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Interview

Krise in China : Deutsche in Shanghai über das Coronavirus: "Die Straßen sind gespenstisch leer"

Carina La Grange lebt seit 2018 mit ihrer Familie in Shanghai. Seit Ausbruch des Coronavirus hat sich ihr Alltag drastisch verändert. Im stern-Interview erzählt sie, wie sie sich vor der Krankheit schützt und warum sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen mit dem Gedanken spielt, zurück nach Deutschland zu fliegen.

Coronavirus: "Es sieht hier wie nach einer Zombie-Katastrophe aus": stern-Korrespondent berichtet aus Shanghai

Vor anderthalb Jahren zog es Carina La Grange mit ihrem Mann und ihren drei Kindern aus dem hessischen Wetzlar nach Shanghai. Seit August 2018 bewohnt die Familie in der Metropolenstadt ein Einfamilienhaus in einem sogenannten Compound, einer bewachten Wohnanlage mit Freizeiteinrichtungen und kleinen Supermärkten. Während ihr Mann an der Deutschen Schule Shanghai als Förderschullehrer in der Grund- und Sekundarstufe unterrichtet, kümmert sich Carina um den Haushalt und die drei sieben, neun und 15 Jahre alten Kinder. Doch seit im Januar in China die Coronavirus-Krise ausgebrochen ist, steht der Alltag der Familie still. Mit dem stern hat die 37-Jährige über die Situation vor Ort gesprochen.

Angst vor Coronavirus: Carina La Grange mit Mann André und Tochter Josephine

Mundschutz ist seit Ausbruch des Coronavirus Pflicht: Carina La Grange mit ihrem Mann André und Tochter Josephine

Wann haben Sie das erste Mal von dem Coronavirus erfahren?
So richtig wahrgenommen haben wir den Ausbruch des Virus erst Ende Januar, kurz vor dem Beginn unserer Chinese-New-Year-Ferien. Dann ging es mit den Sicherheitsmaßnahmen der Regierung Schlag auf Schlag. Der Mundschutz wurde Pflicht. Alle öffentlichen Chinese-New-Year-Veranstaltungen wurden abgesagt. Parks und Restaurants wurden geschlossen. Das Fiebermessen an den Eingängen zu Malls, Cafés und so weiter wurde eingeführt. 

Carina La Grange

Carina La Grange aus Wetzlar wanderte im August 2018 mit ihrem Mann und den drei gemeinsamen Kindern nach Shanghai aus

Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?
Wir verbringen definitiv mehr Zeit zu Hause oder in unserem Compound und achten sehr auf unsere Gesundheit. Ich möchte nicht, dass die Kinder jetzt krank werden und wir einen Arzt benötigen. Also bewegen wir uns viel an der frischen Luft, ernähren uns gesund und trinken viel.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Unser Alltag findet zurzeit wirklich sehr eingeschränkt statt. Der größte Teil der öffentlichen Einrichtungen, Parks, Restaurants und Freizeitanlagen sind geschlossen und die Straßen sind gespenstisch leer. Die Schule wurde nach den Chinese-New-Year-Ferien zuerst für 14 Tage geschlossen und letzte Woche bis voraussichtlich Ende Februar. Dadurch sind mein Mann und unsere Kinder im Moment zu Hause. Das ist eine Vorgabe der Regierung und betrifft alle chinesischen wie auch internationalen Kindergärten und Schulen. Die Kinder bekommen von ihren Lehrern online Wochenpläne, die sie zu Hause bearbeiten. Am Vormittag von 9 bis etwa 13.30 Uhr steht bei uns daher jetzt "Homeschooling" auf dem Tagesplan. Hauptsächlich arbeitet mein Mann mit unseren Kleinen und zwei Nachbarkindern, die ebenfalls in der zweiten und vierten Klasse sind. Das läuft ziemlich gut und die festen Zeiten geben den Kindern Struktur. Am Nachmittag wird gespielt und gelesen, wir kochen und backen gerne. Einmal am Tag gibt es einen Spaziergang oder eine Fahrradtour, wo wir auch Lebensmittel einkaufen gehen. Langweilig wird uns nicht. Ich bin selbst erstaunt, das unsere Laune noch so gut ist. Nachts ist unser Compound von 0 bis 6 Uhr komplett geschlossen. Tagsüber ist er ebenfalls für Besucher und Lieferungen gesperrt.

