HOME

Johlende Massen: Wie ein Mann den Kneipensport Darts auf die große Bühne holte

Dem Geschäftsmann Barry Hearn ist es gelungen, eine muffige Kneipensportart als Megaevent zu inszenieren. Darts begeistert die Massen. Und jetzt schwappt der Wahnsinn von den britischen Inseln aufs europäische Festland.

Der Mann hinter den Pfeilen: Geschäftsmann Barry Hearn hat Darts groß gemacht

Der Mann hinter den Pfeilen: Geschäftsmann Barry Hearn hat Darts groß gemacht

Fffump! Fast 10.000 Holländer kreischen vor Begeisterung.

Fffump! Fast 10.000 Holländer recken schreiend eine Faust in die Höhe. Einige von ihnen tragen ein Superhelden-Kostüm, andere sind als Bananen oder Tomaten verkleidet.

Fffump! Fast 10.000 Holländer springen auf. Einige scheitern an dieser Aufgabe, weil sie nach vier Stunden Dauerparty nicht mehr Herr all ihrer Gliedmaßen sind. Andere kommen nicht richtig hoch, weil ihre Schuhe am Hallenboden festkleben, der mit verschüttetem Bier überzogen ist. Doch die meisten der Zuschauer gehen jetzt – ganz buchstäblich – über Tische und Bänke. Sie wedeln mit schwarzen Zetteln, auf denen "180" steht, und grölen das Riff aus "Seven Nation Army". Mit Text. "Oooh Michael van Ger-wen!" Michael van Gerwen, die Nummer eins der Darts-Weltrangliste, hat auf das dritte "Fffump!" mit einem koketten Drehen des Kopfes reagiert, wie ein Tangotänzer, der die Richtung wechselt. Das klingt nach einem seltsamen Vergleich, erinnert der Holländer mit seinem rasierten Schädel und dem ausladenden Hüftspeck doch eher an ein Riesenbaby. Sobald er aber Wurfpfeile in den Fingern hat, bewegt sich van Gerwen tatsächlich wie ein Tänzer.

Jene Pfeile zieht er nun aus der Sisalscheibe und tritt zur Seite, damit sein Gegner werfen kann. Der heißt Phil Taylor, ist 16-maliger Weltmeister und gilt als größter Spieler aller Zeiten. Keine Regung in seinem Gesicht verrät, ob es ihn beeindruckt, dass van Gerwen alle drei Pfeile in den winzigen Abschnitt geworfen hat, der dreimal 20 Punkte wert ist. Oder dass die Fans in der Ahoy-Halle von Rotterdam ein ungeschriebenes Gesetz brechen, indem sie ihn ausbuhen, als er zum Wurf ansetzt. Taylors Pfeil flirrt durch die Luft.

Fffump! Fast 10.000 Holländer jubeln heiser. Der Pfeil steckt in dem Feld, das niemand treffen will. Das Feld, über dem die Ziffer 1 steht. Taylor wirft routiniert weiter, doch er weiß, dass dieses Auftaktspiel verloren ist.

Aus verrauchten Kneipen auf die große Showbühne: Darts ist zu einem medialen Spektakel geworden

Aus verrauchten Kneipen auf die große Showbühne: Darts ist zu einem medialen Spektakel geworden


Die Erfolgsgeschichte von Darts

Darts ist vielleicht die größte Erfolgsgeschichte in der Sportwelt der Gegenwart, weil sich das im Kern so banale Spiel mit den Pfeilen und der Scheibe als Fernsehevent neu erfunden hat. Wenn van Gerwen oder Taylor über die Mattscheibe flimmern, sind die Einschaltquoten enorm. Selbst in Deutschland, im Gegensatz zu Holland keine traditionelle Darts-Nation, verfolgten im Januar fast zwei Millionen Menschen das Finale um die Weltmeisterschaft in London.

Doch wer modernes Darts nur vom Bildschirm kennt, dem entgeht ein bedeutendes Detail: der Radau – der gottverdammte K-R-A-A-A-C-H –, den Tausende von enthemmten Fans machen, nur wenige Meter entfernt von der Bühne. Unter diesen Bedingungen einen Sport auszuüben, in dem es um Konzentration und Präzision geht, scheint unmöglich. Und mit jeder Minute, die man länger inmitten dieses Infernos steht, wächst die Achtung vor Sportlern, die so gar nicht aussehen wie Athleten.

