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Tennis: Davis Cup - Deutschlands Chancen gegen Argentinien

Kohlschreiber ist krank, der wiedergenesene Mayer ohne viel Matchpraxis und unter diesen Voraussetzungen tritt das deutsche Davis Cup-Team gegen Argentinien auch noch auf deren Lieblingsbelag an? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Erstrundenpartie.

Nach dem Erstrunden-Aus der Fed Cup-Damen vor einer Woche wollen es Deutschlands Herren in ihrem Teamwettbewerb besser machen. Dabei bekommen es Florian Mayer, Philipp Petzschner, Tommy Haas und der für den erkrankten Philipp Kohlschreiber nachnominierte Cedrik-Marcel Stebe mit einem dicken Brocken zu tun - Vorjahresfinalist Argentinien, das einen erneuten Anlauf auf den Titel unternehmen will.

Die Stechert-Arena in Bamberg, sonst Heimstätte des deutschen Basketball-Meisters Brose Baskets, ist bereit für die Davis Cup-Erstrundenpartie. In 14 Stunden harter Arbeit wurden 32 Tonnen rote Ziegelerde aufgefahren, die mit flüssigem Kunststoff vermischt der deutschen Mannschaft einen perfekten Untergrund für den hoffentlich dritten Sieg im achten Davis Cup-Vergleich mit Argentinien bieten werden. Und damit kommen wir auch schon zur ersten der fünf drängendsten Fragen vor dem Tennis-Showdown.

Warum denn gerade gegen Argentinien auf Sand?

Ausgerechnet gegen das Mutterland aller Sandplatzwühler auf Asche zu spielen, klingt etwas widersinnig. Gut, im letzten Jahr schlug man Argentinien auf diesem Belag beim deutlich unwichtigeren World Team Cup mit 2:1. Außerdem konnte man durch diese Belagwahl wie erhofft Juan Martin del Potro ausschalten. Die eigentliche Nummer eins der Südamerikaner scheute das mit der Umstellung von Hardcourt auf Sand verbundene Verletzungsrisiko und verzichtete.

Dafür sind die verbliebenen Gegner echte Sand-Spezialisten. Juan Ignacio Chela bringt es auf bisher sechs Turniersiege, Juan Monaco auf vier und selbst David Nalbandian, der anders als seine beiden Kollegen Hartplätze bevorzugt, hat mit seinen vier Turniersiegen auf Sand mehr Erfolge auf diesem Belag vorzuweisen als Mayer (1), Kohlschreiber (1), Petzschner (0) und Haas (1) zusammen. Trotzdem wollten die Spieler, unbedingt auf Sand antreten. "Flo hat im vergangenen Jahr 1.000 Weltranglistenpunkte auf Sand einspielen können, das spricht schon für sich", glaubte Davis Cup-Kapitän Patrik Kühnen laut tennisredaktion.de.

Zwar dürfte der in Bamberg entstandene Sandplatz deutlich härter und schneller sein als die normalen Outdoor-Ascheplätze, doch drängt sich die Frage auf, ob sich die deutsche Mannschaft mit einem langsamen Hardcourt oder eventuell auf Rasen in Halle gegen die Argentinier nicht einen größeren Gefallen hätte - vor allem, weil die Argentinier auf Sand eingespielt sind. Und damit wären wir bei der zweiten Frage.

Wie fit bzw. in welcher Form sind die Spieler?

Topfit und dazu noch mit reichlich Sanderfahrung reisten die Argentinier an. Ersatzmann Chela stand vor einer Woche noch im Halbfinale von Vina del Mar, Nummer eins Monaco gewann das Turnier sogar und ist somit in 2012 auf Sand ungeschlagen. Nalbandian, der seit Melbourne pausiert hatte, dürfte sich derweil für seinen Einsatz gut erholt haben. Nachteile dürfte die Pause für ihn dank seiner Erfahrung nicht haben.

Dagegen macht der Zustand der deutschen Mannschaft ein paar Sorgen. Kohlschreiber, der eigentlich gut in Form war und in Montpellier zuletzt das Halbfinale erreicht hatte, musste wegen eines Magen-Darm-Virus seine Davis Cup-Teilnahme absagen. Mayer gab nach überstandenen Leistenproblemen, die ihn zum Saisonstart in Brisbane zur Aufgabe und bei den Australian Open zur Absage gezwungen hatte, mittlerweile Entwarnung und erklärte: "Alles ist gut".

Ebenfalls keine körperlichen Probleme haben der für Einzel und Doppel nominierte Petzschner und der nachnominierte Cedrik-Marcel Stebe. Ebenfalls bestens fühlt sich Tommy Haas, dessen Krankenakte in den letzten Jahren auf die dicke des Hamburger Telefonbuchs angewachsen war. "Es ist körperlich so positiv wie schon seit langem nicht mehr", erklärte er beflügelt von seinem guten Auftritt bei den Australian Open gegen Rafael Nadal. Apropos Haas.

