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RADSPORT: Giro-Chaos: Polizei-Razzia stoppt Etappe

Totales Chaos beim 84. Giro d'Italia. Die heutige, 18. Etappe ist von den Organisatoren nach einer groß angelegten Polizei-Razzia am Vorabend abgesagt worden.

Totales Chaos beim 84. Giro d'Italia. Die heutige, 18. Etappe ist von den Organisatoren nach einer groß angelegten Polizei-Razzia am Vorabend abgesagt worden. Giro-Chef Carmine Castellano begründete die Absage damit, dass es unmöglich sei, das Etappenziel in St. Anna di Vinadio trotz einer zunächst geplanten Verkürzung um 100 km noch rechtzeitig zu erreichen. Die Polizei hatte am Mittwochabend in San Remo bis 2.30 Uhr eine Razzia gegen alle 20 Teams durchgeführt. Die Italien-Rundfahrt soll morgen mit der 19. Etappe über 184 km von Alba nach Busto Arsizio führen und wie geplant am Sonntag in Mailand enden.

Genereller Überblick

Rund 200 Polizeibeamte der italienischen Drogenfahndungsbehörde NAS hatten in San Remo die Hotelzimmer von Rennfahrern und Betreuern durchsucht. »Zur Zeit ermitteln wir nicht gegen einzelne Radprofis oder einzelne Teams. Die Durchsuchungen dienten dazu, einen generellen Überblick zu bekommen«, sagte Staatsanwalt Antonino Guttadauro am Donnerstag in Florenz. Der Staatsanwalt agiert auf der Grundlage des neuen Dopinggesetzes in Italien, das nicht nur Dopingdealer mit bis zu sechs Jahren Gefängnis bestraft, sondern auch gedopte Sportler mit bis zu drei Jahren.

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stern.de: Doping: Herve und Forconi ausgeschieden

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Vor laufenden Kameras

Bei der Blitzaktion, die zum Teil vor laufenden TV-Kameras stattfand, durchsuchten Polizeibeamten die Hotelzimmer und auch Teamfahrzeuge. Die Mannschaftshotels wurden während der Aktionen abgeriegelt, Eingänge und Fahrstühle bewacht. Im Grand Hotel des Aglais, wo neben Telekom auch Mercatone Uno mit Marco Pantani, Tacconi Sports und Liquigas untergekommen waren, ist Roberto Pregnaloto, der persönliche Pantani-Masseur, abgeführt worden. Bei ihm sollen die Drogenfahnder eine Tasche mit Ampullen beschlagnahmt haben.

Aus dem Fenster gesprungen

Augenzeugen wollen auch beobachtet haben, dass ein Betreuer von Mercatone Uno ein Täschchen mit Medikamenten in den Garten geworfen haben soll. Ein Fahrer sei aus dem Fenster gesprungen. Die Fahrer mussten sich im 4. Stock versammeln, die Handys vorübergehend abgeben und das Essen im Korridor einnehmen. »Alles wurde auf den Kopf gestellt, es ging aber korrekt zu. Auch von uns wurden Medikamente mitgenommen, das ist kein Problem. Das waren vor allem Vitamine«, sagte Telekom-Arzt Lothar Heinrich. Laut der italienischen Sportzeitung »Gazetto dello Sport« soll es keine Funde von verbotenen Mitteln gegeben haben.

Marco Pantani, der die Fahrt nach der 17. Etappe wegen einer Erkältung und Fieber aufgegeben hat, verließ das Hotel einige Zeit später, ohne auf Fragen der Reporter zu antworten. In einer Eisdiele traf er sich mit seinem Landsmann und Supersprinter Mario Cipollini. »Ich respektiere die Arbeit der Polizei. Sie müssen aber auch uns respektieren«, sagte der 32fache Giro-Etappensieger.

Die Aktion erinnerte an die unrühmlichen Ereignisse bei der Tour de France 1998, als TVM und Festina im Mittelpunkt der Doping-Affäre standen. In der Geschichte großer Landesrundfahrten ist es jedoch noch nie vorgekommen, dass die Polizei sämtliche Mannschaften kontrolliert hat.

Doping allgegenwärtig

Das Doping-Thema war ein ständiger Giro-Begleiter: Während der Fahrt war der italienische Radprofi Sergio Barbera von seinem Lampre-Team aus dem Rennen genommen worden, nachdem bei ihm eine positive EPO-Probe aus der Tour de Roamandie bekannt geworden war.

Der 36-jährige Franzose Pascal Herve, 1998 bei der Tour de France schon in den Festina-Dopingskandal verwickelt und bis Ende März dieses Jahres gesperrt, war am Dienstag wegen einer positiven A-Probe von seinem Alexia-Rennstall aus dem Rennen genommen worden. Pantani- Teamgefährte Ricardo Forconi verabschiedete sich am Mittwoch. Zudem hatte die Polizei im Wohnwagen der Schwiegereltern des zweimaligen Giro- Gewinners Ivan Gotti mutmaßliche Doping-Präparate sicher gestellt, die für die Alessio-Mannschaft bestimmt gewesen sein sollen.

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