Man beginnt zu verstehen, warum van Gerwen oder der amtierende Weltmeister Gary Anderson fast den ganzen Abend draußen vor dem Hinterausgang der Halle verbringen. Erstens ist es dort ruhig. Zweitens und viel wichtiger: Nur dort, außerhalb der Halle, darf man rauchen. Früher war das anders, da gehörte es zum guten Ton, dass man bei einer Darts-Übertragung vor lauter Qualm die Scheibe nur erahnen konnte. Heute ist selbst diese klassischste aller Kneipensportarten so reglementiert, dass die Spieler ihre Nerven unbeobachtet von ihren Bewunderern beruhigen müssen. Dort, wo der Boden übersät von Zigarettenstummeln ist.

Die lebende Legende Phil "The Power" Taylor

Es gibt auch Spieler, die nicht rauchen. Die rennen dafür viermal in der Stunde auf die Toilette, bis endlich ihr Auftritt kommt. "Hi Kumpel", sagen sie und nicken den Anwesenden zu, bevor sie sich aufs Urinal konzentrieren, um ihre mit Sponsorennamen bedeckten Hemden nicht zu beflecken. Und ja, nicht alle von ihnen waschen sich danach die Hände.
Nur Taylor macht sich gerne rar. Ihn bekommt man auch hinter der Bühne nur selten zu sehen. Es entspricht seinem Status. Wenn es je angebracht war, eine Person als lebende Legende zu bezeichnen, dann ist es der Engländer mit dem schütteren grauen Haar und den tätowierten Unterarmen, den Fans nur ehrfurchtsvoll "The Power" nennen.

Dartsspieler Phil Taylor läuft in die Halle ein

Models zur Begleitung, Einlaufmusik für die Superstars: Der Dartsport setzt sehr stark auf Inszenierung


Er ist seit fast 30 Jahren Profi. Das bedeutet, dass er aus einer anderen Welt kommt. Einer Welt, die der halb so alte van Gerwen nur vom Hörensagen kennt. Taylor war schon Doppelweltmeister, als es Anfang der 90er-Jahre zum Schisma in der Darts-Welt kam: Die besten Profis verließen den Britischen Darts-Verband und gründeten ihre eigene Organisation, die heute Professional Darts Corporation (PDC) heißt. Und Taylor kennt auch noch die Zeiten, als sein Sport nicht nur verraucht war, sondern auch verrucht. An die Zeiten, als man korpulente Männer, die mit Stahlpfeilchen werfen, nicht verehrte, sondern verspottete.

Fffump! Fffump! Fffump! Van Gerwen hat schon wieder eine 180 geworfen. Es ist keine Steigerung der Intensität möglich, deshalb halten die Zuschauer nur den betäubenden Lautstärkepegel aufrecht und tanzen auf den Tischen. Es ist nicht allein van Gerwen, der sie begeistert – sie sind einfach froh, hier zu sein. Es ist das erste Mal, dass die PDC ein Darts-Event dieser Größe auf nicht-britischem Boden abhält. Selbst für die rasant expandierende PDC ein Risiko. Niemand wusste, wie das europäische Publikum reagieren würde. Es dauerte 43 Minuten, dann waren fast 10.000 Tickets verkauft.

Phil 'The Power' Taylor gilt als bester Dartsspieler aller Zeiten. Er ist eine lebende Legende.

Phil 'The Power' Taylor gilt als bester Dartsspieler aller Zeiten. Er ist eine lebende Legende.


Barry Hearn hat Darts groß gemacht

Etwas abseits der Menschenmenge, am Rand dieses Meeres aus Orange, steht ein Herr im Rentenalter. Er trägt einen grauen Anzug, nippt an einer Flasche Bier, und seine wachen Augen blicken zufrieden auf die wogenden Massen. Dann dreht er sich um und spricht einen holländischen Journalisten an. "Was für ein toller Anblick", sagt er auf Englisch. "Wir hatten noch nie eine Veranstaltung, bei der in der Halle eine einzige Farbe so dominiert. Das habt ihr gut hingekriegt." "Wir haben gar nichts hingekriegt", entgegnet der Reporter. "Das ist ganz allein Ihr Werk!" Der Mann im grauen Anzug lächelt. Für einen der erfolgreichsten Sportpromoter der Welt (und Chef der PDC) ist Barry Hearn erstaunlich zurückhaltend. Andererseits kann er auch schlecht widersprechen. Natürlich ist dies sein Werk. Natürlich wäre ohne ihn niemand hier, hätte Taylor keine Millionen auf dem Konto, würde Darts noch immer ein Nischendasein fristen.

