NBA-Finals "Just Dirk It!"


...stand auf einem Fan-Plakat in Dallas. Dirk Nowitzki hat es sich wohl zu Herzen genommen. Im zweiten Spiel der NBA-Finals siegten die Dallas Mavericks gegen Miami Heat deutlich mit 99:85. Verlierer des Tages war Shaquille O'Neal.
Von Helmut Werb, Los Angeles

"Wir müssen Shaq kontrollieren", sagte Dallas Mavericks-Coach Avery Johnson über den vermeintlichen Erzfeind. "Der Mann raubt mir nachts den Schlaf." Avery wird in nächster Zeit besser schlafen, denn seine Mavs spielten O'Neal mit ihrem 99:85 Sieg glatt auf die Reservebank. Vielleicht sogar für immer. Nun mag es ja sein, dass O'Neal mit 34 Jahren nicht mehr ganz so effektiv ist wie zu seinen Glanzjahren mit den Los Angeles Lakers, aber die Mavericks machten ihm das Leben extrem schwer. Vor dem Spiel hatte sich alle Aufmerksamkeit auf die Big-Time Player der beiden Teams gerichtet, Dirk Nowitzki bei Dallas und Shaquille O'Neal bei Miami, aber der Spielplan von Avery Johnson reduzierte Shaq - und mit ihm die Miami Heat - auch im zweiten Playoff-Spiel fast auf eine Statistenrolle. Die ersten Punkte des Spiels gehörten Shaq in der dritten Minute, aber das war's dann auch schon fast gewesen für den "Diesel". Mit Doppel- und Dreifachdeckung zermürbte die Dallas Verteidigung das hochkarätige Schwergewicht. Am Ende saß Shaq fast die gesamte zweite Halbzeit auf der Bank. Seine Ernte: ganze 5 Punkte!

Ganz anders Dirk Nowitzki. Mit 26 Punkten war der deutsche NBA-Superstar wieder einmal der erfolgreichste Spieler seines Teams, obwohl auch er Doppelteams auf sich zog. Aber Dirk war sich nicht schade, immer wieder die Drecksarbeit für sein Team zu leisten. 16 Rebounds, grossartige Verteidigung, 3-Punktwürfe. Wenn Nowitzki jetzt noch die Handtücher vom Boden aufhebt, erspart er Mavericks-Besitzer Mark Cuban noch die Trainer-Assis.

Dabei fing das Spiel eigentlich ziemlich miserabel an. Das erste Viertel prägten Unsicherheit, grobschlächtige Defensivarbeit und Wurfversuche wie aus der dritten Liga - sechs Minuten lang fiel kein einizges Fieldgoal. Dallas leistete sich sieben Turnover allein im ersten Viertel! Nach zwölf Minuten führten die Mavs mit ganzen 18:17 Punkten. Zum Wegschauen.

Nowitzki packt den "Dirkster" aus

Vielleicht lag's ja am aufmunternden Plakat des Fans, vielleicht daran, dass Shaq permanent eins auf die Mütze bekam, wie dem auch sein, im 2. Viertel kam endlich Leben in die Bude. "Du kannst Shaq nicht Mann-an-Mann stoppen", erklärte Dirk nach dem Spiel. Also machte es das ganze Team, und da jeder weiss, dass der Big Man keine Freiwürfe verwandeln kann, egal wieviele Millionen er dafür bekommt, haute man ihm halt solange den Ball aus der Hand, bis er beleidigt auf der Reservebank sitzen blieb. Miami ging zwar im zweiten Viertel kurz in Führung, aber die Überlegenheit der Dallas-Verteidigung wurde immer deutlicher. Miami schaffte keinen offensiven Rebound mehr und die beste Waffe der Heat blieb der Distanz-Wurf, der allerdings immer seltener traf. Dann packte Nowitzki langsam den "Dirkster" aus: er bediente Teamkollegen Jerry Stackhouse mit einem Superpass, und der schaffte prompt, was es in den NBA-Playoffs zuvor nur sechsmal gegeben hatte - ein 4-Punkte Spielzug (Freiwurf nach erfolgreichem 3-Punkte-Wurf). Und weil's so schön war, machte Kollege Josh Howard das seltene Kunststück in 3. Viertel gleich mal nach. Zur Halbzeit jedenfalls führten die Mavs mit 50:34 Punkten!

Danach schauten sie sich nicht mehr um. Die zweite Hälfte gehörte Dallas, und zwar dem gesamten Team. Nowitzki band Miamis Verteidiger gleich zuhauf an sich. "Heute lief es besser als im ersten Spiel", plauderte ein erschöpfter, aber sichtlich erleichterter Nowitzki in die Reporter-Mikrophone. "Ich bekam den Ball heute mehr in der Bewegung, was mir mehr Freiraum gab." Dirks Verteidiger-Magnetismus nutzten das überragende Talent Devin Harris, Josh Howard und der wie im ersten Spiel sensationelle Jason Terry, um Miami glatt an die Wand zu spielen. Heat-Coach Pat Riley, mit vier Meisterschaftsringen gut behängt, sah aus wie ein Anwalt, der gerade erfahren hat, dass der Scheck seines Klienten platzte. Dwyane Wade schaffte trotz einer Grippe noch 23 Punkte, aber sonst war nicht viel von Miami zu sehen, und selbst der von Riley für den entnervten Shaq eingewechselte NBA-Opa Alonzo Mourning konnte nichts gegen die Mauer der Dallas-Defense ausrichten. Im 4. Viertel führten die Mavs mit bis zu 27 Punkten. Am Ende konnte Dallas sogar noch einen Gang rausnehmen und Miami bis auf zwölf Punkte rankommen lassen. Aber der Sieg der Mavericks stand nie in Frage. Im Gegensatz zum ersten Spiel ist der Endstand von 99:85 Punkten sogar noch schmeichelhaft für Miami.

Dallas ist Favorit

"Wir fahren nach Hause", schimpfte ein sichtlich erregter Pat Riley in der Pressekonferenz nach dem Spiel. "Und da spielen wir drei Spiele. Für euch sind wir ja schon Geschichte. Aber wir wurden schon gegen Detroit abgeschrieben. Und nun sind wir hier. Vielleicht entzündet das Ergebnis ja ein kleines Feuer in unseren Spielern."

Trotz des Riley'schen Zwangsoptimismus - Dallas ist Favorit. Nur zwei von 27 Teams konnten in den Finalspielen jemals einen Zwei-Spiele-Rückstand wieder aufholen, die Mavs sind ganz offensichtlich die besser gecoachte, besser spielende Mannschaft und sie haben eine Bandbreite auf der Reservebank, die den Heat fehlt. Shaq, der grosse - und enttäuschende - Superstar wird zunehmend (und mit Grund) von seinen Kollegen am Court geschnitten. Der Gegenspieler Nowitzki läuft hingegen zur Form seines Lebens auf. Doch der warnt: "Ich hoffe, dass wir von unseren Fehlern aus den Spielen gegen Phoenix gelernt haben", stapelt der 2Meter14 grosse Deutsche tief. So wie's aussieht, muss auch er sich keine grossen Sorgen mehr machen.


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