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Alltag unter Covid-19: Shanghai in Zeiten von Corona: Lähmende Langweile und der Kontrollwahn des Staates

Die Corona-Krise hat alles verändert. Das Leben in Shanghai ist dem Stillstand nahe. Nichts hat geöffnet, die Langeweile lähmt. Und zu allem Überfluss macht der Kampf gegen das Virus den totalitären Charakter Chinas im Alltag wieder spürbar.

Leere U-Bahn in Shanghai mit zwei Atemmasken tragenden Fahrgästen

Leere Bahnen, geschlossene Restaurants, lähmende Langeweile und der Kontrollwahn des Staates: Shanghai in Zeiten des Coronavirus'.

AFP

"Tinder funktioniert gerade richtig gut", sagt Felix, ein Freund, der gerade Single ist in Shanghai. Er habe richtig viele Matches, die Frauen schreiben viel. Das Problem sei nur: Treffen wolle sich niemand. Und selbst wenn jemand den Mut aufbrächte, sich in Zeiten des neuartigen Coronavirus' zu begegnen - wo soll das geschehen? Es hat ja alles zu.

Dass China ein kommunistisches Land ist, konnte man in den vergangenen Jahren leicht vergessen. Wer an einem Frühlingstag durch die Straßen der ehemaligen Französischen Konzession in Shanghai spazierte, sah dort Menschen aus der ganzen Welt in mal mehr, mal weniger eleganten Cafés sitzen und manchmal schon mittags italienischen Weißwein trinken. Jede Woche schien ein neues Restaurant zu eröffnen. Der Sozialismus und der Totalitarismus des Staates waren gut versteckt: Ab und an mal eine rote Banderole vor einem Hauseingang, der die Bewohner zu Fleiß und Sauberkeit aufforderte. Drollige Bao’ans, eine Art Hausmeister in Uniform, die damit beschäftigt waren, Fahranfänger in einem Audi A8 in den Parkplatz zu winken.

China-Korrespondent im Interview: Warum das Coronavirus unserem Reporter in Shanghai keine Angst macht – etwas Anderes dafür umso mehr

Coronavirus: "Nachbarschaftskomitees" kontrollieren

Doch seit der Corona-Krise ist alles anders. Jetzt spürt man mit voller Wucht den totalitären Charakter Chinas: Die früher drolligen Hausmeister stehen jetzt vor jedem Haus, und sie führen Buch darüber, wer wann ein- und ausgeht.

Besucher sind in vielen Compounds nicht mehr erlaubt. Leute vom "Nachbarschaftskomitee" klopfen an der Tür und fragen, wann man Shanghai zum letzten Mal verlassen hat, wo das war, wie man heißt und welche Telefonnummer man hat. Sie ermahnen die Passanten dazu, Atemschutzmasken zu tragen und suchen nach offenen Restaurants, um die zur Schließung zu drängen.

QR-Codes am Hauseingang

China wäre keine Hightech-Diktatur, wenn nicht an jedem Hauseingang QR-Codes hingen, die Wanderarbeiter, die in den vergangenen Tagen zurückgekehrt sind, einscannen müssen. Mit einer App soll die Selbst-Quarantäne der Neuankömmlinge überwacht werden. 

Und die Hightech-Diktatur wäre nicht chinesisch, würden die Regelungen nicht einmal für sieben, ein anderes Mal für 14 Tagen gelten, wenn die Masken wirklich schützen würden, wenn wir schon noch genau wüssten, wie viele Menschen in Hubei wirklich infiziert sind, und wenn die Fieberthermometer der Bao’ans nicht manchmal 33 oder 35 Grad anzeigen würden. 

Viele denken daran, gar nicht mehr zurückzukehren

Die Drolligkeiten der chinesischen Hausmeister und Nachbarschaftskomitees sind mit einem Mal beängstigend: Mein Büro-Kollege hat vor einer Woche ein Kind bekommen. Die Ärztin in einem Krankenhaus für Expats, die ausländischen Facharbeiter, warnte seine Frau, unbedingt nach dem Stillen eine Stunde zu warten, bevor sie das Haus verlässt. Nach dem Stillen sei die Körpertemperatur oft erhöht, und ab 38 Grad landet man auf einer "Virus-Verdachts-Liste". Die drei warten nun darauf, dass das Neugeborene vom Generalkonsulat einen Pass erhält und sie ausreisen können.

Andere sind gar nicht erst zurückgekehrt. Eine befreundete Expat-Familie verbrachte das Frühlingsfest in Phuket. Als sie von dem Virus hörten, flogen sie nicht nach Shanghai zurück, sondern nach Deutschland. Dort, in einem fränkischen Dorf, erzählt er, würden die Leute seine Familie aus Angst vor Ansteckung zwar meiden. Aber das sei besser, als in Shanghai festzusitzen. Und je länger die Krise andauert, desto mehr ziehen sie es in Betracht, gar nicht mehr zurückzukehren. Genauso wie eine Kollegin, die seit sieben Jahren mit zwei Kindern in Shanghai lebt. Der vage Plan, irgendwann nach Europa zurückzukehren, wird plötzlich konkret, wenn die Stadt aussieht wie nach der Katastrophe von Tschernobyl. Zum ersten Mal seit Jahren sinken tatsächlich die horrenden Mietpreise der Stadt.

