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US Sport: Boston - Eine Stadt feiert ihre Sportteams

"I Love That Dirty Water" heißt das Lied, das bei Siegen der Bruins und Red Sox angestimmt wird und sich auf den, nicht immer perfekt sauberen, Charles River bezieht. In den letzten Jahren läuft der Klassiker der Standells in Boston immer und immer wieder, schließlich ist die Stadt im Sport die erfolgreichste der USA.

Sie wird oft als "Kleinste der Großstädte" betitelt und doch ist sie im Sport die Größte. In Boston werden Titel geschmiedet wie in keiner zweiten Metropole. Der Sieg der Bruins im Stanley Cup-Finale rundete die Erfolgsgeschichte ab: Innerhalb einer Sieben-Jahres-Frist gewannen alle vier Teams der großen Sportarten Titel. Doch vor den Triumphen ließen die Sportgötter die Stadt am Charles River lange leiden.

Wer jemals die Stadt besucht hat, weiß: Der Bostoner liebt seine Stadt, den Fluss und den Sport. Der Bostoner kleidet sich gerne in das Grün der Celtics, ein T-Shirt mit dem Red Sox-Logo, etwas im Gold-Schwarz der Bruins oder ein Patriots-Shirt. Wer dann auch noch ein Spiel der Red Sox, Celtics, Bruins oder Patriots besucht hat, der weiß: Der Bostoner nimmt den Sport sehr ernst.

Grund genug den Sport in der Stadt ernst zu nehmen und wenig Grund zur Freude gab es vor dem Februar 2002, als die Patriots den Titelreigen mit ihrem ersten von drei Super Bowl-Siegen eröffneten. Aber immer litten die Bostoner so mit ihren Teams, wie sie ihre Stadt liebten: Sie sind nicht perfekt, aber sie sind unsere Teams.

Am Besten fassten es The Standells in den sechziger Jahren zusammen, als sie das Lied "I Love That Dirty Water" veröffentlichten: "Du findest mich am Ufer des Charles River, zusammen mit Liebenden, Räubern und Dieben. Aber es sind coole Leute." Heute wird das Lied nach Siegen der Red Sox und Bruins gespielt.

Durststrecken und Flüche

Die Pats, mit dem Gründungsjahr 1960 das jüngste Team aller vier, hatten in ihrer Geschichte zuvor zwar zwei Mal das Finale erreicht, aber niemals gewinnen können. Die Celtics, 14 Jahre vor den Patriots ins Leben gerufen, waren da weitaus erfolgreicher - doch hatte ihr letzter NBA-Titel mit Larry Bird von 1987 Anfang der 2000er Jahre schon Staub angesetzt. Die Bruins hatten zuletzt 1972 eine Siegesparade abhalten dürfen und die Red Sox? Das ist eine ganz eigene Geschichte.

1901 gegründet und damit das älteste Team in der Stadt wurden die Red Sox zur personifizierten Erfolgslosigkeit, konnten sie nach fünf World Series-Titeln und dem Verkauf des legendären Babe Ruth 1919 an die New York Yankees bis 2004 nicht mehr gewinnen. Die 84 Jahre lange Durststrecke wurde mehr und mehr zum Mythos, schließlich setzte Sportreporter Dan Shaughnessy ihr ein Denkmal, indem er den Curse of Bambino - den Fluch Babe Ruths - für diese Durststrecke verantwortlich machte.

Gespenstergeschichten für Erwachsene

Mit einem ominösen Fluch traf er bei einigen Fanseelen mitten ins Schwarze. Wer, wenn nicht der Geist der vom damaligen Red Sox-Besitzer Harry Frazee geschassten Legende Ruth, könnte für das regelmäßige Versagen des Teams in entscheidenden Spielen verantwortlich sein. 1946, 1975 und 1986 gab es denkwürdige Niederlagen, andere Spielzeiten endeten trotz großer Hoffnungen mit einem Desaster.

