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Ronny Ziesmer: Eine starke Haltung

Kurz vor den Olympischen Spielen stürzt er im Training schwer und ist auf Lebenszeit gelähmt. Kunstturner Ronny Ziesmer richtet sich mit seiner Kraft selbst auf - und dazu die Familie, Freunde und Teamkollegen.

Der letzte Blick: die Bahn aus eisblauem Nadelfilz, so schmal und so lang, dass sie zuzulaufen scheint auf das Sprungbrett. Dahinter der Tisch, brusthoch und bezogen mit grauem Naturleder. Alles andere, links die Reckstangen, die durch ein Spinnennetz aus Stahlseilen gesichert sind, und rechts hinter den Fenstern das wogende Grün der Bäume, all das sieht Ronny Ziesmer nicht. Er sieht nur die Bahn, das Brett und den Tisch. Er will noch mal den Tsukahara üben, seinen schwierigsten Sprung für die Olympischen Spiele in Athen.

Es ist Montag, der 12. Juli 2004, Sportzentrum Kienbaum bei Berlin, kurz nach 16 Uhr. Ronny Ziesmer, 24, Deutscher Mehrkampfmeister 2003 im Kunstturnen, läuft los. Wenn er diesen Tsukahara in vier Wochen bei den Sommerspielen steht, ohne Wackler bei der Landung, dann ist vielleicht Platz neun oder zehn drin, der Anschluss an die Weltspitze. Ziesmer hat das Sprungbrett erreicht. Mit einem wuchtigen Tritt katapultiert er sich in die Luft, macht eine halbe Drehung und stößt sich mit beiden Händen vom Tisch ab. Jetzt hat er den Schwung für einen doppelten Salto rückwärts. Ziesmer fliegt zweieinhalb Meter in die Höhe.

Der erste Salto klappt. Der zweite Salto klappt. Cheftrainer Andreas Hirsch, der am Mattenrand steht, ahnt nichts Schlimmes. Es geht alles so rasend schnell. Später wird die Zeitlupe eines Videomitschnitts zeigen, dass Ziesmer für die beiden Drehungen zu lang gebraucht hat, den Bruchteil einer Sekunde zu lang. Die letzte halbe Drehung, die ihn zurück in den Stand bringen soll, schafft er nicht mehr. Ziesmer schlägt mit dem Nacken auf der Matte auf. Sein Rückgrat bricht zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel.

Unfallkrankenhaus Berlin,

November 2004. Ronny Ziesmer fährt mit seinem roten Rollstuhl über den von Neonlicht beschienenen Flur der Station E1. Seine Hände treiben die Räder mit kurzen, kraftvollen Schüben an. Ein paar Bewegungen, "Restfunktionen", wie es im Medizinerdeutsch heißt, sind ihm geblieben. Er kann die Unterarme beugen und strecken, fast so wie früher, als er mit der Hantel seinen Bizeps trainierte. Und er kann die Hände heben, wie zum Winken. In seinen Fingern jedoch spürt er nichts mehr. Ziesmer biegt nach links in den Besprechungsraum ein. Der Unfall liegt jetzt vier Monate zurück. Ziesmer kommt es vor, als wären es Jahre. "Ich bin durch damit", sagt er. "Ich weiß, wo der Fehler lag: Der Körper war zu offen, ich habe die Knie nicht richtig ans Kinn gekriegt, deshalb haben die Rotationen so lange gedauert und ich bin aufgeklatscht."

Ziesmer sagt das mit fester Stimme, seine Augen halten Blickkontakt, der Sturz, der ihn zum Querschnittsgelähmten auf Lebenszeit gemacht hat, ist kein Tabuthema für ihn. Aber auch keines, das er von sich aus anspricht. Er hält es für überflüssig, für Zeitverschwendung. "Ich bin nie ein Mensch gewesen, der in der Vergangenheit gelebt hat, das bringt doch nichts. Für mich gibt es nur eine Richtung: vorwärts."

