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Wladimir Klitschko: Erst Langweile, dann Dampfhammer

Wladimir Klitschko verteidigte seinen Titel erfolgreich durch ein K.o. gegen Calvin Brock. Ein Glanzstück des Boxsport war es nicht, beide Kämpfer wurden zwischendurch vom Publikum ausgepfiffen.

Wladimir Klitschko verließ nach seiner erfolgeichen Titelverteidigung den New Yorker Madison Square Garden mit gemischten Gefühlen: Einen Teil seines Großauftrags hat der 30- Jährige durch den K.o.-Sieg über den bis dahin ungeschlagenen Herausforderer Calvin Brock (USA) nach 2:10- Minuten in der siebten Runde erfüllt, aber die erhoffte Ring-Gala für den lukrativen US-Markt war es nicht. "Es war nicht leicht. Ich hätte den Gegner früher besiegen sollen. Das Ergebnis ist gut, ich bin fast komplett zufrieden", analysierte der Champion, mit einem Cut über dem linken Auge gezeichnet. Immerhin feierte Klitschko in seinem 50. Profi-Kampf den 47. Sieg, den 42. durch K.o..

Das Ergebnis hat gestimmt, das Erlebnis nur bedingt. 255 Tage nach seinem überzeugenden Titelgewinn über Chris Byrd (USA) wirkte Klitschko lange Zeit zu statisch und verkrampft. Dabei hatte es so vielversprechend begonnen. Als er um 23.22 Ortszeit in einem roten Satin-Bademantel den Ring bestieg, wurde er von den 16 000 Zuschauern stehend wie der große Hoffnungsträger der kränkelnden Schwergewichtsszene empfangen. Selbst Muhammad Ali war nach dem Sieg seiner Tochter Laila im Vorprogramm dageblieben, um sich ein Bild vom Ukrainer zu machen. Vor 35 Jahren hatte Ali an gleicher Stätte gegen Joe Frazier verloren.

Die Abwarter

Vielleicht hat der Mythos Madison Square Garden Klitschko gelähmt, vielleicht wollte er vor den zahlreichen Prominenten - Boris Becker, Joschka Fischer, Dustin Hofmann - zu viel. Nach einer guten Eröffnungsrunde war der Champion in den Runden zwei bis vier nicht aktiv genug. Brock, in 29 Kämpfen ungeschlagen, war ein harter Brocken, weil unbequem und defensivstark, aber auch der Banker aus North Carolina glänzte eher durch Abwarten. In Runde fünf mussten sich die beiden Protagonisten sogar Pfiffe von der Menge anhören. "In den ersten Runden war Wladimir vielleicht ein bisschen steif, aber danach ist er warm geworden. Er ist einfach der Beste", sagte Ex- Champion Lennox Lewis, der das Akademiker-Treffen zwischen Dr. Klitschko und dem studierten Wirtschaftswissenschaftler Brock für den US-Kabelsender HBO kommentierte.

Trotz zehn Zentimeter größerer Reichweite, deutlich mehr Erfahrung und der größeren Schlagkraft brauchte Klitschko in seinem zehnten Titelkampf lange, um den Rhythmus zu finden. Als sich der 1,98 m- Riese in der sechsten Runde nach einem unabsichtlichen Kopfstoß des Gegners auch noch einen Cut über seinem linken Auge zuzog, machte sich sein Bruder Witali Sorgen. "Ein Cut ist immer ein Problem. Wladimir hatte Probleme, den richtigen Schlüssel zu finden", gab Witali Klitschko zu. In der siebten Runde fand "Dr. Dampfhammer" den Schlüssel. Mit der linken Führhand bereitete er den K.o. vor, mit einer krachenden Rechten schickte er Brock schließlich auf die Bretter. Ende gut, nicht alles gut.

Der Beste, aber keine Legende

Klitschko hat die große Chance, im historischen Garden Werbung in eigener Sache zu machen, nicht genutzt, aber auch nicht verspielt. Er bleibt der anerkannt beste Titelträger aller vier Weltmeister. Das Vakuum in der Weltspitze der Schwergewichtler besteht allerdings weiter. "Wladimir war am Anfang vielleicht ein bisschen zu defensiv, aber nervös war ich nie. Er hatte immer alles unter Kontrolle", erklärte Klitschkos Trainer Emanuel Stewart, "ich würde ihn jetzt am liebsten gegen Nikolai Walujew sehen."

Im Frühling 2007 will sein Schützling wieder in den Ring steigen. "Ich will den Titel so schnell wie möglich vereinigen", sagte Klitschko. Potenzielle Gegner gibt es genug. Selbst der 44 Jahre alte Ex-Weltmeister Evander Holyfield brachte sich durch einen wenig überzeugenden Punktsieg am Freitag in San Antonio über Fres Oquendo wieder ins Gespräch. Nur Lennox Lewis will sich nicht zu einem Comeback überreden lassen. Darauf angesprochen, sagte der Engländer nur: "Lass mal, ich bin zu fett."

Sven Busch/DPA

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