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NBA-Finals: Gerade nochmal reingeschlittert

Im fünften Spiel, dem letzten Heimspiel in Los Angeles, mussten die Lakers unbedingt gewinnen, um noch die Spur einer Chance für einen Titelgewinn zu haben. Insgeheim warteten alle Beteiligten, dass die Lakers wieder mal eine Führung wegschmeißen, aber dieses Mal blieben sie dran und gewannen knapp.

Von Helmut Werb, Los Angeles

Die Hymen waren gespielt, das Hooplah der Spieler-Vorstellungen schon durch, die üblichen Verdächtigen saßen auf den besten Plätzen, die Hollywood an diesem Abend zu bieten hatte. Und alle, aber wirklich alle, warteten in Wahrheit nur auf eins – dass die Lakers mal wieder brilliant starteten im fünften Spiel um die NBA-Meisterschaft, um dann den Sieg gegen Ende wieder weg zu schmeissen.

Es war der katastrophalste Kollaps in den Finalspielen der NBA-Geschichte gewesen – die Lakers hatten am letzten Donnerstag das Spiel 4 in der NBA-Finalrunde einen 24-Punkte-Vorsprung weggeschmissen, ein NBA-Rekord, und das wichtige Spiel 4 sensationell verloren. Nicht nur das Team stand unter Schock, die ganze Stadt, und mit ihr das gesamte Hollywood-Staraufgebot, hatte in stummen Entsetzen ihre Agenten angerufen. Kobe Bryant hatte sich dem in Hollywood üblichen Trend unter Zuschauern angeschlossen und das Spiel drei Sekunden vor dem Schluss-Buzzer verlassen. Trotzdem gaben sich sowohl der Lakers-Star als auch sein Coach, Phil Jackson, entspannt und gelassen, 3:1 Rückstand hin oder her.

Boston geschwächt

"Kobes Stimmung war hervorragend", erklärte Zen-Meister Jackson den staunenden Reportern. "Er weiß, dass er derjenige ist, der das Team nun zurückbringen muss." Die Boston Celtics hingegen, die zu Ende der denkwürdigen Partie in einen wahren Spielrausch verfallen waren, gaben sich grimmig entschlossen, die "Best-of-Seven"-Serie noch in Los Angeles zu gewinnen, obwohl es auch nichts ausmachen würde, den Pokal am Ende erst in Boston in die Hände zu bekommen. "Wir wollen das Spiel am Vatertag in Los Angeles gewinnen, das wäre super", schränkte Doc Rivers ein, der Coach der Celtics, "Es in Boston zu schaffen, wäre noch besser und mit absolut nichts zu vergleichen."

Die Lakers konnten also durchaus erwarten, im letzten Heimspiel auf einen etwas weniger bissigen Gegner zu treffen. Nicht nur, dass die Celtics die Meisterschaft gerne vor eigenem Publikum gewinnen würden, einige der Bostoner Schlüsselspieler traten verletzt an – Paul Pierce und Rajo Rondo waren angeknackt. Kendrick Perkins gar saß in voller Disco-Montur auf der Bank der Spielerfrauen. Den Lakers war's egal, sie konnten jede Hilfe gut gebrauchen. Nur selten zuvor hatte das Genie der gesamten Mannschaft gegen Boston aufgeblitzt – wie in Spiel 3 oder in der ersten Hälfte des vierten Spieles - , ansonsten waren die Celtics einfach das bessere, weil durchsetzungsfähigere Team.

Lakers drehen auf

Und ganz als sei nix gewesen, fing das Spiel genau so an wie das Verlorengegangene. Nach 30 Sekunden scorte Pau Gasol, der für Los Angeles spielende Spanier, den ersten Korb, Kobe Bryant, der merkurische Superstar der Lakers, krallte sich den Ball und warf seinen ersten Dreier – die Lakers führten schon mal mit 5:0. Und wie üblich übertraf sich die Bostoner Verteidigung in der Anfangsphase in praktizierter Chaos-Theorie, wie üblich brillierte Kobe mit ein paar gloriosen Spins und nach dreieinhalb Minuten führte Los Angeles mit 10:2 Punkten.

