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NBA-Finals: Celtics am Ziel ihrer Träume

Die Boston Celtics haben im sechsten Spiel die NBA-Meisterschaft gewonnen. Am Ende der Serie best of seven hieß es 4:2 für Boston. Das sechste Spiel wurde zu einer regelrechten Hinrichtung des L.A.-Glitzerteams um Superstar Kobe Bryant.

Von Helmut Werb

Es gibt gewisse Vorkommnisse im Leben, die sind mit "katastrophal" nur unzulänglich beschrieben. Das letzte Spiel um die NBA-Meisterschaft zwischen den Lakers und den Celtics war so ein Ereignis. Dass die Chancen der Lakers gering waren, den Meistertitel der NBA nach drei verlorenen Spielen ausgerechnet im Hexenkessel des Boston Garden zu holen, darüber waren sich die Experten einig. Dass das beste Team der Western Conference der NBA aber vorgeführt werden würde wie eine Drittligamannschaft, war dann schon eine Überraschung. Los Angeles hatte nicht den Hauch einer Chance gegen ein Team, das der Truppe um Superstar Kobe Bryant in allen Bereichen haushoch überlegen war.

Aussichtsloses Unterfangen

Dabei hatte alles noch relativ harmlos angefangen. "Die Lakers sind jung genug und dumm genug, um die Finals noch zu gewinnen", verlautete - ausgerechnet - Lakers Coach Phil Jackson gegenüber einem Reporter der Los Angeles Times. L.A. hätte nach dem Sieg im letzten Heimspiel die beiden verbliebenen Matches gegen Boston gewinnen müssen, um Meister zu werden. Und das im Haus der Celtics, vor 22.000 halbverrrückten Boston-Fans, die schon ganz andere Stars zum Nervenzusammenbruch trieben als Starspieler Kobe Bryant und Coach Jackson.

Celtics-Trainer Doc Rivers hatte ganz andere Probleme auf sich zukommen sehen: Nicht seine angeschlagenen Stammspieler Kendrick Perkins, Rajon Rondo und Paul Pierce machten ihm Sorgen, sondern der Dreistunden-Jetlag, den sein Team auf dem Heimweg gen Osten zu verkraften hatte: "Das ist ganz furchtbar", hatte der Doc vor dem Spiel schon mal prophylaktisch gestöhnt, "unser Schlafrhythmus kommt ganz durcheinander."

Boston kaufte den Lakers den Schneid ab

Davon war jedoch nichts zu spüren. Boston begann mit ebenso hohem Tempo wie Körpereinsatz und kaufte den Kaliforniern innerhalb der ersten Minuten gleich den verbliebenen Schneid ab. Nach etwas über zwei Minuten lagen die Celtics zum ersten Mal in Führung, die Lakers hielten noch mit, aber die aggressive Gangart Bostons zwang L.A. zur Hälfte des ersten Viertels zu vier Turnovers. Und von da an ging's bergab mit den Lakers.

Zum Ende der ersten zwölf Minuten lag Boston mit 20:24 in Führung. Phil Jackson hoffte zwar noch, das Ruder rumzureißen - "Wir werden jetzt mehr auf Kobe spielen", sagte er - aber seine Wunderwaffe zeigte keine Wirkung. Boston dominierte das Spiel, machte die Deckung vollkommen zu und ließ Kobe einfach nicht mehr an die Körbe. Pau Gasol und Lamar Odom bei den Lakers waren - wieder mal - ein Totalausfall, dafür spielte in Boston ein geschlossenes Team, das Bryant aus dem Spiel ausschaltete, die besseren Screens setzte und die Zweikämpfe gewann.

Rivers siegte im Duell der Trainer

Im zweiten Viertel wurde es auch zunehmend klar, dass der Celtics Coach Doc Rivers, seinem Gegenüber, dem alten Hasen Jackson, der immerhin schon neun Meisterschaften geholt hatte, diesmal überlegen war.

