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Tour de France: "Ihr Deutschen seid extrem"

Die Tour de France rollt, ein Deutscher fährt an die Spitze, und doch hat das Radspektakel durch die Dopingskandale den Glanz verloren. Im stern.de-Interview spricht Tour-Direktor Christian Prudhomme über den Kampf ums Image, betrogene Liebhaber und den Stil von ARD und ZDF.

Monsieur Prudhomme, die Tour de France 2008 läuft - was erwarten uns diesmal für Skandale? 2007 wurde der Träger des Gelben Trikots, Michael Rasmussen, wegen umgangener Dopingkontrollen disqualifiziert. Der Sieger Alberto Contador war früher wohl Kunde des Dopingarztes Fuentes, er ist dieses Jahr erst gar nicht dabei.

Ich weigere mich, die Welt schwarz-weiß zu sehen. Man wird nicht zum Betrüger, sobald man auf ein Rennrad steigt. Ich rede viel mit den Teams, da sind wirklich gute Jungs im Feld, die sauberen Sport wollen.

Die Jungs, die gewinnen, wollen das offenbar nicht: Riis, Ullrich, Pantani, Armstrong, Landis, Contador - seit mehr als zehn Jahren ist kein Champion mehr unbefleckt. Es gibt Geständnisse, positive Proben oder zumindest einen dringenden Verdacht. Warum soll man sich diese Tour überhaupt anschauen?

Ihr Deutschen seid schon extrem. Jahrelang habt ihr hinter einem Jan Ullrich gestanden und ihn gefeiert, dann fliegt das Team Telekom mit seinen Dopingpraktiken auf, und die große Depression ist da. Jetzt soll plötzlich alles Mist sein? Der deutsche Radsportfan ist ein Liebender. Ein Liebender, der sich betrogen fühlt.

Können Sie ihn trösten?

Ich kann ihm nur sagen: Schau genau hin, hinterfrage dich selbst, gib dem Radsport eine Chance. Die Guten und die Bösen, das kommt nur im Western vor, wo am Ende immer die Guten siegen und die Bösen sterben. Aber das hat leider nichts mit dem wahren Leben zu tun.

Wie wichtig ist der deutsche Markt für Sie?

Ich hasse das Wort Markt in Zusammenhang mit der Tour de France. Die Tour ist kein Business wie jedes andere. Sie ist ein Monument, sie ist Geschichte, ein Kulturgut, ja: etwas Heiliges.

Die Tour hat einen geschätzten Umsatz von 130 Millionen Euro und macht 15 Millionen Euro Gewinn. Dazu haben in der Vergangenheit sicherlich auch Teams und Fans aus Deutschland beigetragen.

Deutschland ist der erste Partner Frankreichs, und das gilt natürlich auch für uns im Radsport. Das Land hat viele Einwohner und eine hohe Kaufkraft, doch entscheidender ist, dass eine unglaubliche Begeisterungsfähigkeit für den Radsport da ist. Denken Sie an 2005, als eine Tour-Etappe in Karlsruhe endete, das war Wahnsinn, die Menschen standen regelrecht Kopf, die ganze Stadt vibrierte. Meine Aufgabe als Tour-Chef ist es, eine Vertrauensbasis herzustellen, damit die Flamme wieder brennen kann.

Wie wollen Sie das machen?

Wir arbeiten eng mit der Wada (Welt-Anti-Doping-Agentur) und der AFLD (franz. Anti-Doping-Agentur) zusammen, die mit der Umsetzung eines strengen Kontrollprogramms beauftragt ist. Eine positive Probe während der Tour würde uns nicht schockieren, sondern ein Beweis für Effizienz unserer Maßnahmen sein.

Haben Sie das scharfe Kontrollprogramm nicht nur deshalb eingeführt, weil Ihnen nach der Skandal-Tour im vergangenen Jahr die Sponsoren wegzulaufen drohten?

Da liegen Sie falsch. Den großen Einbruch gab es nicht. Wir hatten so viele Städtebewerbungen wie noch nie, 225 Kandidaten für 30 Startorte. Sogar aus Japan, Katar oder auch aus der Türkei kamen Anfragen für den Prolog. Natürlich haben unsere Sponsoren kritische Fragen gestellt, sie wären ja dumm und verantwortungslos, wenn sie das nicht gemacht hätten. Aber wie haben sie schließlich gehandelt? Skoda hat für vier Jahre unterschrieben, France Télévision für fünf.

ARD und ZDF sind im letzten Jahr wegen eines deutschen Dopingfalls aus der Live-Berichterstattung ausgestiegen. Mitten im Rennen ...

... ja, und das Mindeste wäre gewesen, uns darüber zu informieren. Ich habe es von den Journalisten erfahren. Wir waren verbittert. Aber gut - ich kann den Ausstieg zum Teil sogar nachvollziehen. Andererseits war das wieder einmal ein Beispiel dafür, dass der Radsport anders als die anderen Sportarten behandelt wird.

Jetzt machen also Medien den Radsport kaputt und nicht Doping.

