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NFL: NFL-Kolumne - Die zehn besten Spieler im Draft

Immer wenn der April fast seine Pforten schließen möchte, begeben sich die Verantwortlichen der NFL in die Radio City Music Hall in New York, um sich im Draft die Dienste des hoffnungsvollen Nachwuchses zu sichern. Wir stellen die zehn besten Spieler 2012 vor.

Für manche Termine im NFL-Kalender - unter anderem den Draft - wünschte ich mir eine Wanze bei allen 32 Teams, um in Erfahrung zu bringen, was die Verantwortlichen wirklich denken. Zum Beispiel über die zehn besten College-Spieler diesen Jahres. Anders als der General Manager der New Orleans Saints, Mickey Loomis, der nach einem Bericht von ESPN über drei Jahre gegnerische Teams im Super Dome belauscht haben soll, würde ich mein Wissen nicht zu meinem Vorteil, sondern natürlich dem der Leser nutzen.

Da ich aber keine Wanzen irgendwo versteckt habe, muss ich mich wohl darauf beschränken, mein bescheidendes eigenes Wissen in Wort zu fassen. Da ich nicht wie eine gesprungene Schallplatte klingen möchte, verkneife ich mir in dieser Woche mal die Yoda-Zitate, will angesichts der Unberechenbarkeit ab Pick Nummer drei aber auch nicht zu sehr im Trüben fischen und beschränke mich statt eines Mock Drafts auf die Top Ten diesen Jahres.

Das bedeutet, diese Zehn sind nicht die zehn von mir vorausgesagten ersten Picks diesen Jahres, sondern die zehn besten Spieler, die ab heute Nacht einen NFL-Arbeitgeber finden werden. Dabei habe ich mir die Freiheit genommen, die zehn Besten in drei Gruppen einzuteilen.

Die fantastischen Vier: Luck, RGIII und?

1. Andrew Luck, QB, Stanford
2. Robert Griffin III, QB, Baylor
3. Trent Richardson, RB, Alabama
4. Matt Kalil, OT, Southern California

Was die Spatzen seit gut einem Jahr von den Dächern pfeifen, ist nun in trockenen Tüchern: Andrew Luck steht seit zwei Tagen offiziell als erster Pick des diesjährigen Drafts fest. Und das mit Recht, die Indianapolis Colts dürfen sich nach Peyton Manning auf einen Quarterback der Extraklasse freuen. In fast allen Bereichen geben ihm die Experten Bestnoten, kaum ein Erstrundenpick war umstrittener.

Das ist bei der designierten Nummer zwei, Robert Griffin III, nicht ganz so eindeutig. Ja, er wird von den Washington Redskins an zweiter Stelle genommen werden. Aber er spielt die Quarterback-Position ganz anders als Luck und setzt mehr auf seine Mobilität. Dadurch bedingt sich sein wohl größtes Fragezeichen, nämlich sein Durchhaltevermögen. Denn die laufenden Spielmacher sind mehr gegnerischen Tackles ausgesetzt und damit eher Kandidaten für Verletzungen.

Meine Nummer drei ist Trent Richardson, der der mit Abstand beste Running Back dieses Jahrgangs ist, der allerdings nicht an dritter Stelle genommen werden wird, solange die Vikings diesen Pick besitzen. Denn die würden eher Left Tackle Matt Kalil nehmen, der die Tradition seines Vaters Frank und Bruders Ryan fortsetzen wird. Frank war in der USFL tätig, die Mitte der achtziger Jahre der NFL Konkurrenz machte, Ryan wurde 2007 von den Carolina Panthers gedraftet und gilt als einer der besten Center der Liga. Kalil bekommt ebenso wie Richardson von den Scouts in fast allen relevanten Kategorien für die jeweilige Position Bestnoten ausgestellt.

Auf der Kippe: Claiborne und Blackmon

5. Morris Claiborne, CB, LSU
6. Justin Blackmon, WR, Oklahoma State

Nicht falsch verstehen, Morris Claiborne und Justin Blackmon sind mit Sicherheit keine Spieler, die ein NFL-Team im Draft links liegen lassen würde – doch im Gegensatz zu den vier Erstgenannten weisen sie doch ein paar mehr Fragezeichen auf. So ist Cornerback Claiborne eine sehr zuverlässige Waffe gegen den Pass, allerdings hapert es, noch, bei der Verteidigung gegen das Laufspiel. Im Gegensatz zu anderen Schwächen, kann man gerade die Tacklingkünste bei Collegespielern im NFL-Training noch stark verbessern.

