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WM-Star Paul Biedermann: "Phelps an der Badehose gekitzelt"

Doppelweltmeister Paul Biedermann ist der Superstar dieser Schwimm-WM. Vor allem auch deshalb, weil Biedermann den eigentlich unbezwingbaren Michael Phelps besiegen konnte. Doch eine nervige Anzugdebatte und Doping-Verdächtigungen sorgen - aus deutscher Sicht - für ein paar dunkle Wolke über Rom.

Von Iris Hellmuth, Rom

Rom lebt und leuchtet, das tut es immer, aber während dieser Schwimm-WM besonders. Rund um das Stadion des Foro Italico hat man azurblaue Planen gespannt, von weitem sind sie zu sehen, auch weil an manchen von ihnen Wasser hinunterläuft. Wer kann, hält seinen Kopf darunter. Es ist so unfassbar heiß. Selbst die Römerinnen tragen kaum noch Stoff auf der Haut, und die müssten diese Hitze doch eigentlich gewohnt sein.

Frank Embacher trägt Shorts und einen Vollbart, er ist sehr groß und imposant. Wenn römische Frauen an deutsche Männer denken, dann stellen sie sich sicher einen wie Embacher vor. 1983 ist Embacher hier selbst geschwommen, bei der Europameisterschaft, im Kader der DDR. Heute ist er der Trainer von Paul Biedermann, und selten wurde in Rom und der Welt über zwei deutsche Sportler so viel gesprochen wie in diesen Tagen. Weil dieser deutsche Biedermann doch tatsächlich den Phelps bezwungen hat, einen Unbezwingbaren - und dazu einen Rekord brach, der für die Ewigkeit schien. Und das alles in Rom, ausgerechnet, der ewigen Stadt. Auch Britta Steffen hat sich am Freitag hier verewigt: Gold über 100 Meter Freistil, 52,07 Sekunden, ein neuer Weltrekord. Roma 2009, es sind die Schwimmspiele der Deutschen - und es sind vor allem die Spiele des Paul Biedermann.

Frank Embacher kennt Paul Biedermann seitdem er zehn ist. Er hat ihn vom Kind zum Mann reifen sehen und die grauen Haare in seinem Bart, nun ja, die erzählen ihre eigene Geschichte über diese Trainer-Sportler-Beziehung. Auch wenn jetzt ein großer Moment gekommen ist, der größte ihrer gemeinsamen Laufbahn. "Aber wenn Trainerkollegen bei Wettkämpfen zu mir kommen und sagen: Mensch, der Paul, der ist ja klasse, so pflegeleicht, da muss ich immer lachen. Denn unser Alltag, der ist natürlich lange nicht so harmonisch." Vor einem Jahr zum Beispiel, kurz vor Olympia. Im Trainingslager hatten sich Biedermann und Embacher zerstritten, das tun sie oft vor großen Turnieren. Doch dieses Mal drohte Embacher damit, vorzeitig abzureisen. Erst als Örjen Madsen, der damalige Sportdirektor, vermittelte, fanden sie wieder zueinander.

"Wir sind zwei Dickköpfe, das werden wir auch bleiben", sagt der Trainer und muss ein bisschen schmunzeln. Ist ja doch noch alles gut gegangen. Weil der eine jetzt einsieht, dass sein Schützling mit 23 Jahren nicht mehr das Kind ist, das er mal war. Und der andere, dass man als Athlet auch mal die Klappe zu halten hat. "Aber das hat der Paul jetzt begriffen, er sieht ja, wohin es führt. Peking war seine Reifeprüfung. Und jetze hier in Rom, das ist wirklich sein Meisterwerk." Embacher sagt das als Trainer. Und sieht aus wie ein Vater. Er sitzt auf den Marmorstufen vor der alten Schwimmhalle des Foro Italico, wo sich gerade die deutschen Schwimmer aufwärmen. Er sieht stolz aus, fast so stolz wie die römische Statue neben ihm.