Warum steht Tommy Haas im Davis Cup-Team?

Mal ehrlich. Die Erfolge des lange verletzten Oldies Haas waren zuletzt sehr überschaubar. Nur einmal ist es ihm bisher gelungen einen Top 50-Spieler zu schlagen, der hörte allerdings auf den Namen Chela. Aber da beide in Bamberg nicht in den Einzeln auf dem Platz stehen werden, spielt dieses psychologische Moment keine Rolle. Vielmehr dürfte der vom Namen Haas ausgehende Glanz für Kühnen den Ausschlag gegeben haben, ihn zu nominieren.

Einmal als Publikumsmagnet und dann auch, um dem Gegner ein bisschen Respekt einzuflößen. "Wenn die Argentinier den Namen Tommy Haas in der Aufstellung sehen, dann ist da gleich eine andere Ausgangsposition vorhanden", glaubt Petzschner laut tennisnet.com. Haas ist neben einem Einsatz im Doppel - eventuell ein möglicher Test für eine Olympia-Teilnahme an der Seite von Petzschner in London - aber vor allem die Rolle des Motivators in der Box zugedacht.

Von hier aus soll er mit seiner Erfahrung das Team pushen, in schwierigen Situationen beraten und - wenn auch aus der zweiten Reihe - genau die Führungspersönlichkeit darstellen, die dem Team seit Jahren fehlt, weil keiner der übrigen Spieler wirklich in der Lage ist, diese Rolle auszuüben. Natürlich soll er auch mithelfen, das Publikum in Wallung zu bringen.

Welche Rolle spielt das Publikum in Bamberg?

Denn von den Rängen erhofft man sich in der Stechert-Arena den nötigen Push. Bamberg ist vom Basketball her als begeisterungsfähiges Publikum bekannt, das die Halle in einen Hexenkessel verwandeln kann. "Diese Stadt heißt nicht umsonst Freak City", hoffte Petzschner, der wie Mayer aus dem nur 60 Kilometer entfernten Bayreuth stammt und viele Fans anlocken wird, auf große Unterstützung.

"Ich habe viel von den berühmten Freaks gehört", meinte auch Haas laut abendblatt-nuernberg.de. "Und ich wünsche mir, dass die Zuschauer auch hinter uns stehen werden und es so richtig krachen lassen. Das Besondere am Davis Cup ist doch, dass es nicht so ruhig sein muss wie sonst im Tennis." Die Spieler haben es in der Hand, mit einer guten Leistung dafür zu sorgen, dass der Funke auf die Tribünen überspringen wird. Publikumsunterstützung ist im Davis Cup immer ein wichtiges Pfund. Und damit zur letzten und natürlich wichtigsten Frage.

Wie geht Deutschland vs. Argentinien denn nun aus?

Die Nominierungen der beiden Teamchefs Kühnen und Martin Jaite verwundern zum Teil schon etwas, besonders, dass Nalbandian den Vorzug vor dem auf Sand eindeutig stärker einzuschätzenden Chela bekommen hatte. Auch dass Petzschner statt Haas im Einzel antreten darf, überraschte.

Petzschner, der seine besten Tour-Ergebnisse bisher auf Hartplätzen (Turniersieg Wien 2008) bzw. Gras (Finale Halle 2011) erzielt hat, dürfte gegen den zähen Monaco im Eröffnungseinzel keine Chance haben. Wenn Mayer dagegen im zweiten Einzel endlich einmal die für ein Best-of-five-Match nötige Konstanz zeigt und Nalbandian früh entnervt, dass der Argentinier die Konzentration verliert, ist der Ausgleich drin. Im Doppel zwischen Petzscher/Haas und Chela/Schwank spricht der psychologische Aspekt für Deutschland, obwohl die Südamerikaner eingespielter sind. Deoch neben dem Heimvorteil kommt zum Tragen, dass Petzschner in Melbourne an der Seite des Österreichers Jürgen Melzer das Duo bereits schlagen konnte.

Somit könnte das deutsche Team im Idealfall mit einer 2:1-Führung in den Schlusstag gehen. Im ersten Einzel des dritten Tags könnte Mayer mit einem Sieg gegen Monaco schon alles klar machen. Der direkte Vergleich mit 4:1 Siegen auf Sand sprechen für den Deutschen, die bessere aktuelle Form sieht jedoch den Argentinier in Front. Somit fiele die Entscheidung im fünften Einzel zwischen Petzschner und Nalbandian fallen. Favorit: Eindeutig der Gringo.

Eine knappe Niederlage, ein knapper Sieg - beides liegt wohl im Bereich des Wahrscheinlichen. Möglich ist auch, dass beide Coaches für den Sonntag je nach Spielstand noch die Aufstellungen ändern. Sich hundertprozentig festzulegen ist daher unmöglich. Wahrscheinlich ist es wirklich, wie Mayer meint: "Man muss Argentinien schon als Favorit sehen. Aber jeder kann jeden schlagen. Die Tagesform ist entscheidend."

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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