Pau Gasol, bisher eher enttäuschend, zeigte verbesserten Einsatz, Bryant entwickelte sich zum Spezialisten für 3-Punkte-Würfe, es stand 24:10, und die "MVP, MVP" Rufe schallten durch die versammelte Filmlandschaft. Nur die paar verbliebenen Vernünftigen im Staples Center in Los Angeles fragten sich, wie eine solch brilliante Mannschaft in den vorherigen Spielen so untergehen konnte - und wartete auf das Unvermeidliche. Doch während des gesamten ersten Viertels blieb die Welt der Traumstädter noch durchaus in Ordnung: die Lakers trafen erstaunliche 65 Prozent ihrer Fieldgoal-Versuche, Kobe machte 15 Punkte, und am Ende von zwölf Minuten stand es 39:22. Die ersten Lakers-Fans fragten sich, ob man nicht vielleicht doch schon zum Auto gehen sollte, um den Stau zu vermeiden.

Merkwürdige Taktik

"Wir können ihn nicht stoppen", plapperte Celtics-Coach Doc Rivers derweil aufgeregt ins Mikro der ABC-Reporterin, "Kobe ist einfach überall." Nicht wirklich, denn Phil Jackson ließ seinen Superstar die ersten vier Minuten des zweiten Viertels auf der Bank ausruhen, wohl damit der im zu erwarteten miserablen dritten Viertels noch frisch sei. Boston spielte da nicht mit, sondern verlegte die übliche Aufholjagd einfach in Runde zwei. Anstelle Kobes schickte Jackson zum Entsetzen jener oben genannten Klardenker einen gewissen Chris Mihm aufs Feld, einen Texaner, der 59 der letzten Spiele auf der Bank (oder bei den Spielerfrauen) gesessen war, und ließ ihn auch noch Paul Pierce bewachen, den in Boston inzwischen als Halbgott gehandelten Guard der Celtics. Die ersten Minuten standen eine Los Angeles Fünferreihe auf dem Parkett mit Mihm, dem Serben Vujacic, den blutjungen Jordan Farmar und Trevor Ariza, mühsam zusammengehalten von einem stark leistungsschwankenden Lamar Odom. Was zur Folge hatte, dass sich weniger bewandte Lakers-Fan fragten, ob sie im richtigen Spiel gelandet seien.

Ums kurz zu fassen, die seltsame Taktik des Zen-Meisters mit jungen Grashüpfern die alterfahrenen Celtic-Profis zu übertölpeln, schlug schmählich fehl. Die einzigen Verwirrten waren in der Verteidigung der Lakers zu finden. Boston konnte Luft holen und kam nach zweieinhalb Minuten des zweiten Viertels auf 32:43 ran, davon schon mal 13 Punkte allein auf Paul Pierces Konto, und auch Celtics-Oldie Sam Cassell hatte wieder Raum genug, um einen prächtigen Pass auf Ray Allen zu spielen, der den Rückstand auf neun Punkte verkürzte.

Hartes Game

Pierce warf einen Dreier, L.A.’s Derek Fisher hingegen Airballs, die Lakers hatten fast neun Minuten nicht mehr gescoret, und mit vier Minuten auf der Uhr stand es nur noch 39:45. Das Projekt Zen war damit beendet, Kobe übernahm das Ruder und die Lakers wachten auf. Nur eine Minute später waren sie wieder auf 42:50 davongezogen, trotzdem schlich sich bei den über 19.000 Zuschauern im Staples Center in Los Angeles eine ungutes "déjà vu all over again"-Feeling zwischen die Sushi-Stückchen.

Kurz vor der Halbzeit wurde das Spiel dann zunehmend ruppiger. Kobe Bryant wurde so effektiv und körpernah gedeckt, dass er im Zweiten kein einziges Mal traf, Paul Pierce hingegen Körbe nach Lust und Laune - zur Pause hatte er 21 Punkte gesammelt, und die Lakers konnten grade noch so ihren Vorsprung in die Kabine retten. Spielstand nach 24 Minuten: 55:52 für Los Angeles. "Pierce ist ein großes Problem für uns", gestand Kobe sichtlich beeindruckt vor den Kameras. Bill Walton, NBA-Altstar, Fernsehkommentator und Vater von Laker Luke Walton, formulierte es etwas präziser: "Doc Rivers kontrolliert das Spiel. Sonst niemand."