Blackmon könnte dagegen unter die alte Weisheit "man kann Geschwindigkeit nicht antrainieren" fallen. Wobei es bei ihm nicht um die Endgeschwindigkeit, sondern seine Explosivität geht. Ebenfalls gegen ihn spricht ein Vergehen wegen Trunkenheit am Steuer aus dem Jahre 2010. Anderseits ist er als fleißiger Arbeiter im Fitnessraum und auch für sein gemeinnütziges Engagement bekannt.

Best of the Rest: Von Coples bis Kuechly

7. Luke Kuechly, ILB, Boston College
8. Fletcher Cox, DT, Mississippi State
9. Melvin Ingram, DE South Carolina
10. Quinton Coples, DE, North Carolina

Sind die ersten sechs dieser Top Ten fast schon sichere Kandidaten für die Top Ten im Draft, könnte nicht nur einer aus dem Quartett Luke Kuechly, Fletcher Cox, Melvin Ingram und Quinton Coples in die Tiefe der ersten Runde fallen. Ein tieferer Absturz wäre jedoch schon eine Überraschung. Kuechly beeindruckt mich zwar auch durch seinen Namen, setzt aber spielerisch wichtige Akzente. Wichtig für einen Linebacker: er kann beim Third Down gegen den Pass eingesetzt werden. Insgesamt ist Kuechly ein sehr zuverlässiger Spieler, gegen den sich die Gegner erst einmal durchsetzen müssen.

Das größte Fragezeichen bei Defensive Tackle Fletcher Cox tat sich anfangs der Saison auf, als ihn die Mississippi State University wegen des Verstoßes gegen die Teamregeln suspendierte. Cox zeigte sich in der abgelaufenen College-Spielzeit jedoch gereift und könnte gerade einem NFL-Team Freude machen, dass einen zuverlässigen Tackle sucht, der sich auch einmal den gegnerischen Quarterback sucht.

Zwei Defensive Ends runden die diesjährige Auswahl der zehn besten Spieler ab. Nicht nur ihre Position, auch ihre Colleges bieten eine kleine Parallele. Melvin Ingram war für die South Carolina Gamecocks aktiv, Quinton Coples etwas weiter nördlich: Er lief für die North Carolina Tar Heels auf. Beide kommen als absolute Quarterback-Schrecken daher, bei beiden gibt es Fragezeichen, was ihr Durchsetzungsvermögen und ihr Spielverständnis angeht.

Nomen est Omen 2012

Im letzten Jahr hatte ich ausgerechnet Kuechlys Linebacker-Partner aus Boston, Mark Herzlich, ins – entschuldigung – Herz geschlossen, was seinen ausgefallenen Namen angeht. In diesem Jahr ist nicht nur Kuechly heißer Anwärter auf meinen Nomen-est-Omen-Award. Kurz hinter den Top Ten gäbe es noch Dont'a Hightower, der eine fast schon einzigartige Vor-, Nachnamens-Kombination aufweist. Dazu noch Quarterback Brock Osweiler, der seinem Vornamen angesichts seiner Körpermaße, knappe zwei Meter und 110 Kilo stehen auf seiner Habenseite, redlich verdient hat.

Wo ist Tannehill?

Apropos Namen, werden sich die geneigten Leser fragen, was ist mit Ryan Tannehill, den ich in der letzten Woche noch ausführlich vorgestellt habe? Nun, wie sich herausstellte, folgte auf den Aufstieg der letzten Wochen ein kleiner Fall, wie besonders die Vikings festgestellt haben dürften. Die boten nämlich ihren dritten Pick wie Sauerbier an, wurden ihn allerdings nicht los – zumal die Cleveland Browns, die an vierter Stelle wählen dürfen, ihrem derzeitigen Quarterback Colt McCoy vorerst die Treue schworen und somit andere Teams, die sich eventuell den Pick der Vikings für einen Spielermacher, nämlich eben Tannehill, sichern wollten, erst einmal aufatmen ließen. Als einzige wirklichen Interessenten haben die Experten derzeit die Miami Dolphins ausgemacht, die dürfen an Platz acht wählen.

Einzige Hoffnung der Vikings sind die damit die New York Jets, die sich für Running Back Richardson interessieren könnten, der ansonsten wohl zu den Browns gehen dürfte. Und so bleibt das Motto der letzten Woche auch in dieser Woche und die Zukunft weiter in Bewegung. Bis heute Nacht NFL-Commissioner Roger Goodell in der New Yorker Radio City Music Hall den Draft eröffnet.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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