Wie er das geschafft hat? Nun, zunächst mit viel Erfahrung. Hearn wusste, wie man einen kleinen Sport groß macht, weil er es schon mal getan hat: Vor mehr als 30 Jahren zerrte er Snooker aus den Hinterzimmern und vor die TV-Kameras, verwandelte das Spiel halbseidener Hasardeure in ein Spektakel. Die Methoden von damals funktionieren auch heute noch.

Ob im Superhelden-Kostüm oder als Obst verkleidet: Dartsfans kommen meist mit bester Laune

Ob im Superhelden-Kostüm oder als Obst verkleidet: Dartsfans kommen meist mit bester Laune


"Man braucht gesunden Menschenverstand", sagt Hearn. "Gesunder Menschenverstand sagt dir, dass du zuerst investieren musst. Du musst das Preisgeld erhöhen und neue Turnierformate einführen. Aus einem simplen Grund: damit die Spieler Profis werden können. Früher konnten die meisten nicht von ihrem Sport leben. Jetzt können sie es. Damit werden sie besser. Und mit der Qualität des Spiels steigt auch der Unterhaltungswert." Darts hat Snooker sogar vieles voraus. Das Spiel mit den Pfeilen ist einfacher und billiger, jeder kann es daheim ausprobieren, weshalb Hearn gerne vom "Golf des kleinen Mannes" spricht. Vor allem aber ist das, was vor der Bühne passiert, fast so wichtig wie der Wettkampf selbst. Darum macht sich fünf Minuten vor dem Beginn der Übertragung ein Einpeitscher an die Arbeit. "Wenn es losgeht", ruft er dem Publikum zu, "dann seid ihr die Stars!" Was dann losgeht, ist all das Brimborium, das aus diesem simplen Spiel eine Show macht: Ansagen von Kampfnamen wie beim Wrestling, Einlaufmusik wie beim Boxen, Nebelmaschinen wie bei einem Rockkonzert, Cheerleader wie beim American Football und Models in hautengen Lederanzügen, die die Spieler auf die Bühne führen.

Darts "auf ein junges Publikum zugeschneidert"

"Es ist auf ein junges Publikum zugeschneidert", erklärt Hearn mit leiser Stimme. "Man hat einen netten Abend, der nicht allzu teuer ist. Es wird nicht langweilig, und es herrscht eine friedliche Partystimmung. Die Leute mögen vielleicht manche Spieler mehr als andere, aber es ist nicht wie beim Fußball, wo es echten Hass gibt." Hearn sitzt inzwischen im Presseraum, weit weg von der Halle, doch die Gesänge des Publikums sind so laut, dass sie trotzdem einige seiner Worte übertönen. Das macht ihm sichtlich Freude. "Wir haben bald ein Event in Neuseeland", sagt er. "Und nach dem, was gerade hier in Rotterdam passiert, weiß ich jetzt schon, dass wir morgen tausend zusätzliche Karten verkaufen werden. Wer die Bilder aus der Halle im Fernsehen sieht, will auch dabei sein." Diese symbiotische Beziehung zwischen Berichterstattung und Live-Erlebnis ist auch der Grund, warum "Matchroom Sport", die 1982 von Hearn gegründete Promotionsfirma, Snooker oder Darts nicht ans Pay-TV verscherbelt, sondern im frei empfangbaren Fernsehen belässt – und warum jeder Spieler sich nur Minuten nach seinem Wettkampf den Journalisten im Presseraum stellt. "Niemand weiß besser als wir, dass wir die Medien ebenso brauchen wie sie uns", sagt Hearn. "Ob es nun um traditionelle Medien geht oder um die modernen sozialen Netzwerke: Es darf kein Tag vergehen, an dem die Leute nicht über uns reden." Doch Hearn weiß, dass man neben gesundem Menschenverstand und den Medien auch den Zeitgeist braucht. Heute ist er besser im Geschäft denn je, aber um 1990 herum war von dem Vermögen, das er durch Snooker anhäufen konnte, nichts mehr übrig. Er hatte bei zu vielen Investitionen den Publikumsgeschmack verfehlt. Jetzt, im Alter von 68 Jahren, hat er das Ohr wieder am Puls der Zeit. "Es gibt eine Bewegung hin zu dem, was ich die Schönheit des Gewöhnlichen nenne", sagt er. "Dartsspieler sind Superstars, aber sie sehen aus wie dein Nachbar." Die gewöhnlichen Leute, die Außergewöhnliches leisten, sind das wahre Geheimnis der Erfolgsgeschichte Darts.

