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Stefan Kretzschmar: Das Aushängeschild

Stefan Kretzschmar ist der bekannteste und beste deutsche Handballer. Mit seiner schrägen Persönlichkeit ist er für den Sport Gold wert.

Ausgefallene Frisuren, eine Menge Metall im Gesicht, dazu ein freches Mundwerk: Stefan Kretzschmar hätte mit seinem Äußerem auch gut ins Showbizz gepasst. Stattdessen wurde Kretzschmar zum Handball-Punk, zu einem explosiven Linksaußen in der Nationalelf und zum beliebten Objekt der Fernsehkameras. Interessant für Medienschaffende immer auch sein Privatleben - die Beziehung mit Schwimmstar Franziska von Almsick verzückt die Klatschreporter der Boulevardpresse bis heute.

Genau so ein Typ hatte dem Handball noch gefehlt - einer Sportart, deren Präsident Ulrich Strombach gerade erst wieder beklagt hat, er habe immer noch "nicht den Stellenwert erreicht, der ihm als erfolgreichste Ballsportart der letzten Jahre gebührt": Ein extrovertierter Sportler, der sich mit Leib und Seele dem Handball verschrieben hat. Einer, der eigentlich gar nicht anders konnte.

Der Sport war in der Familie immer zu Hause, er sog ihn quasi mit der Muttermilch auf. Seine Mutter Waltraud kretzschmar war herausragende Handballerin in der DDR und wurde drei Mal mit der Nationalmannschaft Weltmeister. Sein Vater war Trainer der DDR-Vorzeigeteams. Von Anfang an wurde Klein-Stefan professionell aufgebaut. Eine steile Karriere im Jugendbereich begann: Mit 12 Jahren war er Mitglied des Trainingszentrum Berlin, später in der Jugendsportschule bei Dynamo Berlin - nach der Wende stand er bereits in der Junioren-Auswahl des DHB. 1993 dann der Durchbruch in der Bundesliga - sein Wechsel zum VfL Gummersbach markierte den Aufstieg in die große Handball-welt und den Sprung in den Westen.

Sein schrilles Outfit provozierte das Weltbild des oberbergischen Provinzstädtchen. Dazu kam seine Lust am Feiern, am tätowierten Körper und seine öffentliche Symphatie für den linken Politstar Gregor Gysi. Kretzschmar wollte sich nicht anpassen und sparte auch nicht mit deutlichen Worten, wenn ihm etwas nicht passte. Mit Bundestrainer Heiner Brandt legte er sich nach der verpatzten Olympiade an. Auch als er ihn vorübergehend aus dem Kader schmiss, änderte er nicht seine Meinung. "Ich bin einfach so, ich kann Ungerechtigkeit nicht akzeptieren", sagte er einmal in einem Interview.

Seine eigenwillige Persönlichkeit versucht er auf fremden Gebiet zu vermarkten. Eben hat Kretzschmar eine eigene Modekollektion auf den Markt gebracht. Für Sommer hat er "noch was Geiles" angekündigt. Doch im Vordergrund soll weiter der Sport stehen. Bis 2006 will er noch in Magdeburg spielen. Und seinen Marktwert für den handball einsetzen. "Es gibt nochviel zu tun, um den Sport populärer zu machen und besser zu vermarkten". Eine spätere Karriere im Management schließt er nicht aus.

Doch zunächst muss nach den beiden zweiten Plätzen bei der Europa- und Weltmeisterschaft endlich ein Titel her, damit das "Gesabbel" der alten 78er, der ewigen Weltmeister, aufhöre, wie Kretzschmar sich ausdrückt. Ob er sebst bei der EM in Slowenien zum ersehnten Titelgewinn beitragen kann, ist nach seiner Leistenoperation noch sehr unsicher.

Christoph Marx

Wissenscommunity