HOME

NFL: NFL-Kolumne - Zwei entscheidende Spielzüge der ersten Playoff-Runde

Football-Spiele dauern 60 Minuten, manchmal kommt noch eine Verlängerung hinzu - und doch sind es manchmal nur Sekunden und vor allem einzelne Spielzüge, die NFL-Partien entscheiden. Wir blicken zurück auf das Wildcard-Wochenende und zeigen zwei wichtige Playoff-Momente.

Wäre der legendäre Packers-Coach Vince Lombardi eher wie Sepp Herberger gewesen, hätte er vielleicht Sprüche geprägt wie: "Der Ball ist eiförmig", "das Eiförmige muss über die Stange" und zu guter Letzt "ein Football-Spiel dauert 60 Minuten".

Mit letzterem Spruch hätte Vince Herberger oder Sepp Lombardi - der Echte aus Green Bay prägte übrigens ähnliche Weisheiten, zum Beispiel "wenn gewinnen nicht alles ist, warum wird dann gezählt?" - allerdings nur halbrecht gehabt, manchmal dauert ein Spiel auch mal 60 Minuten und elf Sekunden. Und oft kommt es in einem Footballspiel auf einen bestimmten Spielzug an, der über Wohl und Wehe entscheidet. Vorhang auf für zwei Beispiele vom Wildcard-Wochenende.

Vorbildlicher Spielplan

An der Geschichte der ersten Playoff-Runde komme ich natürlich auch nicht vorbei, auch wenn ich eigentlich über Tim Tebows wundersame Siege nicht mehr viele Worte verlieren wollte. Aber was die Denver Broncos mit dem polarisierenden Quarterback gegen die zuvor als übermächtig angesehenen Pittsburgh Steelers spielten, war aller Ehren wert. Nach dem Motto, wenn die kurzen Würfe halt nicht klappen, holte Tebow auf einmal die langen Bomben raus.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht – das Team aus den Rockies funktionierte nach sechs Jahren Playoff-Abstinenz so, wie ein Außenseiter bei solchen Gelegenheiten auftreten sollte. Die Coaches hatten die richtigen Spielzüge geplant und die Spieler - allen voran Tebow und seine Offensive - setzten diese mustergültig um. In der Defensive lief es auf dem Papier nicht ganz so gut, immerhin 400 Yard Raumgewinn gestand man den Steelers zu. Allerdings waren die Verteidiger wenn es darauf ankam, in der so genannten Red Zone diesseits der eigenen 20-Yard-Linie, meist verlässlich.

Alles lief natürlich auf den entscheidenden Wurf im ersten Spielzug der Verlängerung hinaus. Pittsburgh hatte die Partie mit einer Art Anti-Lauf-Verteidigung begonnen, in der sogar die Safeties, eigentlich hauptsächlich die letzte Absicherung nach vorne geschickt wurden, um den Gegner zu stoppen. Nach dem ersten Viertel begannen die Broncos diese Taktik mit langen Würfen auszuhebeln. Mit Erfolg, schließlich ging man mit einer 20:6-Führung in die Pause. Da die Steelers aber die Steelers sind, kamen sie ran und schickten das Spiel mit 23:23 in die Verlängerung.

Nur elf Sekunden

Die aber dank des perfekten Broncos-Spielzug nur elf Sekunden dauert. Dieser Touchdown-Pass über 80 Yard wies letztlich alle Vorzüge auf, die das Spiel Denvers in dieser Partie prägten. Der erste Schachzug zum Erfolg folgte beim Münzwurf, als Coach John Fox seine Teamkapitäne, entgegen den zuvor vermuteten Taktiken, sich für das erste Angriffsrecht entschied. Mit der neuen Overtime-Regel für die Playoffs, die besagt, dass nur ein Touchdown und nicht ein Field Goal das Spiel per Sudden Death, wie in der regulären Saison, beendet, hatten viele Experten geglaubt, die Coaches würden nun zuerst kicken, um abzuwarten, was das andere Team macht. Nicht so der schlaue Mister Fox.

