Schach-WM Henker, Langweiler und Egomanen


Am Dienstag beginnt in Bonn die Schach-WM. Der indische Volksheld Viswanathan Anand trifft auf Wladimir Kramnik. Es ist das Duell der beiden klügsten Langweiler der Welt. Psychoterror wie Grimassen schneiden oder eine Toiletten-Affäre wie bei der WM 2006 wird es dieses Mal wohl nicht geben.
Von Helmut Krausser

Wir werden diese beiden altbewährten Spieler wohl zum letzten Mal in einem WM-Finale sehen, denn jüngere Kräfte stehen auf dem Sprung, und es ist wohl keine Respektlosigkeit zu behaupten, dass viele Schach-Aficionados lieber eine andere Paarung auf dem Terminplan gehabt hätten. Dennoch handelt es sich bei Wladimir Kramnik und Viswanathan Anand um zwei der größten Schachspieler aller Zeiten, und ihr Kampf verspricht spannend zu werden. Wenn nicht - ja, wenn nicht. Dieses Wenn muss ich erklären.

Ich habe Kramnik bewundert, schon als er mit einer Elo-Zahl von irgendwas über 2400 die Schachszene zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht hat. Die Elo-Zahl gibt, ähnlich dem Golf-Handicap, die aktuelle Spielstärke eines Schachspielers wieder, im Moment beträgt die von Kramnik 2780, das ist mehr als gut genug, um in einem WM-Finale zu stehen. Leider ist mir Kramnik in den letzten Jahren ein wenig unsympathisch geworden, weswegen ich vielleicht nicht objektiv über dieses Finale berichten kann. Aber das verlangt auch niemand von mir. Warum ist mir Kramnik unsympathisch geworden?

Kramnik kein Entertainer

Weil er ein Pragmatiker ist, der nach nichts strebt, als die laufende Partie zu gewinnen. Dabei scheut er aber jedes unnötige Risiko, spielt seinen Stiefel runter, mit einem recht faden Eröffnungsrepertoire, das Verwicklungen möglichst vermeidet. Er legt auf Schönheit und Abenteuer wenig Wert, und in fast arroganter Art und Weise ließ er sich vor wenigen Jahren abfällig über Kollegen wie den von vielen geliebten Schachzauberer Morosewitsch aus, dem Kreativität und Originalität über alles gehen.

Morosewitsch verfügt inzwischen über eine genauso hohe Elo-Zahl wie Kramnik, aber noch ist er nicht der Typ, um in einem WM-Finale zu stehen, denn sein alle angeblichen Wahrheiten hinter sich lassender, atemraubender Stil führt zu unerwarteten Triumphen, denen dann zyklisch schreckliche Einbrüche folgen. Kramnik würde die meisten von Morosewitschs Zügen wohl schlicht hässlich nennen, zumindest bizarr bis unästhetisch. Das ist seine Sicht der Dinge, sein gutes Recht, aber ebenso muß Kramnik es ertragen, für seine ergebnisorientierte Ästhetik steril genannt zu werden - und langweilig. Und darin besteht mein Vorwurf an diesen Spieler. Ein Weltmeister trägt große Verantwortung für die Popularisierung seines Sports. Kramnik findet als Entertainer kaum statt.

Anand kein Götterbote mehr

Er ist auch kein irgendwie leicht gestörter Typus wie der Russe Iwantschuk, auch kein lebensfroher Feuerkopf wie der Bulgare und momentane Weltranglistenerste Topalov oder ein mysteriöser, leicht autistisch wirkender Jungstar wie der siebzehnjährige Norweger Magnus Carlsen, womit nun beinahe alle Namen genannt sein dürften, die im Moment zur Weltspitze zählen. Kramnik ist einfach nur vernünftig, still, intelligent, weitgehend ohne Allüren und Skandale - und öde wie eine Terrakottafigur. Sein Match mit dem noch etwas öderen, noch risikoscheueren, dafür viel larmoyanteren Ungarn Leko war ein Tiefpunkt für die Vermarktung des Schachs als spannende Sportart. Kramniks jüngstes WM-Match mit Topalow bot außer viel fehlerhaftem Schach auf beiden Seiten an Unterhaltung nicht arg viel, sieht man davon ab, dass Topalov seinem Gegner vorwarf, während der Partie bis zu fünfzigmal zur Toilette zu laufen, ein recht dürftig fundierter Vorwurf des Betrugs mit unerlaubten (Computer-)Hilfsmitteln.