Nein, bloß wird oft mit zweierlei Maß gemessen. Der Radsport wird durch ein Brennglas angeschaut wie kein anderer Sport. Ein Beispiel: Wenn bei einem Radfahrer ein Hämatokritwert von 50 gemessen wird, darf er nicht mehr fahren. Für die Medien ist das gleich ein Dopingfall, dabei handelt es sich nur um eine Schutzsperre.

Ein erhöhter Hämatokritwert ist oftmals ein Indiz für Blutdoping.

Ich will auf etwas anderes hinaus: Wissen Sie, in wie vielen Sportarten man bei einem Hämatokritwert über 50 nicht mehr starten darf? In vier. Eisschnelllauf, Biathlon, Skilanglauf und Radsport. Alle anderen dürfen munter weitermachen, Fußballer, Schwimmer, Tennisspieler - und kaum jemand weiß das! Also, was ich möchte, ist Redlichkeit dem Radsport gegenüber. Es tut sich was, wir erleben einen Wandel. Trotzdem zeigt die ganze Welt mit dem Finger auf uns.

Sie beschwören den Wandel - doch warum bekommt jemand wie Jörg Jaksche in Ihrer neuen Radsportwelt keinen Job? Jaksche hat im vergangenen Jahr mit seiner Dopingbeichte viel Aufklärungsarbeit geleistet. Eigentlich hätte sich doch jedes Team mit solch einem geläuterten Fahrer schmücken können.

Ich habe einen Brief von Jaksche bekommen, aber ich habe ihm zunächst nicht direkt geantwortet, sondern mit Rudolf Scharping (Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer) darüber gesprochen. Ich bin sicher, Jaksche ist ein guter Mensch, der seiner Vergangenheit den Rücken kehren will, doch ich kann ihm keinen neuen Job besorgen. Das ist nicht mein Kompetenzbereich. Das habe ich ihm später per E-Mail mitgeteilt.

Nochmal: Ist das Karriereende von Jörg Jaksche nicht ein Beleg dafür, dass im Radsport noch immer die alten Mechanismen wirken? Dass eine Erneuerung nicht wirklich gewollt wird? Warum sonst wird ein Fahrer wie Jaksche, der früher bei Weltklasse-Teams unter Vertrag stand, verstoßen?

Ein Kulturwandel braucht eben seine Zeit. Das geht nicht von heute auf morgen. Sie müssen die Teammanager fragen, warum sie einen Jaksche nicht wollen. Da scheinen die Fronten verhärtet zu sein.

Verhärtet sind die Fronten auch in der Beziehung ihres Arbeitgebers ASO, dem Veranstalter der Tour de France, und dem Weltradsportverband UCI. Da herrscht eine gepflegte Feindschaft: Die UCI hat den französischen Radsportverband ausgeschlossen, weil der mit der ASO kooperiert und der UCI die Oberaufsicht über die Tour weggenommen hat.

Wir hatten keine andere Wahl, als uns von der UCI zu trennen. Wir wollen einen aufrichtigen und effektiven Kampf gegen Doping. Letztes Jahr war das mit der UCI nicht möglich, obwohl wir kurz vor der Tour eine heiligen Pakt gegen Doping geschlossen hatten. Nehmen Sie den Fall Michael Rasmussen: Der hätte bei der letzten Tour gar nicht starten dürfen, weil er viermal verwarnt worden war - doch die UCI lässt ihn fahren. Das war ein Affront, ein Angriff auf die Tour.

Der Kampf UCI gegen ASO wirkt zum Teil sehr kindisch, wie ein Streit im Sandkasten. UCI-Präsident Pat McQuaid macht zum Beispiel Urlaub, wenn die Tour läuft, das wichtigste Radrennen der Welt.

Sie haben das also auch bemerkt: Seit ein paar Jahren macht der Vorstand der UCI ausgerechnet im Juli Urlaub!

Zu solch einem Zwist gehören aber immer zwei Betonköpfe. Wo liegt Ihr Anteil?

Ich finde gar nicht alles schlecht, was die UCI macht. Ich sehe das schon differenziert. Die Einführung des Biologischen Passes für die Fahrer ist eine sehr gute Sache, auch wenn das eine komplizierte Geschichte ist. Die Blutparameter der Fahrer werden erfasst und über einen längeren Zeitraum beobachtet. Sollte es auffällige Veränderungen geben, könnte dies ein Hinweis auf eine Manipulation sein und eine Expertenkomission wird eingeschaltet.

Wir haben jetzt mehr als eine Stunde über Doping, Blutwerte und Funktionärsquerelen gesprochen. Sie haben mal gesagt, Sie hätten als kleiner Junge oft von der Tour de France geträumt. Was ist von diesen Träumen heute noch übrig geblieben?

Als kleiner Junge hatte ich noch kein Wort dafür, aber heute würde ich sagen: Die Ideale haben überlebt. Der Glaube, dass wir bei der Tour wieder saubere Helden sehen werden und die Tour wieder in das Licht rückt, das sie verdient. Sie glauben gar nicht, wie sehr das eine Herzensangelegenheit für ganz Frankreich ist. Letztes Jahr riefen die Leute am Straßenrand: "Verteidigen Sie die Tour, wir sind mit euch. Vive le Tour!"

Interview: Christian Ewers / print

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