Viele Red Sox-Fans glaubten zwar nicht wirklich an den Fluch, aber trotzdem war eine Legende geboren, die bis zum World-Series-Erfolg 2004 gerne zitiert wurde. Letztlich war diese Legende nur Ausdruck dessen, was Bostoner und insbesondere Red Sox-Fans über Sportlergenerationen empfanden, als immer wieder greifbare Erfolge durch die Finger rutschten.

Wie New York Times-Autor George Vecsey in einem Artikel 2003, mit der Überschrift "Red Sox-Fans machen das Leiden zur Kunstform", feststellte, schwangen sie sich zu Experten dazu auf, Desaster vorauszusagen. Er habe vor einem Playoff-Spiel des Teams mit Fans gesprochen, die zwei klare Heimsiege voraussagten. So weit, so gut - doch im gleichen Atemzug erzählten ihm diese Bostoner, dass die Red Sox schließlich das fünfte und entscheidende Spiel vermasseln würden, um das Leiden auszureizen.

So ähnlich kam es dann auch - zwar erst in der nächsten Runde, doch dort verloren die Red Sox gegen den Erzrivalen New York Yankees im elften Inning des entscheidenden siebten Spiels.

Die Rekord-Champs

Die Red Sox waren jedoch das Extrembeispiel. Die Boston Celtics schrieben während all dieser Jahren Erfolgsgeschichten. Elf Jahre nach ihrer Gründung, 1957, legten sie mit ihrem ersten NBA-Titel den Grundstein für elf Championships in 13 Jahren. Angeführt von Legende Bill Russell, dem vielleicht besten Center aller Zeiten, dominierten sie die Liga wie kein anderes Team zuvor und danach. Natürlich machte diese Titelflut die Bostoner zum Rekordtitelhalter - ein Prädikat, das auch in Schwächeperioden trösten konnte.

In den siebziger Jahren folgten zwei weitere Ringe und auch in den Achtzigern waren die Celtics, dieses Mal angeführt von einer weiteren Legenden, nämlich Larry Bird, drei weitere Male erfolgreich, ehe in den 90er Jahren der große Katzenjammer einsetzte. Auf einmal sahen sich Celtics-Fans mit Red Sox-Anhängern auf Augenhöhe.

Nicht mehr Big, nicht mehr Bad - die Bruins

Team Nummer drei, die Bruins, schaffte es sogar bereits fünf Jahre nach der Gründung, nämlich 1929, den ersten Stanley Cup zu stemmen. Dieses Kunststück sollte bis 1972 noch vier weitere Male gelingen. Besonders Ende der 60er- bis Ende der 70er-Jahre sorgten die von Bobby Orr angeführten Big Bad Bruins für Schrecken auf dem NHL-Eis.

Doch nach dieser Zeit reihten sich die Hockey-Cracks in die Reihe der Bostoner Teams ein, die einfach nicht mehr gewinnen konnten und das Kunststück, eindrucksvoll zu verlieren, ebenfalls perfektionierten.

Auf Regen folgt Sonnenschein

Als am 3. Februar 2002 Kicker Adam Vinatieri das entscheidende Field Goal zum 20:17-Erfolg über den Favoriten St. Louis Rams und damit dem ersten Super Bowl-Triumph der New England Patriots verwandelte, ging ein kollektiver Jubelschrei durch die Stadt am River Charles.

Zum ersten Mal seit den Celtics 15 Jahre zuvor führte eine Siegesparade wieder durch Boston. 2004 sollte Vinatieri wieder für ein Field Goal sorgen, dass den zweiten NFL-Titel in die Stadt brachte. Um noch einen drauf zu setzen, wiederholten die Patriots ein Jahr später noch einmal dasselbe Kunststück.

Eine blutige Angelegenheit

Das Jahr 2004 sollte Boston jedoch auch noch den sportlichen Höhepunkt bescheren, der 86 Jahre lang herbeigesehnt worden war: den sechsten World-Series-Titel für die Boston Red Sox. Passenderweise sollte der Weg dahin nicht reibungslos laufen, dafür die Nerven der Fans einmal mehr auf das Äußerste strapazieren.