Danach schlug zunächst die Stunde von Offensiv Coordinator Mike McCoy, der einen Passspielzug ansagte. Zwar positionierten er und Quarterback Tim Tebow die Offensive in der Shotgun-Formation, bei der der Spielmacher nebst Running Back ungefähr dreieinhalb Meter hinter dem Ball steht, und somit eine beliebte Pass-Aufstellung ist. Doch bei dem lauffreudigen Tebow bedeutet diese nicht automatisch einen Wurf. Zumal sich bis auf Tebow, Running Back Willis McGahee und Wide Receiver Demaryius Thomas die acht anderen Spieler eng in einer Art Laufblock-Position zeigten.

Sobald der Center den Ball zu Tebow brachte, täuschten dieser und McGahee kurz die Ballübergabe an, während Thomas und Kollege Eddie Royal als einzige mögliche Anspielstationen nach vorne liefen. Tebow platzierte kurz danach den Ball per Wurf in Thomas Hände in 15 Yard Entfernung. Der drehte auf, wehrte Cornerback Ike Taylor per ausgestrecktem Arm ab, und lief diesem und Mitspieler Ryan Mundy über 65 Yard zur Broncos-Glücksseligkeit davon. Perfekte Entscheidung der Coaches, perfekte Ausführung durch die Spieler - so einfach kann Football sein.

Verteidigung gewinnt Playoff-Spiele

Nicht ganz so spät, nämlich kurz vor der Halbzeitpause, sorgte ein Spielzug für die Vorentscheidung beim Debüt-Sieg der Houston Texans bei der ersten Playoff-Teilnahme des Teams. Mit noch 1:11 Minuten zu spielen hatten die Cincinnati Bengals beim Stande von 10:10 den Ball an der eigenen 34-Yard-Linie. In der Shotgun-Formation - anders als im Falle der Broncos allerdings mit vier Wide Receivern weiter außen aufgestellt - tendierte der Rookie-Quarterback der Bengals, Andy Dalton, sehr offensichtlich zu einem Pass.

Der Versuch zu einem solchen folgte auch, flog allerdings keine zwei Yard weit. Defensive End J.J. Watt brachte nicht nur die Hände an den Ball, sondern fing ihn sogar noch ab. Das Überraschungsmoment bei seinem unerwartet erfolgreichen Beutezug nutzte der 130-Kilomann zu einem Touchdown. Die Bengals kamen zu keinen weiteren Punkten mehr, Dalton warf zwei weitere Interceptions, während die Texans am Ende klar mit 31:10 gewannen.

Auf in die nächste Runde

In der Divisional Round müssen die Broncos und Texans auf ähnliche erfolgreiche Spielzüge hoffen, schließlich geht es gegen die New England Patriots und die Baltimore Ravens, die erst- und zweitplatzierten Teams der AFC. Vom Thema Tipps halte ich mich mal nach meiner Saisonausbeute und nach dem Überraschungscoup der Broncos lieber fern. Nur soviel: Für echte Footballfans lohnt sich das Aufbleiben Samstag und Sonntag Nacht sicher.

Das gilt sicher auch für den Auftritt der New Orleans Saints, die nach einigem warm laufen mit Rekordhalter Drew Brees richtig aufdrehten und die Detroit Lions klar mit 45:28 distanzierten, bei den San Francisco 49ers. Ja, die Saints sind ein Dome-Team, dass die Halle gewohnt ist. Die äußeren Bedingungen in Kalifornien sollten ihnen jedoch eher entgegenkommen, als ein Spiel in kälteren Regionen wie Green Bay. Dort empfängt der Titelverteidiger die New York Giants, die beim 24:2 gegen die Atlanta Falcons lediglich einen Safety zuließen.

Im Spiel gegen die New Yorker sollten sich die Packers am besten an den Ausspruch ihrer Legende Vince Lombardi halten: "Das Ziel ist es, fair zu gewinnen, nach den Regeln. Aber: Zu gewinnen."

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

Wissenscommunity