Aber das geht natürlich nicht, immer vorwärts. Was das tägliche Reha-Programm bringt - Elektrotherapie, Ergotherapie, Physiotherapie, Bogenschießen und Rollstuhlfahren -, zeigt sich meist erst nach Wochen, manchmal nach Monaten. Ein kleiner Harnwegsinfekt, wie in diesen Tagen, wirft Ziesmer sogar zurück: Bewegungsbad am Dienstag und Freitag gestrichen, zwei Wochen Pause.

Und dann sind da noch die vielen Besucher. Die Familie, die Freundin, Teamkameraden, Trainer, ehemalige Mitschüler. Wer von ihnen geht nicht mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust ins Krankenzimmer? Wen quält nicht die Frage: Was wäre, wenn ich dort im Rollstuhl sitzen müsste? Gefangen im kaputten Körper? Wer denkt nicht: Ist so ein Leben wirklich noch lebenswert? Wer ist sich sicher, die richtigen Worte zu finden? Gibt es überhaupt richtige Worte?

Ronny Ziesmer stützt

irgendwie alle. Erzählt ihnen von seinen Plänen, vom Studium, vom Autofahren, von seiner Rückkehr zum Sport als Chef einer Stiftung für verunglückte Turner. Und er sagt, macht euch keine Sorgen, es ist ein bisschen Geld da, ich bekomme ja eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Er spricht langsam, aber seine Sätze haben eine solche Stärke, dass sie einem die eigenen Ängste, die Unsicherheit nehmen. Da ist einer, denkt man, der sein Leben im Griff hat. Einer, der Hilfe braucht, das schon, aber der Kraft und Optimismus in sich trägt - dort, wo sich bei einem selbst alles verkrampft.

Ist er wirklich so stark? Ronny Ziesmer stützt seinen Kopf auf den linken Handteller. Nach einer Weile sagt er: "Vielleicht kommt die Energie von tief unten, aus dem Unterbewusstsein." Vielleicht seien seine Pläne so eine Art Gerüst: "Es hält mich aufrecht. Bis jetzt ist die große Depression jedenfalls noch nicht gekommen."

Das Gerüst scheint zu stehen, und auch Andreas Hirsch, der Cheftrainer, hat sich daran hochziehen können. Er sitzt in einem Bistro in Berlin-Hohenschönhausen, vor sich eine Tasse mit frisch aufgebrühtem Kaffee, wirft Zuckerstückchen hinein und schaut dem Dampf nach, der in feinen Säulen aufsteigt. Der Unfall liegt Wochen zurück. Hirsch kommt es vor, als sei er gestern passiert. Das dumpfe Geräusch des Aufpralls, Ronny, wie er regungslos auf der Weichmatte liegt, der Notarzt, der Rettungshubschrauber, diese Bilder hat er noch immer wie einen Film im Kopf. Hirsch sagt, er habe den Film wieder und wieder träumen müssen in den ersten Nächten danach. So oft, dass er tagsüber wie ferngesteuert durch die Stadt gelaufen sei. "Meine Welt war ein grauer Brei", sagt er. "Ich bin zum Friseur gegangen und habe gesagt: Guten Tag, machen Sie mir bitte einen Schnitt, ist egal, was für einen."

Und heute? Das taube Lebensgefühl, der Wunsch, alles hinzuschmeißen, das sei weg, sagt Hirsch. "Die Besuche im Krankenhaus haben mich zurückgebracht. Davor wollte ich für nichts und niemanden mehr Verantwortung übernehmen. Als ich dann das erste Mal bei Ronny war, hat er mich gleich gefragt: Was machen die Jungs? Sind sie fit für Athen?" Später, während der Autofahrt nach Hause, sagt Hirsch, sei ihm klar geworden, dass er sich nicht davonstehlen darf. Dass es zu einfach wäre, das Turnen zu verfluchen, dass die Mannschaft ihn braucht.

Auch Robert Juckel hätte fast aufgehört mit dem Sport. Er kennt Ronny Ziesmer seit mehr als zehn Jahren, beide haben sie ihre Karriere beim SC Cottbus begonnen. Nach dem Unfall hat Juckel zwei Tage lang nur Dehnübungen gemacht, dann ist er wieder an die Geräte gegangen. "Obwohl", sagt er, "echtes Training war das nicht. Ich hatte eine Schranke im Kopf. Da war das schlechte Gewissen, einfach so zur Tagesordung überzugehen, und da war die Angst: Bin ich vielleicht der Nächste?"

Richtig wieder dabei ist Juckel seit Mitte August. Seit Athen. Im Athletendorf hatte er eine E-Mail empfangen, sie war nur zwei Zeilen lang: "Robert, mach dir keine Gedanken. Du kannst mehr, als du glaubst." Absender: Ronny Ziesmer. Auch die anderen Turner aus dem Nationalteam hatten Post bekommen, sie klebten die kleinen Papierstreifen in ihren Aufenthaltsraum. "Die Mails waren wie eine Befreiung für die Mannschaft", sagt Andreas Hirsch. "Diese Starre war plötzlich weg, das konnte ich aus den Gesichtern lesen."

Hirsch war einer der Ersten, die Ronny Ziesmer nach seiner komplizierten, zweieinhalbstündigen Operation besuchten. Die Bandscheibe zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel war entfernt und durch einen Knochenspan aus dem Becken ersetzt worden, verschraubt mit einer Titanplatte. Nach dem Eingriff steckte Ziesmers Körper voller Schläuche. Er bekam rund um die Uhr Infusionen, Schmerzmittel und Medikamente zur Stabilisierung des Kreislaufs; ein Beatmungsgerät sorgte dafür, dass die Lunge weiter arbeitete. "Das war das Schrecklichste", sagt Ziesmer und rutscht in seinem Rollstuhl vor, "angebunden zu sein an diese Maschine. Draußen wurde es hell und dunkel und wieder hell und wieder dunkel, und ich, ich lag da wie festgefroren." Eine Woche ging das so.

Vielleicht waren es die wichtigsten Tage im neuen Leben von Ronny Ziesmer. Die Trauer über das Unglück, er konnte sie nicht einfach hinausschreien, so verkabelt, wie er war, die Wut, er konnte sie nicht mit Fausthieben ins Kissen boxen. Was ihm blieb, waren seine Gedanken. "Mir ist damals klar geworden: Wenn ich eine Chance haben will, muss ich das Schicksal annehmen. Kämpfen um jeden Millimeter Bewegungsfreiheit, mit Rückschlägen fertig werden. Alles, was ich tun werde, das habe ich im Bett kapiert, wird in Zukunft mit G wie Geduld anfangen."

G wie Geduld.

Früher, als Turner musste Ronny Ziesmer nur wenig Geduld haben mit seinem Körper. Arme und Beine gehorchten, sie ließen ihn akrobatische Dinge tun: Flickflacks schlagen, Salti am Barren drehen und im Kreuzhang an den Ringen, also mit seitwärts ausgestreckten Armen, der Schwerkraft trotzen.

Mitte der 90er Jahre konnte das in Deutschland kaum ein Nachwuchsturner so gut wie Ronny Ziesmer. Davon erzählt der Treppenaufgang zu seinem Zimmer in Groß-Oßnig, einer kleinen Wohnsiedlung bei Cottbus. Die Holztreppe ist so etwas wie eine Karriereleiter: Mit jedem Schritt hinauf sieht man mehr Pokale blitzen. 1996: dreifacher Jugendmeister, Sieger beim Internationalen Nachwuchsturnier in Cottbus. 1997: vierfacher Jugendmeister, Sieger in Cottbus. Dann macht die Galerie einen Zeitsprung. 2002: Zweiter im Mehrkampf bei den Erwachsenen. 2003: Mehrkampfmeister. 2004: Deutscher Meister an den Ringen. Athen 2004 wären seine ersten Olympischen Spiele gewesen.

Unten im Treppenhaus steht Bernd Ziesmer. Er blickt auf seine Schuhspitzen, er möchte nicht hochgehen. Oben lagert die Vergangenheit seines Sohnes Ronny in Kisten. Gymnastikhosen, ärmellose Shirts, Trainingsanzüge, Schuhe, dazu der gesamte Hausrat aus Ronnys Wohnung in Stuttgart. Zwei Jahre lang hatte er dort im Leistungsstützpunkt Baden-Württemberg trainiert, zusammen mit anderen Turnern aus dem Nationalteam. Eigentlich ist Bernd Ziesmer den Anblick verlassener Kinder- und Jugendzimmer gewöhnt. Mit sieben Jahren begann Ronny mit dem Turnen, und noch im Grundschulalter wechselte er auf ein Sportinternat. "So war das eben in der DDR", sagt Bernd Ziesmer. "Und auch nach der Wende mussten Familienurlaube oft ausfallen, Ronny ist ja dauernd unterwegs gewesen. Kurz Wäsche waschen, ab zum nächsten Wettkampf, kreuz und quer durchs Land."

