveer hat nun ein Spieler seine Karriere auf der Main Tour beendet. Hat Hearn sich verschätzt, da er eigentlich die Breite stärken wollte?

Rolf Kalb: Das Beispiel Haneveer fällt da nicht rein, denn er hat nicht aufgehört, weil er es sich nicht mehr leisten kann. Er hat aufgehört, da er mit seiner Arbeit als Kommentator für das niederländische Eurosport und seine Tätigkeit als Tischler mehr verdienen kann. Dazu ist er Vater geworden und will mehr Zeit mit der Familie verbringen. Auf Amateurebene spielt er natürlich weiter.

Dave Hendon: Ich denke nicht, dass er sich verschätzt hat. Die Spieler haben Hearn gerufen, da zuvor über 30 Jahre ein schlechter Job gemacht wurde. Es stimmt schon, dass es dort nicht so viel Geld für die Spieler zu verdienen gibt, die im Ranking weiter unten stehen. Aber das ist nicht der Fehler von Hearn, es ist ein Fehler aus der Vergangenheit. Zudem sind die Ausgaben für die Spieler ein Problem und ich hoffe, die Dotierung wird steigen.

Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Gefahr, dass es andere Spieler gibt, die eben aus finanziellen Gründen sich das Leben als Profi nicht mehr leisten können.

Rolf Kalb: Die Gefahr sehe ich nicht so dramatisch. Es mag sein, dass der eine oder andere Spieler vielleicht eine ähnliche Entscheidung fällt, aber auf breiter Front sehe ich das nicht.

Lasse Münstermann: Wenn man die große Gesamtheit sieht, dann haben die Personen, die in der jeweiligen Region leben, eine super Chance, gegen die Top Spieler zu spielen. Das ist fantastisch und es ist eine tolle Idee. Das Problem ist aber, dass die Top 50 abwärts sich das teilweise nicht leisten können, in der Rangliste rausfallen und gar kein Geld mehr verdienen. Die Amateure können sich das ohnehin nicht leisten. Da fragt man sich, wo der Weg hinführen soll. Da sollten Gelder freigemacht werden, um den unteren Spielern eine Art Reisefond zur Verfügung zu stellen. Wenn das nicht passiert, muss man vielleicht einen Cut machen.

Glauben Sie, dass Barry Hearn die Geschwindigkeit seiner Reformpläne unterschätzt hat?

Rolf Kalb: Ich glaube, die Spieler haben, als sie Barry Hearn gerufen haben, eher seine Geschwindigkeit unterschätzt. Es war zudem dringend notwendig. In der Art und Weise, wie der Sport vorher gemanagt wurde, hätte er als Profisport keine große Zukunft mehr gehabt. Und die Spieler müssen nun lernen, dass sich auch gewisse Chancen für sie eröffnen. Viele Spieler haben nun bei uns eine TV-Präsenz, die sie in dem System vorher nicht gehabt haben. Diese Chance muss genutzt werden.

Dave Hendon: Ich denke, es ist sicherlich eins der Probleme. Es ging alles so schnell, dass es nicht in Ruhe wachsen konnte. Aber wenn man Barry Hearn fragt, ob er mehr Turniere veranstalten kann, dann sieht er es als Herausforderung. Im Endeffekt hat er nur gemacht, worum er gebeten wurde.

Stephen Maguire hat sich indes darüber beschwert, dass es teilweise leere Ränge gab und Zuschauer während der Stoßvorbereitung aufstehen würden. Er sagte weiter, dass er jahrelang trainiert habe, um dieser Situation zu entkommen.

Rolf Kalb: Wo er drüber gesprochen hat, sind die Turniere, die in der Academy in Sheffield gespielt werden und das sehe ich auch als Problem an. Jeder Tisch steht in einem Raum, der den Charme einer Garage hat. Dort gibt es keinen Platz für Zuschauer. Die Äußerungen habe ich so verstanden, dass er sich auf diese Situation bezogen hat. Auf der anderen Seite ist es ein Erbe, das Hearn übernehmen musste und nicht glücklich drüber war. Er musste die Verträge übernehmen und denke, wenn der Vertrag ausgelaufen wird, spielt die Academy auch keine Rolle mehr – das ist aber Spekulation.