 

Aber tagsüber können Sie sich frei bewegen und auch Bus oder Bahn fahren?
Ja, wir dürfen uns, abgesehen von der Ausgangssperre nachts, frei bewegen, müssen aber jederzeit damit rechnen, dass bei uns Fieber gemessen wird. Bei jedem Café, am Eingang der Malls und beim Zugang zu unserem Compound. Unsere Kinder treffen auch regelmäßig am Nachmittag Freunde im Compound. Mit befreundeten Familien treffen wir uns auch außerhalb in Cafés oder machen gemeinsame Fahrradtouren. 

Das Virus soll in Wuhan ausgebrochen sein. Wie weit ist das in etwa weg von Ihnen?
Wuhan liegt etwa 800 Kilometer von uns entfernt. Aber wir waren noch nie da und kennen auch niemanden, der dort lebt oder arbeitet.

Kennen Sie persönlich jemanden, der infiziert ist?
Nein, wir kennen niemanden, der an dem Coronavirus erkrankt ist.

Leere Straßen in Shanghai

Wo sonst reger Verkehr herrscht, sind die Straßen menschenleer. Sohn Leopold freut's: "Hier ist Fahrrad fahren normalerweise nicht möglich", kommentiert Carina La Grange das Foto.

Wir in Deutschland bekommen täglich neue Meldungen über zahlreiche Tote und immer neue Infizierte. Wie ist das bei Ihnen? Fühlen Sie sich gut informiert?
Das Thema Nachrichten ist hier immer spannend. Bis Montagnachmittag wurden hier 909 Verstorbene gemeldet. Grundsätzlich verfolgen wir eher die internationalen und deutschen Nachrichten als die chinesischen. Wir erhalten aber über WeChat, also die chinesische Alternative zu WhatsApp, Artikel und Berichte aus den chinesischen Medien, die wir über Translator-Programme übersetzen können. Zum Teil fühlen wir uns eher überinformiert, denn ständig prasseln Informationen auf einen ein, die sich leider auch sehr oft widersprechen. Damit meine ich zum Beispiel den Widerspruch zwischen den drastischen Sicherheitsmaßnahmen der Regierung und den Aussagen, dass das Virus gar nicht so aggressiv sei. Das macht uns natürlich unsicher und man überlegt, ob die Zahlen über die Infizierten und Verstorbenen auch korrekt sind. 

Welche Maßnahmen ergreifen Sie selbst, um sich zu schützen?
Zum einen bewegen wir uns sehr viel weniger in der Stadt und meiden Menschenmassen. Wir tragen in allen geschlossenen Räumen wie Supermarkt, Taxi oder Metro einen Mundschutz, waschen regelmäßig unsere Hände und desinfizieren sie.

Leere Auslagen in einem Supermarkt

Leere Auslagen: Derzeit schließen die Supermärkte abends etwas früher

Hier waren Masken relativ schnell ausverkauft. Wie ist es bei Ihnen?
Aufgrund der Luftverschmutzung in Shanghai hat eigentlich jeder ausreichend Mundschutz im Haus. Für den Schutz vor dem Coronavirus werden Masken mit dem N95-Standard empfohlen. Diese sind hier inzwischen ausverkauft. Zwischenzeitlich wurden sie nur in begrenzter Stückzahl an Einzelpersonen abgegeben, oder Apotheken haben nur eine gewisse Anzahl am Tag verkauft. So standen morgens schon Leute Schlange vor der Apotheke. 