Topalov kostete das etliche Fans, und Kramnik, dessen Sympathiewerte bis dato im tiefsten Keller lagen, spürte Rückenwind. Dass das Match schließlich erst in der letzten Blitzpartie, quasi im Elfmeterschießen, zugunsten Kramniks entschieden wurde, entschädigte dann doch, rein spannungsmäßig, für die vielen ausgelassenen Möglichkeiten, die Spielern jenes Niveaus eigentlich nicht passieren dürfen. Nun verteidigt Kramnik seinen Titel gegen Viswanathan ("Vishy") Anand, der in seinem Heimatland Indien der wohl populärste Sportler geworden ist. Millionen seiner Landsleute schauen Anand regelmäßig im TV zu. Der Inder, im Schachzirkus nun auch schon viele Jahre zugange, war Weltmeister, stets auf Platz eins bis drei der Weltrangliste, man kennt ihn und schätzt ihn, ihm ist kaum ein Vorwurf zu machen, aber das Magische, das ihn einst ausgezeichnet hat, muss man schon lange suchen in seinem Spiel. Ich komme in Erklärungsnot, will ich begreiflich machen, warum mir Anand zwar menschlich sympathisch, sonst aber beinahe egal ist. Sicher, ein großartiger Spieler, der anfangs durch das irrsinnige Tempo von sich reden machte, in dem er seine Züge aufs Brett warf. Während der Gegner sich schon in Zeitnot befand, hatte er oft erst zehn bis zwanzig Minuten seiner Bedenkzeit verbraucht. Speedy Gonzalez wurde er liebevoll genannt. Das ist lange her und Anand kein Götterbote mehr.

Kein romantisches Angriffsschach

Sein Spiel ist selten von groben Fehlern gekennzeichnet, vielmehr von einer Art Übersicht, wie sie sonst nur Computern zu eigen ist. Jeder Schachfreund weiß, was ich meine: Man spielt gegen einen Computer und weiß, der Computer hat überhaupt nichts Konkretes in der Hand, macht aber etliche Züge lang einfach keine Fehler, der Mensch aber dann eben doch den einen, entscheidenden. Und so verlaufen viele von Anands Partien - irgendwie souverän, für Großmeister beeindruckend, aber vom gemeinen Volk nicht nachvollziehbar. Der "Tiger von Madras" haut nicht mehr mit seinen Klauen aufs Brett, er geht eher wie eine Würgeschlange vor, wie einst der große Anatoli Karpov, aber nicht mit dessen klar nachvollziehbarer, höchst ästhetischer und filigraner Strategie, Zug um Zug die Schlinge um den Gegner etwas enger zu legen.

Nein, Anand gefällt sich zunehmend im Lavieren und Abwarten. Er traktiert den Gegner, bis der, in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit, Schwäche zeigt. Mit romantischem Angriffsschach hat das schon lange nichts mehr zu tun. Auch wenn Anand oft finale Kombinationen zeigt, die spektakulären Hinrichtungen gleichen, ist sein Weg dorthin oft ebenso pragmatisch und risikoscheu wie die Spielanlage Kramniks. Nun möchte man sagen: Gut, so funktioniert Schach eben heutzutage auf höchster Ebene, die Zeiten der aggressiven, opferfreudigen Heroen vom Stil eines Tal, Fischer oder Kasparow, die es im Kampf gegen einen Millionen Züge pro Sekunde berechnenden Computer mehr als schwer gehabt hätten, sind - zu deren Glück - vorbei.

Hübner der letzte große deutsche Schachheld

Dass sich im Kampf um die Weltmeisterschaft ausgerechnet Kramnik und Anand gegenüberstehen, ist kein Zufall, sondern der Sieg der rein am Ergebnis orientierten Vernunft. Pure Vernunft darf niemals siegen, heißt der CD-Titel einer deutschen Band, über dessen Sinngehalt man durchaus streiten kann. Aber für das Schach würde man sich schon ein wenig mehr Wahnsinn und Glamour wünschen. Diese WM ist die erste, die seit mehr als siebzig Jahren in Deutschland ausgetragen wird.

Deutschland war mit seinen Weltmeistern Steinitz und Lasker einmal die führende Schachnation. Ich kann mich noch lebhaft an Zeiten erinnern, als Dr. Robert Hübner, damals Nummer drei der Welt, 1980 im Finale des Kandidaten-Zyklus stand und die Tageszeitungen ellenlang über Schach berichteten, bevor Hübner nach einem Patzer die Nerven verlor und eine doch recht verantwortungslose Rolle einnahm, indem er nach nur zehn von sechzehn Partien ein Match verloren gab, bevor es rein rechnerisch verloren war. Mit dieser jedem Sports- und Kampfgeist zuwiderlaufenden Schnurre trug er dazu bei, Schach im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit als ein Spiel skurriler, hypersensibler Egozentriker zu manifestieren.

Hoffen auf ein Feuerwerk

Es bleibt zu hoffen, dass Kramnik und Anand, denen dergleichen wohl nie passieren wird, ein unerwartetes Feuerwerk abliefern, um die Begeisterung für das Spiel der Könige hierzulande neu anzufachen. Im November wird in Dresden die Schacholympiade stattfinden, ein Fest der über 80 daran teilnehmenden Nationen. Auch wenn momentan kein deutscher Spitzenspieler ernsthaft seinen Blick auf die Weltspitze richten kann, sollte es doch möglich sein, in diesem Land wieder etwas mehr Interesse für jenes Spiel zu erzeugen, das, laut Schopenhauer, alle anderen "überragt wie der Chimborasso einen Misthaufen".


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