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Thomas Bach vor Wahl zum IOC-Präsidenten: Nur offiziell ein Saubermann

Thomas Bach steht vor der Krönung seiner Karriere: Der Deutsche wird aller Voraussicht nach neuer IOC-Präsident. Mehr Macht geht nicht im Sport. Eine Annäherung an einen umstrittenen Funktionär.

Von Klaus Bellstedt

Mit Thomas Bach ist das so eine Sache: Seine Unterstützer halten ihn für einen genialen Schnelldenker und Förderer des Sports, seine Kritiker für einen machtbesessenen Karrieristen und berechnenden Politiker, der seinem großen Ziel seit Jahren alles gnadenlos unterordnet. So oder so: Bach geht an diesem Dienstag in Buenos Aires als großer Favorit ins Rennen um die Nachfolge des Belgiers Jacques Rogge an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees. Der 59-jährige Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim wäre damit der erste Deutsche im Amt des IOC-Präsidenten.

"Natürlich ist Anspannung da. Ich habe mich auf diese Wahl wie früher als Athlet auf einen Wettkampf vorbereitet. Die Form stimmt", sagte Bach 24 Stunden vor der großen Wahl. Und er ergänzte: "Ob es am Tag der Entscheidung aber reichen wird, weiß man nie mit Gewissheit. Ich hoffe es natürlich." Der Multi-Funktionär ist aus Erfahrung vorsichtig. Zu viel Offenheit ist gefährlich, zu viel Zurückhaltung auch. In diesem Spannungsfeld bewegt er sich, seit er als Fünfjähriger mit dem Fechten begann.

Nichts konnte Bach stoppen

Als Bach noch selber aktiver Sportler war, hat das fast immer geklappt: Den richtigen Moment zwischen Deckung und Attacke zu erwischen. Mit der Mannschaft holte er 1976 in Montreal Gold. Hinzu kommen zwei Weltmeistertitel 1976 und 1977 sowie eine Bronze-Medaille bei der WM 1979. Im Team feierte Bach seine größten Titel. Nach dem Ende seiner sportlichen Karriere wurde der Funktionär zum Einzelkämpfer. Die Angriffe seiner Gegner, er habe aus seinen Ehrenämtern berufliche Vorteile gezogen, parierte Bach immer wieder regelmäßig und mit sehr viel Routine. So wie früher auf der Planche. Im Grunde bis zum heutigen Tag.

Nichts konnte Bachs Karriere stoppen. 1991 kam er ins IOC, 1996 in die Exekutive, 2000 wurde er zum Vizepräsidenten gewählt und bis heute mit traumhaften Wahlergebnissen im Amt bestätigt. Er lenkte den großen IOC-Bestechungsskandal vor den Spielen von Salt Lake City geschickt aus dem Licht der Öffentlichkeit und gab sich als Leiter der juristischen Kommission immer als strikter Kämpfer gegen Doping. 2006 wurde er erster Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, dem er am Dienstag als IOC-Präsident den Rücken kehren will.

Vielfältige Kontakte in die Wirtschaft

Bach beherrscht das strategische Winkelspiel in der olympischen Familie wie kaum ein Zweiter. Egal ob als Vorsitzender der Juristischen Kommission oder als Chef der Disziplinarkammer bei Olympischen Spielen. Auch Vorsitzender der Berufungskammer des Internationalen Sportgerichtshofs CAS war er schon; die europäischen TV-Rechte für Olympia hat er ebenfalls verhandelt.

Aber es gab auch Niederlagen im Funktionärsleben des Thomas Bach. Zum Beispiel die gescheiterten deutschen Olympia-Bewerbungen mit Leipzig, Berlin und München - alle sind sie mit seinem Namen verbunden. Seine vielfältigen Kontakte in die Wirtschaft brachten ihn bis kurz vor "seiner" Wahl am Dienstag zudem immer wieder in Bedrängnis. Im Rahmen der Siemens-Bestechungsaffäre wurde sein lukrativer Beratervertrag mit dem Münchner Weltkonzern durchleuchtet. Anschuldigungen, es gebe einen Interessenkonflikt, wurden laut. Er vermische Beruf und Ehrenamt, warfen ihm die Kritiker vor. Bach verlor schließlich sein hoch dotiertes Siemens-Mandat, weitere Konsequenzen gab es nicht. Die Compliance-Abteilung von Siemens teilte mit, eine Überprüfung habe zu "keinerlei Beanstandungen" geführt, an Bachs Integrität bestünden "keine Zweifel". Der Konzern war damals für die technische Infrastruktur an zahlreichen Wettkampfstätten der Peking-Spiele 2008 verantwortlich.

Konkurrenten eher chancenlose Mitstreiter

Zuletzt geriet Bach wegen seiner zögerlichen Haltung im Anti-Doping-Kampf und seiner umstrittenen Präsidentschaft in der deutsch-arabischen Handelsgruppe Ghorfa vermehrt unter Beschuss. Die Grünen hievten dieses Engagement des FDP-Mitglieds Bach sogar auf die politische Bühne. Und nicht nur sie argwöhnen, dass die Darstellung des Multifunktionärs, von so ziemlich allen Skandalen um Doping und Korruption im IOC nie etwas mitbekommen zu haben, unglaubwürdig ist. Bis jetzt, bis zu seiner wahrscheinlichen Krönung ist immer alles an ihm Bach abgeprallt. Offiziell steht der Noch-Vize des IOC als Saubermann da.

Und so verwundert es nicht, dass die deutsche Sportprominenz bei der Präsidentenwahl hinter Thomas Bach stehen wird. Ob Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach oder Dirk Nowitzki, sie alle gaben ihm im Vorfeld des Kandidaten-Sechskampfs die volle Rückendeckung. Bachs Konkurrenten, darunter Stabhochsprung- Weltrekordler Sergej Bubka (Ukraine), Multifunktionär Denis Oswald (Schweiz) und Wu Ching-Kuo (Taiwan), Präsident des Box-Weltverbandes, gelten eher als chancenlose Mitstreiter.

Wie sagte Diskus-Olympiasieger Robert Harting einmal in seiner unvergleichlich direkten Art? "Bei DOSB-Präsident Thomas Bach habe ich das Gefühl, es ging ihm noch nie um etwas anderes, als IOC-Präsident zu werden. Er ist nur damit beschäftigt, den interessieren weder wir noch sein Amt beim Sportbund wirklich." Jetzt hat er das große Ziel ganz dicht vor Augen.

mit Agenturen

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