Der Mann hinter den Pfeilen: Geschäftsmann Barry Hearn hat Darts groß gemacht

"Früher konnten die meisten nicht von ihrem Sport leben. Jetzt können sie es. Damit werden sie besser. Und mit der Qualität des Spiels steigt auch der Unterhaltungswert."


Fffump! Nebenan, in der Halle, tut sich Außergewöhnliches. Phil Taylor, der mit 16 von der Schule abging und sich über Wasser hielt, indem er Halter für Toilettenrollen herstellte, hat sich ins Spiel zurückgekämpft.

Fffump! Fast 10.000 Holländer pfeifen, aber "The Power" fängt an, dieses Tohuwabohu zu genießen. Das Spiel gegen van Gerwen ist ihm wichtig, obwohl es heute nicht um einen Titel geht. Es ist die Abschlussveranstaltung einer Turnierserie namens Premier League Darts. Die acht besten Spieler der Welt nehmen teil. An jedem Abend gibt es vier Duelle, über maximal zwölf sogenannte Legs. Man muss also sieben Legs holen, um das Spiel zu gewinnen, auch ein 6:6-Unentschieden ist möglich. Für jeden Sieg gibt es zwei Punkte, für ein Remis noch einen Zähler. Am Ende erreichen die vier Spieler mit den meisten Punkten das große Finale in London. Van Gerwen und Taylor sind bereits qualifiziert, doch es geht hier um Prestige, Ehre und Preisgeld. Wer dieses Spiel gewinnt, beendet die Vorrunde von Premier League Darts auf dem ersten Platz und bekommt eine Bonuszahlung von 30.000 Euro.

Fffump! Fast 10.000 Holländer schweigen betreten. Taylor ist mit 3:2 in Führung gegangen. Der Engländer ballt die Fäuste, dreht sich um zum Publikum und grinst die Zuschauer frech an. Er darf das. Nein, er muss das sogar. So hat Barry Hearn es ihm beigebracht.

Dartsspieler müssen Entertainer sein

"Früher waren alle Dartsspieler automatisch extrovertierte Typen", sagt Hearn. "Sie mussten so sein, um mit Darts Geld machen zu können. Doch jetzt haben wir eine solide Infrastruktur, deshalb muss die nächste Generation nicht mehr ums Überleben kämpfen. Das ist eine Gefahr. Was ist, wenn es keine Typen mehr gibt, nur noch Roboter? Da kommen wir ins Spiel. Unser Job ist es, den Spielern zu erklären, dass es nicht reicht, ein großer Sportler zu sein. Sie müssen auch Entertainer sein. Nur dann werden sie mit Darts reich." Fffump! Der Schotte Peter "Snakebite" Wright, der an diesem Abend einen leuchtend roten Irokesenhaarschnitt trägt und einen Schlangenkopf auf die Schläfe gemalt hat, braucht einen Sieg, um sich für das Finale zu qualifizieren. Leider ist sein Gegner ausgerechnet der andere Holländer, Raymond van Barneveld. "Snakebite" geht zwar 6:4 in Führung, aber schließlich kann er das fanatische Publikum nicht mehr ausblenden. Altmeister van Barneveld schafft noch das 6:6.

Fffump! Selbst dem großen Taylor flattern in diesem Hexenkessel die Nerven. Vor wenigen Minuten hat er die Chance vergeben, mit 5:3 in Führung zu gehen. Nun, um 22.45 Uhr, liegt van Gerwen mit 6:5 vorne und muss nur noch die Doppel-16 treffen, um das Leg und das ganze Spiel zu beenden.

Fffump! Ein letztes Mal trifft der Pfeil die Scheibe, ein letztes Mal wird der Aufprall akustisch verstärkt, ein letztes Mal reißt es fast 10.000 Holländer in die Höhe. "Seven Nation Army" dröhnt aus den Boxen, als van Gerwen an den Rand der Bühne tritt und die Arme ausbreitet, um seine Fans zu dirigieren. "Ooooh Michael van Gerwen!" Barry Hearn betrachtet es mit stillem Genuss. "Ich sage immer: Das hier ist nicht das Ende, das ist erst der Anfang", bemerkt er. "Wir gehen bald nach Dubai und Shanghai. Darts ist fast Volkssport in China. Und was ich hier in Holland gesehen habe, sagt mir, dass wir im nächsten oder übernächsten Jahr Premier League Darts auch nach Deutschland bringen sollten." Wenn das der Anfang ist, was soll am Ende stehen? Ein Lächeln umspielt Hearns Lippen. "Die totale Weltherrschaft", sagt er. "Wir sind ein bisschen wie Attila und seine Hunnen."


Wissenscommunity