Dave Hendon: Die Turniere in Sheffield sind wirklich nicht ideal. Wie schon gesagt: Es gibt keine Zuschauer und sie finden spät in der Nacht statt. Schon eine Art Rückschritt für die Spieler. Der Fokus sollte klar auf Europa liegen.

Lasse Münstermann: Maguire spielt jahrelang auf der Tour und ist es gewohnt, dass das Publikum mit allen Regeln vertraut ist und weiß, wann es zu applaudieren hat. Wenn man in ein anderes Land geht, passiert es eben, dass aufgestanden wird oder keiner da ist. Von daher ist es verständlich. Aber die Aussage ist nicht so schlau, denn ich halte sie für ein wenig übertrieben. Er muss sich doch auch im Klaren sein, dass außerhalb von England im Snooker eine große Entwicklung stattfindet und wenn man ein Jahr später zurückkommt, sieht man auch schon Veränderungen und vielleicht ist dann die doppelte Anzahl von Leuten da. Deutschland mit dem German Masters sollte da ein sehr gutes Beispiel sein.

Nochmal zurück zu Barry Hearn. Über die PTC-Tour haben wir nun gesprochen, aber er hatte angekündigt, die großen Turniere nicht reformieren zu wollen. Nun hat er die Distanzen bei der kommenden UK Championship verkürzt und damit für einen Aufschrei unter den Spielern gesorgt. Einzig Start Bingham war zufrieden, denn so werden alle Spiele auf TV-Tischen ausgetragen.

Rolf Kalb: Ich bin ein Stück weit Traditionalist und bedauere es schon, dass die Distanzen verkürzt wurden. Ich sehe aber den Punkt und die Chance für die Spieler, dass alle Matches nun vor laufender Kamera stattfinden. Der entscheidende Punkt scheint gewesen zu sein, dass man die Kosten drücken konnte, da man von vier auf zwei Tische gehen kann. Ob die UK Championship den Charakter einbüßen, bleibt abzuwarten. Nach dem Turnier muss man dann sehen, ob es eine gute Idee war.

Lasse Münstermann: Aus englischer Sicht muss sicherlich etwas getan werden. Aber wenn nun die Distanzen verkürzt werden, das Spiel auf Zwang schneller gemacht wird und jeder dann vielleicht nur noch zehn Sekunden Stoßzeit bekommt, dann wird das Herz des Snooker zerstört. Das heißt nicht, dass ich Dinge wie Power Snooker nicht mag, das ist eine tolle Sache. Aber wenn ich jetzt bei einem Weltranglistenturnier die Frames verkürze und dadurch versuche, es interessanter zu machen, dann glaube ich, dass der Schuss nach hinten losgeht.

Wie sehen Sie die Zukunft unter der Regie von Barry Harn?

Rolf Kalb: Die Professionalisierung wird voranschreiten und Barry Hearn wird auf seinem Weg eine Reihe von Spielern mitnehmen, die ihre Chancen erkennen und auch profitieren werden. Insgesamt denke ich, werden Schritte gegangen, die seit vielen Jahren überfällig waren. Vielleicht ist es auch das Problem, im Snooker jetzt die Schritte gehen zu müssen, für die man bei vernünftigem Business sonst zehn Jahre Zeit gehabt hätte.

Dave Hendon: Ich denke, es wird mehr Turniere in noch mehr Ländern geben und die Vormachtstellung der Briten wird weiter schmelzen. Es wird wie in den frühen 90er Jahren sein, als viele der etablierten Spieler verschwanden und die junge Generation nachrückte. Das Spiel ist größer als jeder Spieler wird auch weitergehen. Aber ich bin auch sehr zuversichtlich.

Lasse Münstermann: Entscheidend ist, dass das Fernsehen dabeibleibt. Wird weniger übertragen oder das Format ganz eingestellt, dann sehe ich schwarz. Solange die dabei bleiben, ist es fast egal, was gemacht wird. Ich sehe eben nur die Gefahr, dass Snooker als Sport kaputt geht, wenn es immer schneller gemacht wird und das Spektakel im Vordergrund steht. Ansonsten sehe ich es sehr positiv, denn Barry Hearn ist ein Macher und er wird merken, wie die Medien reagieren. Und gerade in Deutschland werden die Firmen auch merken, was dieser Sport für ein Potenzial hat.

Das Gespräch führte Gunnar Beuth

sportal.de sportal

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker