HOME

Schach-Weltmeister Magnus Carlsen: Anti-Nerd am Brett

Er ist der zweitjüngste Schach-Weltmeister aller Zeiten: der 22-jährige Norweger Magnus Carlsen. Die Öffentlichkeit ist fasziniert vom Superhirn. Porträt eines Rockstars am Schachbrett.

Von Klaus Bellstedt

Woran denken Sie zuerst, wenn Sie Schach durchaus interessant finden, aber noch lange kein Insider sind? Vielleicht an Garri Kasparow und Anatoli Karpow, diese beiden finster dreinblickenden Russen, die sich in den Achtzigern unzählige Male duellierten. Sind Sie noch älter, kommt Ihnen möglicherweise auch noch die denkwürdige Partie zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski in den Sinn. Diese Herren spielten 1972 gewissermaßen den Kalten Krieg am Schachbrett aus. Die Sportart wurde danach weltweit populär. Und der siegreiche Amerikaner Fischer in der westlichen Welt zum Superstar, auch weil es ihm gelungen war, in die Domäne der Sowjetischen Schachschule einzudringen.

Einen echten Star, jemanden, der wirklich etwas darstellte und vielleicht auch ein bisschen Glamour mitbrachte, gab es in dieser meist von Nerds durchsetzten Sportart danach nie mehr. Die letzten beiden Schach-Weltmeister hießen Wladimir Kramnik und Viswanathan Anand. Der eine, Kramnik, hat als Hobbies mal Schachsoftware und Kartenspielen angegeben. Anand sieht aus wie der junge Bill Gates. Seine Interviews sind zum Einschlafen. Aber es gibt jetzt Hoffnung. Sie trägt einen Namen: Magnus Carlsen.

"Es gab nicht viel nachzudenken"

Der 22 Jahre alte Norweger hat sich selbst gerade fast zum jüngsten Schachweltmeister der Geschichte gekrönt - nur sein Ex-Lehrer Kasparow war 1985 ein paar Monate jünger, als er den Titel holte. Mit seinem Gegner Anand, den sie in seiner indischen Heimat den "Tiger von Madras" nennen, machte Carlsen kurzen Prozess. Am Freitag sicherte er sich im Fünf-Sterne-Hotel Hyatt Regency im indischen Chennai mit einem Remis in der zehnten Partie den Titel und siegte schließlich in der Endabrechnung ziemlich ungefährdet mit 6,5 zu 3,5. Carlsens Lässigkeit auch in diesem letzten Duell war wieder mal faszinierend. Und irgendwie auch provozierend.

"Es gab nicht viel nachzudenken, die Züge haben sich von selbst aufgedrängt", sagte der charismatische Herausforderer nach der achten Partie. Mit solchen Aussagen hat er Anand immer wieder auch abseits des Bretts entnervt. Am Tisch lauerte Carlsen dann, bis der 43 Jahre alte Lokalmatador Fehler machte - und schlug eiskalt zu. Während der Weltmeisterschaft hatte man als neutraler Beobachter nie den Eindruck, als würde der Norweger gerade mal nicht alles im Griff haben. Der 22-Jährige aus Bærum bei Oslo diktierte das Spielgeschehen nach Belieben. "Ich genieße es, wenn ich sehe, dass mein Gegner leidet. Wenn er weiß, dass ich gewinnen werde", gestand Carlsen in einem Interview mit britischen Medien. Anand muss entsetzlich gelitten haben.

Blitzschach – der junge Carlsen rattert eine Partie mit nur einer Minute Bedenkzeit herunter

Höchste Elo-Zahl

Anders sieht es aus, wenn ihn das Glück verlässt. "Wenn ich auch nur ein Spiel verliere, ist es wie Krieg, ich will einfach nur Rache." Doch das sei auch ein Ansporn. Was Carlsen von seinen Konkurrenten unterscheidet, ist auch die Einstellung zu seiner Sportart. Zu verbissen sieht er das Ganze nämlich nicht: "Ich glaube, dass man auch mit der Einstellung Weltmeister werden kann, dass Schach Spaß macht", sagte er in einem Interview mit der "Zeit". Mit seiner ganzen Art hat Carlsen, der sich im Wettkampf am liebsten lässig-arrogant auf den Stuhl fläzt und sich dabei immer wieder gern mit der Hand durch seine dichten Haare fährt, Schach eine neue coole Note verliehen. Dabei hat ihm der Denksport am Anfang gar keinen Spaß gemacht.

Sein Vater hatte ihn zum ersten Mal als Fünfjährigen vor das schwarz-weiße Brett gesetzt. "Ich hab's nicht ganz begriffen", erinnerte sich Carlsen. Als er acht Jahre alt wurde, unternahm sein Vater einen neuen Anlauf und hatte mehr Erfolg. Zuerst schlug Magnus seine Schwester, dann seinen Vater, mit 13 wurde er internationaler Großmeister im Schach, der jüngste seiner Zeit. Turnier folgte auf Turnier und Sieg auf Sieg. Im Februar dieses Jahres erreichte der Norweger eine Elo-Zahl von 2872 Punkten, die höchste in der Geschichte. Die Elo-Zahl beschreibt die Stärke eines Schachspielers, also sein wahres Können. Jetzt, nach seinem WM-Triumph, ist er ganz oben angekommen.

Keine Erklärung für den Erfolg

In seiner Heimat wird der junge Mann mit den breiten Schultern, der 2010 schon für das Mode-Label "G-Star" an der Seite von Liv Tyler als Posterboy fungiert hat, längst wie ein Popstar verehrt. "Der König hat zugeschlagen!", jubelte die Zeitung "VG" und erklärte Carlsens Titelgewinn zum "Sieg, der alles im norwegischen Sport übertrifft". Gut 1000 Norweger wählten ihn diese Woche in einer Umfrage auf Platz drei der Top-Athleten des Landes. Mehr als 43.000 Menschen folgen ihm auf Twitter, seine Facebook-Seite hat über 166.000 Fans. Erklären kann Carlsen seinen Erfolg übrigens nicht. Auf die Frage reagiert er sogar fast genervt. "Hat man Mozart jemals gefragt, wie er das macht? Es würde mich sehr beeindrucken, wenn er eine Antwort darauf hätte", sagte er einmal in einem Interview. "Es ist mein Ding."

Sein Ding, bei der WM hat Magnus Carlsen es gnadenlos durchgezogen. Und die Schachwelt sollte dankbar sein. Das Altherren-Image dieser Sportart ist wie weggewischt.

mit DPA

Wissenscommunity