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T-Mobile Team: Alle für "Ulle"

Holt Jan Ullrich nach neun Jahren endlich seinen zweiten Toursieg? Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, auch weil im runderneurten T-Mobile Team ein neuer Spirit herrscht.

Von Annette Jacobs, Mallorca

"Wir haben einen neuen Geist in der Mannschaft", sagt T-Mobile-Sportdirektor Mario Kummer bei der Präsentation des Teams auf Mallorca. Kummer ist nicht der einzige, der von einem neuen Geist in der Mannschaft spricht, auch die Fahrer wollen ihn, wenn schon nicht gesehen, dann zumindest gespürt haben. Und vor allem: Es werden hohe Erwartungen in diesen neuen Geist gesetzt. Denn er soll dafür sorgen, dass Jan Ullrich nach neun Jahren endlich den lang ersehnten zweiten Toursieg holt. So weit, so gut. Nur, was ist das für ein "neuer Geist" und wo kommt er her?

Kummer sagt, sie hätten viel für ihn getan. Nach dem Abschied von Erik Zabel im letzten Jahr wurde der Kader umgebaut: Zwölf neue Fahrer wurden verpflichtet, keiner muss nun mehr Rücksicht auf einen Sprinter in der Tour-Mannschaft nehmen. "Das Team ist homogener geworden." Außerdem hat Kummer angeordnet, dass Englisch miteinander gesprochen wird. "Wir können nur gewinnen, wenn wir uns gegenseitig verstehen" - ein schlagkräftiges Argument. Bis zu fünf Stunden Unterricht am Tag haben die Angestellten des Kommunikationskonzerns nun. Das habe bereits erste Früchte getragen, hieß es: Der Spanier Oskar Sevilla und Jan Ullrich konnten erstmals ein längeres Gespräch miteinander führen. Das wird ihnen helfen, wenn Sevilla als Edelhelfer für Ullrich mit zur Tour geschickt wird.

"Jan sprüht vor Motivation"

"Geist! Geist! Was soll das sein?" fragt Olaf Ludwig. "Ich brauche keinen Geist, für mich zählt nur der Teamgeist!" Der sei in den letzten Jahren abhanden gekommen, gibt er zu und um ihn wieder zu finden, schickte der Team-Manager seine 29 Fahrer in den Schnee. Beim Treffen im November waren erstmals auch die Neuen dabei. Vertrauensbildende Spielchen in verschneiten Bergen und ein paar Tage in einer kargen Berghütte ohne Strom sorgten dafür, dass sich die Mannschaft unter ungewöhnlichen Umständen kennen gelernt hat. "Selbst unsere Technikfreaks mussten auf ihr Handy verzichten. Aber alle hatten eine Menge Spaß", sagt Ludwig.

Zurück zum Teamtreffen auf dem sonnigen Mallorca. "Schauen sie sich Jan Ullrich an", fordert sein Trainer Rudy Pevenage die anwesenden Journalisten auf und zeigt um die Ecke auf seinen Schützling. "Jan Ullrich sprüht vor Motivation!" Man erkennt, dass man Ullrich zu dieser Jahreszeit selten so gesehen hat: Schlank steht er da - braungebrannt mit unzähligen Sommersprossen im Gesicht und strahlt. Fast sieht es aus, als ob er endlich Spaß daran hat, in die vielen Mikrofone zu sprechen, die ihm entgegengestreckt werden. Und das, obwohl er Interviews bisher gar nicht mochte. Vor allem nicht zu dieser Jahreszeit. "In diesem Jahr bin ich gut durch den Winter gekommen. Ich habe hart gearbeitet. Von mir aus kann es losgehen." Ullrich weiß, dass er nicht mehr viele Chancen hat, die Tour zu gewinnen. Er ist 32 Jahre alt und gibt zu: "Ich muss mehr trainieren als früher. Aber ich fühle mich wohl und bin gesund."

Klare Verhältnisse in Ullrichs privatem Umfeld

Ludwig hat ein paar Änderungen vorgenommen, damit sich sein Kapitän wieder wohl fühlt. Er integrierte Pevenage wieder voll ins Team, legte fest, dass der in Frankreich im Begleitfahrzeug sitzt und bestimmt - ebenfalls schon jetzt - dass Ullrich bei der Tour de France die Kapitänsrolle übernimmt. Damit spart sich Ludwig vor der Frankeich-Rundfahrt Diskussionen, die Unruhe ins Team bringen könnten. Bei der Verpflichtung der neuen Fahrer ließ der Manager auch Pevenage, Ullrich und dessen Freund und Trainingspartner Andreas Klöden Mitspracherecht. "Das Team ist absolute Klasse. Nach vielen Jahren ist die Mannschaft nach meinem Geschmack. Wir harmonieren sehr gut miteinander und sind jetzt schon weiter als letztes Jahr im Mai", sagt Ullrich.

Man möchte es dem motivierten Ullrich glauben, dass in diesem Jahr alles anders ist, als in den Jahren zuvor. Doch bei den Präsentationen im Januar war in den letzen Jahren eigentlich immer alles anders als im Jahr zuvor und die Motivation, die Tour zu gewinnen, war Ullrichs Angaben zufolge immer riesig groß. Doch dann kam immer wieder etwas dazwischen. Stürze, Übergewicht und Krankheiten waren die Stolpersteine in den letzten Jahren. Teamarzt Lothar Heinrich erklärt, dass jetzt wohl wirklich alles anders sei und dass selbst eine Erkältung den T-Mobile Kapitän nicht aus der Bahn werfen könne. "Die Leistungstests haben bewiesen, dass Jan fitter ist als in den letzten Jahren. Er kann in den Trainingsgruppen mithalten. Das überlastet sein Immunsystem nicht so wie früher und er kann eine Erkältung besser bekämpfen."

Geistiger Beistand braucht keine Startnummer

Und was ist mit dem neuen Geist? "Für mich hat das etwas mit Harmonie im Team zu tun", sagt Andreas Klöden, der im Dezember mit Ullrich in Südafrika trainierte. "Jan ist einfach entspannter als im letzten Jahr. Das liegt zum einen daran, dass wir eine Trainingsgruppe haben, die gut harmoniert, weil wir alle den gleichen Leistungsstand haben, aber auch daran dass sich seine private Situation geklärt hat." Obwohl Ullrich mit Freundin Sarah in der Schweiz wohnt, kann er seine Tochter Sarah bei deren Mutter Gaby so oft besuchen wie er will. Der neue Spirit schafft also die besten Voraussetzungen dafür, dass Ullrich nach drei Wochen Rundfahrt am Ende in Paris triumphieren kann. Jedem Team stehen bei der Tour de France zwar nur neun Plätze zur Verfügung und die wird Ullrich für seine Helfer brauchen, aber egal: Geistiger Beistand braucht "eh" keine Startnummer.

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