Was immer Jackson versuchte, um die sich anbahnende Tragödie zu vermeiden, Rivers war schon da. Resultat: die Lakers hingen nach dem zweiten Viertel angeschlagen in den Seilen, erzielten gerade mal eine 23-prozentige Schussbilanz und hatten sich bis zu diesem Punkt 11 Turnovers geleistet. Kevin Garnett, der Forward der Celtics und bester Defensiv-Spieler des Jahres, lief zu sensationeller Form auf und hatte zur Halbzeit 16 Punkte und Rebounds gewonnen. Die Celtics lagen mit 56:35 Punkten vorn. "Schmeißt das Spiel nicht weg", schrie Phil Jackson in der Kabine, aber da war es schon zu spät.

Ehrenrunde der Celtics

In der zweiten Hälfte stellten die Lakers de facto den Spielbetrieb ein. Die gesamte Verteidigung sah Ray Allen beim Dreier-Werfen zu, Rebounds fanden nicht einmal mehr im Ansatz statt, es gab Fehlpässe statt Fieldgoals. Boston hingegen gelang alles, und keinen der Zuschauer hielt es mehr auf den Sitzen.

Mit vier verbleibenden Minuten im dritten Viertel schnappte sich Rajon Rondo den Ball - ausgerechnet von Kobe Bryant - zum 14. Steal, und der Vorsprung der Celtics war auf gnadenlose 30 Punkte angewachsen. Zum Ende des Viertels lag Boston mit 60:89 vorn.

Das vierte Viertel war dann eine Ehrenrunde der Celtics. Die Lakers waren zu Statisten degradiert, Kobe saß die ersten vier Minuten (und die letzten drei) der Blamage auf der Bank aus, nur Jordan Farmar versuchte es noch mal mit einem Dreier, sonst war von Los Angeles nichts mehr auf dem Parkett zu sehen.

Als Kobe kurz auf dem Tanzboden auftauchte, schien das keinen mehr zu kümmern. Boston hatte die Party schon gestartet, der Garden sich inzwischen in eine gigantische Kaoroke-Bar für die Celtic-Fans verwandelt, und, ach ja, in der Zwischenzeit stand es 79:113.

Während das Spiel noch drei Minuten ertragen werden musste, lagen sich Paul Pierce und Kevin Garnett tränenüberströmt in den Armen, und vier Millionen Bostoner taten es ihnen alkoholisiert auf der Straße nach. Es gab zwar noch so etwas wie einen Basketball-Lehrgang auf dem Parkett, aber selbst die Kameras des Fernsehsenders ABC ignorierten zunehmend den Spielbetrieb und konzentrierten sich auf die ausufernden Feierlichkeiten.

Das Endergebnis war fast schon egal

Die standesgemäße Gatorade-Dusche für Doc Rivers kam schon 30 Sekunden vor Spielschluss durch Paul Pierce, das Endergebnis von 131:92 (der zweitgrößten Punktedifferenz seit die Chicago Bulls vor Jahrzehnten die Utah Jazz mit 41 Punkten deklassiert hatten), wurde nur von einigen pflichtbewussten Kommentatoren vermerkt und war schlussendlich egal. Boston stand Kopf - und steht es wahrscheinlich immer noch - denn die Celtics hatten nach 22 Jahren den Pokal endlich wieder in die grüne Stadt gebracht, wo er nach Meinung aller Bostoner hingehört.

Doc Rivers konnte - total verheult - nur noch "I don't know, I don't know" ins Mikrophon krächzen, Kevin Garnett hingegen lag der Celtic-Legende Bill Russell in den Armen und fragte ihn immer wieder: "Bist Du stolz auf mich?"

Er sollte es sein, denn sie haben es sich verdient, die Celtics. Mit Boston hat nicht nur das spielerisch bessere, weil geschlossenere Team gewonnen, sondern die überlegenen Spieler. Garnett erzielte 26 Punkte, Ray Allen 26, Pierce 17 und selbst der kleine Rondo machte 20, zusätzlich zu seinen 6 Steals. Der große Sieger aber war der Coach, der verbockt und stur selbst den großen Zen-Meister Jackson "aus-coachte" und vom Thron stieß. Gratulation.

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