In der American League Championship-Series hatte das Team bereits drei Spiele der Best-of-Seven-Serie gegen die Yankees verloren und drohte auch in der letzten Partie auszuscheiden. Schließlich lag das Team noch zu Beginn des neunten Innings mit 3:4 zurück. Doch New Yorks Mariano Rivera, ansonsten der Closer schlechthin, ließ zunächst einen Steal und dann den Schlag zum ausgleichenden Run zu. Im zwölften Inning verlängerten die Red Sox durch zwei weitere Runs diese Serie.

Schließlich gelang es dem Team, als erstem aus der MLB überhaupt, ein 0:3 in einer Playoff-Serie noch in ein 4:3 zu drehen. Natürlich - wie es sich für ein Team aus Boston gehört, mit der nötigen Dramatik. Zum Sinnbild dessen wurde Curt Schillings blutige Socke aus dem sechsten Spiel: Nach einer früheren Verletzung am Knöchel und einer Behandlung durch die Ärzte hatte der Pitcher bis zum siebten Inning durchgespielt und dabei die frische Naht in Mitleidenschaft gezogen.

Der Höhepunkt der Playoffs war mit dem 10:3 im letzten Spiel dann eigentlich erreicht, in der World Series wurden die St. Louis Cardinals mit vier Siegen in vier Spielen abgefertigt. Doch das Team und damit die Bostoner hatten sich mit einem Mal einer 86-jährigen Leidenszeit entledigt. Als 2007 gegen die Colorado Rockies der zweite Titel innerhalb kürzester Zeit folgte, nahmen die Fans diese Tatsache zwar nicht als selbstverständlich, aber mit der Gelassenheit gewohnter Gewinner hin.

Da fehlten nur noch zwei

Fünf Titelfeiern hatten die Bostoner bis 2008 bereits erlebt, als sich die Altmeister vom Parkett des Boston Garden dazugesellten. Die Grundlage für den 17. Titelerfolg, ausgerechnet gegen den Erzrivalen Los Angeles Lakers errungen, hatte General Manager Danny Ainge bereits im Vorjahr gelegt, als er Ray Allen und Kevin Garnett nach Neu England lockte, die gemeinsam mit Paul Pierce die Big Three und damit die Basis des Titelerfolges legten. 2010 standen die Bostoner vor einem erneuten Triumph, musste sich aber den Lakers beugen, die somit nach Championship-Ringen, von denen allerdings nur 16 aus der NBA stammen, gleichzogen.

Das Sahnehäubchen setzten nun die Bruins auf den Siegeskuchen der Stadt. Mit einer den Bostoner Teams nicht unbekannten Dramatik drehten sie in der 1. Runde der Playoffs die Serie gegen den Erzrivalen aus Montreal, nur um auch in den Finals gegen die Vancouver Canucks wie der Verlierer auszusehen. Am Ende blieb im siebten und entscheidenden Spiel zwar die Dramatik aus - doch der Weg dahin blieb schweißtreibend.

Die Stadt aller Städte

Damit schloss sich nach den titellosen neunziger Jahren eine Dekade des Titelregens an, die sich nun weiter fortsetzte. Noch wichtiger für die immer ehrgeizigen Sportfans in Boston: Keine andere Stadt mit Mannschaften in allen vier großen Sportarten brauchte nur gute sechs Jahre, um die Meisterschaften in der NFL, MLB, NBA und NHL zu feiern. Selbst der Erzrivale aus New York liegt, obwohl dort jeweils zwei Teams pro Sportart beheimatet sind, fast schon abgeschlagen mit elf Jahren Minimum hinter Boston.

Doch die Bostoner wären nicht die Bostoner, wenn sie nicht immer einen negativen Nebengedanken hätten - ein Überbleibsel aus der Leidenszeit: "Meine Mutter sagt immer, ich soll es genießen, wer weiss wann der nächste Titel kommt", zitierte die New York Times eine 19-Jährige nach dem Stanley-Cup-Sieg. Auch wenn für sie selbst Boston nicht viel zu erdulden hatte: "Die Teams aus Boston haben immer dominiert, so ist das seitdem ich mich erinnern kann." Wie sich die Zeiten ändern - das Wasser des Charles River soll übrigens auch wieder sauberer sein.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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