Boston holt auf

Es kam das befürchtete dritte Viertel, und siehe da, Lamar Odom traf als Erster. Danach gings erstmal bergab mit L.A.. Die Defensive um Radmanovic und Odom war von der Rolle und ließ Ray Allen vollkommen ungehindert zum Dreier kommen – Ausgleich 57:57 nur zwei Minuten nach Wiederanpfiff. Pierce verwandelte einen Freiwurf, und mit 58:57 ging Boston zum ersten Mal in Führung. Damit hatten sie – wieder mal – einen 19 Punkte Rückstand aufgeholt. Nach siebzehn – na, sagen wir mal – unerfolgreichen Minuten traf Kobe Bryant eine Minute später endlich seinen nächsten Treffer und die Lakers waren wieder in Führung.

Pierce und Kobe lieferten sich wie im letzten Spiel eine herrliche Schlacht, das Match wurde noch härter und die Führung wechselte hin und her. Die Zuschauer (die verbliebenen, jedenfalls) bekamen spannendes, extrem körperbetonten Basketball für ihr teures Geld zu sehen. Zur Hälfte des dritten Viertels verteidigten die Lakers ihre Führung knapp mit 65:64 Punkten. Und langsam begann der Stern der Kobe-Truppe wieder stärker zu scheinen. Zwar spielten sie immer noch eine miserable Defensive, konnten Bostons Pick-and-Roll einfach nichts entgegenhalten, und dann machten die Celtics zu allem Übel ihrerseits einfach den Wurfkreis zu. Aber ausgerechnet Pau Gasol (19 Punkte!!) und der immer besser werdende Farmar besannen sich in den letzten Minuten des Viertels auf ihr Können. Nach einer hervorragenden Kombination warf Radmanovic einen Bilderbuchdreier und die Lakers setzten sich mit 64:71 etwas ab. Pierce und James Posey von den Celtics zeigten herausragendes Basketball, Cassell warf einen eingedrehten Dreier und es stand 70:74. Die Lakers überlebten dennoch das "Alptraum-Viertel" deutlich mit 70:79. "Wir müssen für Kobe mehr Platz finden", philosophierte Phil Jackson in der Pause. Aber da wo Kobe den Platz finden sollte, stand halt meistens schon der Herr Pierce.

Für Los Angeles wird's schwierig

Das Vierte startete der Laker Farmar mit seiner stärksten Phase. Zusammen mit Gasol gewann er zunehmend Zweikämpfe, und nach zweieinhalb Minuten war Boston auf 74:86 zurückgefallen. Sam Cassell trieb seine Teamkollegen weiter an, und die Celtics hielten den Abstand zumindest übersehbar. 83:90 stand es nach sechs Minuten, nur sechzig Sekunde später wankten die Lakers noch einmal: mit vier Minuten und dreißig zu spielen zog Boston mit 90:90 wieder gleich. Bostons P.J. Brown, Kevin Garnett und Paul Pierce hatten sich jedoch je fünf Fouls eingefangen, was die Defensive der Celtics deutlich schwächte. Zuvor hatte die überragende Verteidigung Bostons es geschafft, Kobe auszuschalten, aber der bekam langsam den Platz, den Jackson für ihn wollte. Dann konnte Derek Fisher einen Ball stehlen, die Lakers zogen mit 95:91 davon und hielten dem steigenden Druck der Celtics stand. Mit zwei Minuten Spielzeit stand es 97:93. Bryant gelang ein weiterer Steal von Pierce, der Ball gelangte zu Odom, der ihn mit einem herrlichen Pass an Kobe zurückschickte.

Kobe dunkte den Ball, 99:95 mit 37 Sekunden. Fisher durfte noch einmal an die Foullinie, 100:95, 25 Sekunden. Bostons verzweifelte Gegenwehr nützte jedoch nichts mehr – die Lakers retteten sich mit einem 103:98 ins sechste Spiel in Boston. "Wir wollten es eigentlich hier klarmachen", sagte ein enttäuschter Paul Pierce (38 Punkte). "Jetzt feiern wir die Party halt in Boston."

Los Angeles hingegen hat realistisch gesehen wirklich nur noch eine hauchdünne Chance. In Boston die nächsten zwei Spiele zu gewinnen – dazu müsste die Mannschaft einfach besser und geschlossener auftreten als bisher. Sie müsste deutlich besser verteidigen, Und unerklärliche Zusammenbrüche vermeiden. "Wir hätten besser spielen können", untertrieb der Starspieler der Lakers das Offensichtliche. "Aber wir waren so schlecht in den letzten Spielen, wir sind im nächsten einfach fällig für einen grossen Durchbruch." Na dann kann in Boston ja nichts mehr schiefgehen.

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