Manchmal sei er selbst überrascht, wie schnell sein Paul in den letzten Jahren gereift ist. "Er kann sich jetzt einordnen, unterordnen, überordnen - er weiß, was er für ein Standing hat. Als Leute ihm vor der WM sagten, er könne Phelps schlagen, hat er das nicht verneint. Im Gegenteil, er hat er das richtig gern gehört." Nur er selbst sei als Trainer eher vorsichtig gewesen. Über Monate war Biedermann schließlich geschwächt, litt am Pfeifferschem Drüsenfieber. "Deshalb hab ich zum Paul gesagt: Wir versuchen erstmal, den Abstand zu Phelps zu verringern. Letztens warst du schon an seiner Fußsohle, jetzt probierst du eben, ihn an der Badehose zu kitzeln." Aber dass er ihn gleich schlägt? Embacher atmet tief ein. "Also, der Paul, wenn der eine Chance wittert, dann wird er zum Tier. So kenn ich ihn. Er hat sich immer am Nächsthöheren orientiert." Und in Rom war dieser Nächsthöhere eben niemand Geringeres als Michael Phelps.

Es muss auch Phelps überrascht haben, mit wie viel Biss und Ehrgeiz ihm der Deutsche in Rom das Wasser abgegraben hat. Da sagen Gesten einfach mehr als Worte. Ohne zu gratulieren war Phelps nach dem Rennen über 200 Meter Freistil aus dem Becken gestiegen. Erst später fand er Worte des Glückwunschs, "das hatte man ihm vielleicht von außen zugetragen, dass er das tun sollte", sagt Embacher.

Nun ist es das Duell, das die kommenden Jahre im Schwimmsport beherrschen wird. Im nächsten Jahr werden beide, so wie es der Weltschwimmverband will, in Badehose gegeneinander antreten. Dann gibt es keine Ausreden mehr - es zählt nur noch der Schwimmer. Darauf freut sich sowohl Phelps wie auf Biedermann, und es hat ein bisschen was von dieser Kneipenszene, wenn der eine Typ zum anderen sagt: "Komm, Mann, lass uns vor die Tür gehen." Das ist der Stoff, aus dem die großen Sportduelle sind. Und es wird ausgetragen von zweien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine ist ein Star und bereit, aus jedem Rennen eine Show zu machen. Der andere macht fast schon eine Show daraus, kein Star sein zu wollen. Als Biedermann merkte, dass er den heiligen 400-Meter-Rekord von Ian Thorpe gebrochen hatte, entschuldigte er sich fast dafür.

Dass Thorpe dem Deutschen tags drauf seine Glückwünsche ausrichten ließ, das habe den Paul gefreut, sagt Frank Embacher. Nicht der Anzug habe die Rekordzeit geschwommen - "du selbst warst es", sagte der Australier. Das war sportlich. Und hat die nervige Anzug-Debatte zumindest kurzzeitig in den Hintergrund gedrängt. In ein paar Jahren werden die Fabelrekorde ohnehin nur noch eine Anekdote sein. Warum jetzt die Aufregung? "Zurzeit ist es eben so, dass sich unter den gegebenen Bedingungen der Beste durchsetzt - und das war in Rom eindeutig Paul Biedermann", sagt Embacher. Die andere Debatte wird nicht ganz so leicht abzumoderieren sein. Der Verdacht gedopt zu haben, wird nun jedes Mal mitschwimmen, wenn Biedermann ins Becken springt.

Doch am blauen Himmel über Rom ist in diesen Tagen kaum Platz für dunkle Wolken. Am Sonntag wird die Schwimm-WM zu Ende gehen - viel zu schnell, wie die meisten Einheimischen finden. Sie haben diesem Wettkampf ihren eigenen Charme gegeben, die Stimmung war großartig, Tag für Tag. Ein römisches Sommermärchen. Besonders dann, wenn spät am Abend die letzten Fans aus dem Stadion kamen und die erhitzten Häupter auf ihre Rücksäcke betteten, bis der Bus kam. Aus den blühenden Oleanderbäumchen, die man massenhaft zum alten Foro Italico gebracht hatte, zirpten die Grillen. Wasser floss die leuchtenden Wände hinab. Jede WM ist immer besonders. Aber diese hier war besonders schön.

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