Bernd Ziesmer blieb zu Hause. Hier hat er seine Werkstatt, er baut Telekommunikationsanlagen. Er ist ein zurückhaltender Mensch, keiner von den Vätern, die mit leuchtenden Augen von den Erfolgen ihrer Kinder erzählen. Was sein Sohn Ronny ihm bedeutet, verrät Bernd Ziesmers Schweigen. Noch Monate nach dem Unfall wirkt er wie unter Schock.

Das Grundstück der Ziesmers grenzt an einen verwaisten Truppenübungsplatz, zu Mauerzeiten sind dort Panzereinheiten Manöver gefahren. Ein Mal in der Woche, meistens sonntags, bricht Bernd Ziesmer mit seiner Frau Brigitte aus der brandenburgischen Stille auf und fährt nach Berlin. Wenn er dann zurückkommt, vermischen sich die Bilder: Ronny, wie er früher war. Wie sie zusammen ferngesteuerte Autos gebaut haben und kleine Boote aus Holz, wie Ronny, der Turner, und sein Bruder René, der ehemalige Ringer, oben in ihren Zimmern tobten - er konnte ja alles hören, seine Werkstatt liegt direkt darunter. Und dann Berlin. Rollstuhl, Krankenbett. "Ich krieg das noch nicht zusammen", sagt Bernd Ziesmer. "Aber Ronny hilft mir dabei. Er ist ja ein Kämpfer, und das sagt mir: Lass dich nicht hängen, wenn der Junge es schafft, musst du es erst recht schaffen."

Ob Ronny Ziesmer es schaffen wird?

Die Ärzte wissen es nicht. Sie sagen, dass das schwarze Loch oft erst kommt, wenn die Patienten das Krankenhaus verlassen. Wenn sie plötzlich nur noch von gesunden Menschen umgeben sind und nicht mehr von Leidensgenossen, wie auf der Station E1. Wenn sie vor den Hürden des Alltags stehen: vor Treppen, vor unerreichbar hohen Supermarktregalen, vor Toilettentüren, durch die kein Rollstuhl passt.

Es kann auch ein einfacher Reißverschluss sein, der einen an sein Schicksal erinnert. Ronny Ziesmer sitzt im Physiotherapieraum der Unfallklinik und nestelt an seiner Trainingsjacke. Der Reißverschluss ruht auf Höhe des Kehlkopfes, so weit hat Ziesmer ihn schon ziehen können. Aber es geht nicht höher. Seit fünf, sechs, sieben Minuten nicht. Ziesmer rupft am Verschluss, streicht über seine Jacke, um die Falten zu glätten, rupft wieder am Verschluss, wieder bewegt der sich keinen Zentimeter höher. Ziesmer bleibt gelassen, diese leisen Flüche, die manchmal von den Behandlungsliegen nebenan herüberzischen - man hört sie von ihm nicht. Es ist die Physiotherapeutin, die das Anziehtraining abbricht. "Da muss eine Schlaufe dran", sagt sie und ratscht den Verschluss bis zum Kinn hoch. "Dann packst du's nächstes Mal selbst."

Vielleicht wird Ronny Ziesmer es tatsächlich packen. Das dunkle Loch überspringen und schnell hineinfinden in den Alltag, nach seiner Entlassung im März, wenn er zu seinen Eltern zieht. Es gibt ja viele Zeichen, die Hoffnung machen. Er hat noch immer den Willen eines Athleten in sich, die Disziplin, den Mut und das Gespür für seinen Körper. Und er hat Pläne. Eigentlich besitzt Ronny Ziesmer die besten Voraussetzungen. Eigentlich.

Christian Ewers / print

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