Shanghai in Coronazeiten: "It's boring as fuck"

Wer noch in der Stadt ist, hat vor allem ein Problem: Langeweile. "It's boring as fuck", sagt ein Freund, der das dritte Wochenende in Folge vor der Playstation verbracht hat. Das Expat-Viertel, die ehemalige französische Konzession, normalerweise eine Hochburg des Hedonismus, ist tot. Sport, um Dampf abzulassen? Geht nicht - alle Gyms der Stadt haben geschlossen. Keine Bar, kein Restaurant hat geöffnet. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Oha Eatery des Neuseeländers Blake in der Anfu Lu, ein begnadeter Koch mit der Statur eines Riesenhobbits. "Wir haben keine Angst vor dem Virus", sagt er. Doch das Virus ist längst nicht mehr das Problem. Das Problem wird die Reaktion eines in seiner Essenz totalitären Staates auf das Virus. 

Auch Blake wird langsam mürbe. Wo man normalerweise ohne Reservierung keinen Platz bekommt, ist man in diesen Tagen der einzige Gast. Kommt doch jemand, drehen sich die Gespräch um … das Virus. Stimmen die Zahlen? Wie viele sind es wirklich? Welches Land hat die Quarantäne-Bestimmungen gerade verschärft? Wieviele Wanderarbeiter sind schon zurückgekehrt? Soll man das Land besser jetzt verlassen, so lange es noch geht? Welche Airlines fliegen noch? Der Tag endet mit einem Blick auf die Zahl der Neuinfektionen. Der nächste Tag beginnt mit einem Blick auf die Zahl der Neuinfektionen. Gleichzeitig wissen wir, dass sie nicht der Realität entsprechen.

Der bittere Beigeschmack der Lüge

Natürlich ist es beeindruckend, wenn dieser Staat innerhalb von zehn Tagen ein Krankenhaus errichtet, sich 1,3 Milliarden Menschen plötzlich an Anweisungen halten und daheim bleiben und Masken aufsetzen. Wenn Menschen sich freiwillig melden, um den ganzen Tag bei anderen Leuten Fieber zu messen, wie eine Rentnerin vor einem Gemüsemarkt neben meinem Büro. Und natürlich müssen wir uns alle die - vielleicht bald sehr konkrete - Frage stellen: Wie würde eine westliche Demokratie auf eine solche Bedrohung reagieren? Wie würde ein Land wie Indien damit umgehen? Doch im Fall China haben all diese Maßnahmen einen bitteren Beigeschmack, der das ganze Gericht verdirbt: den der Lüge.

Fünf Millionen Menschen haben Wuhan, Ausgangspunkt der Epidemie, vor der Sperre verlassen. Anscheinend war vielen in der Führung zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Rund 200 Millionen Wanderarbeiter sitzen noch immer in der Provinz, wie viele es genau sind, wissen wir nicht. Sie werden in den nächsten Tagen zurückkehren, um in den Fabriken die Arbeit wieder aufzunehmen. Weil China nicht still stehen kann. Weil die globalen Lieferketten sonst unterbrochen werden und die ganze Welt still steht. Weil die kommunistische Führung ihre Legitimation aus der Steigerung der Wirtschaftsleistung bezieht.

Nur 40 Minuten bis zum Flughafen

In früheren Zeiten wurde mal in dieser, mal in jener Provinz das BIP-Wachstum gefälscht. Hohe Zahlen erhöhten die Wahrscheinlichkeit auf Beförderung des jeweiligen Gouverneurs. Der amtierende Premierminister Li Keqiang hat deswegen einen eigenen Index erstellt: Anstatt den von seinen Untergebenen gemeldeten Zahlen zu vertrauen, schaut er auf andere Parameter wie Frachtraten und Stromverbrauch. Für Covid-19 gibt es einen solchen Ersatzindex nicht. Die Schwäche eines totalitären Systems: Es gibt keine Anreize, die Wahrheit zu sagen. Das hat sich seit den Tagen Maos nicht geändert.

Immerhin - so schnell kam man noch nie von der Innenstadt zum Flughafen Pudong. Kein einziges Mal staut sich der Verkehr auf den gut 40 Kilometern. Dort angekommen steht wieder Wachpersonal am Eingang, das Fieber misst. Die Halle ist bis auf die Checkin-Schalter der wenigen Fluggesellschaften, die noch fliegen, menschenleer. Vor der Passkontrolle wieder Wachpersonal in Ganzkörper-Schutzanzügen, die Fieber messen. Später ist man in der Luft und atmet zum ersten Mal seit Tagen so etwas wie Freiheit. Durch die Atemschutzmaske natürlich.