Gibt es Hamsterkäufe und Panik in der Bevölkerung?
In der ersten Woche nach dem Bekanntwerden des Virus in Shanghai auf jeden Fall. Wir wussten ja auch nicht, ob die Supermärkte irgendwann schließen müssen und haben uns vorsorglich mit den Grundnahrungsmitteln eingedeckt. Inzwischen hat sich die Situation aber entspannt. Die Supermärkte schließen lediglich abends etwas früher. Von einer Panik in der Bevölkerung haben wir nichts mitbekommen.

Wie groß sind Ihre persönlichen Sorgen in Bezug auf das Virus?
Unsere Sorge ist nicht mal das Virus an sich, oder dass wir daran erkranken können, denn wir fühlen uns durch den eingeschränkten Bewegungsradius und unsere Vorsichtsmaßnahmen recht sicher. Aktuell sind hier in Shanghai auch "nur" etwa 300 Personen erkrankt, bei einer Einwohnerzahl von 27 Millionen. Die einzigen Gedanken und unsere Sorgen sind, dass wir in unserem Leben immer mehr eingeschränkt werden und uns nicht mehr frei bewegen können.

Prof. Dr. med. Johannes Knobloch

Haben Sie Kontakt zu anderen Deutschen und tauschen Sie sich über die Krankheit aus?
Ja, wir haben eine tolle Community und gerade jetzt tut es besonders gut. Wir tauschen uns aus, sprechen über die neusten Nachrichten und verbringen viel Zeit mit unseren Freunden. Allerdings sind auch viele unserer Freunde noch nicht wieder in Shanghai, wenn sie in den Ferien im Ausland waren oder sind nach Deutschland geflogen. Viele Rückflüge wurden gecancelt und die Familien wurden auf andere Flüge umgebucht.

Fiebermessen am Eingang des Compounds

Bei jedem Café, am Eingang der Malls und hier, am Eingang der Wohnanlage von Familie La Grange, müssen die Einwohner damit rechnen, dass bei ihnen Fieber gemessen wird

Können Sie denn überall hinfliegen?
Es gibt viele Länder, die wir aktuell nicht anfliegen können, gerade im südostasiatischen Raum sowie Australien und Neuseeland. Aber grundsätzlich ist Reisen kein Problem, solange wir den Mundschutz tragen, der inzwischen ein Muss ist. 

Es gibt in China immer mehr Tote. In Deutschland hingegen zeigen die Erkrankten kaum bis gar keine Symptome. Können Sie sich das erklären?
Nein, leider nicht. Dieser Widerspruch ist auch für uns unerklärlich. Vielleicht liegt es an der Bevölkerungsdichte und der Ballung der Infizierten in China – im Speziellen in Wuhan. Auch unter den Chinesen gibt es die verschiedensten Theorien, ebenso wie in Deutschland, warum hier mit so drastischen Maßnahmen gehandelt wird. Die Erkrankung am Coronavirus wurde nach dem Aufkommen der ersten Fälle eher als ungefährlich eingeschätzt und Informationen wurden zurückgehalten.

Coronavirus: Aufnahmen sollen Zustände in chinesischen Krankenhäusern zeigen

Wie ist die medizinische Versorgung vor Ort?
Im Moment haben sämtliche Fachärzte vor Ort geschlossen und selbst die internationalen Krankenhäuser sind für uns nicht frei zugänglich. Ich denke, ich würde zuerst mal zu Hause behandeln, wir sind wirklich gut ausgestattet mit Medikamenten. Es ist auch unsicher, ob wir bei einem anderen medizinischen Fall in einem internationalen Krankenhaus behandelt werden. Zurzeit scheint sich die medizinische Versorgung nur auf Fieber und Viruserkrankungen zu konzentrieren. Selbst das Auswärtige Amt weist darauf hin. Im Falle einer Infektion mit Fieber wird von der chinesischen Regierung vorgegeben, an welches Krankenhaus man sich wenden muss.

Haben Sie schon mal überlegt, das Land zu verlassen?
Ja, und wir überlegen täglich aufs Neue, ob wir ausreisen sollen. Aber wir sind zu Hause, fühlen uns sicher und sind mit allem versorgt. Sollte sich daran etwas ändern, werden wir sicherlich für eine Zeit nach Deutschland fliegen.

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