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"Körperlich und geistig misshandelt": Wie das Nike Oregon Projekt die Karriere von Wunderläuferin Mary Cain zerstörte

Mary Cain galt als größtes Lauftalent der USA, ehe sie sich 2013 dem umstrittenen und inzwischen eingestellten Nike Oregon Projekt anschloss. Für sie war es der Beginn einer Leidenszeit, die sie körperlich und seelisch zerstörte.

Nike Oregon Projekt - Mary Cain

US-Amerikanerin Mary Cain galt als eines der größten Lauftalente der USA, dann schloss sie sich dem inzwischen eingestellten Nike Oregon Projekt (NOP) an (Archivbild)

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Bereits in Jugendjahren galt Mary Cain als eines der größten Lauftalente, das die USA jemals gesehen haben. Kein Jahrgangsrekord war vor ihr sicher, genau wie teils deutlich älterere Konkurrentinnen, die Cain regelmäßig in Grund und Boden rannte. 2013 schaffte es die Mittelstreckenläuferin in den WM-Kader der US-Leichtathleten – mit gerade einmal 17 Jahren. Das gab es noch nie und bisher nicht wieder.

WM- und Olympiasiege, dazu Weltrekorde: Cain stand, so die einhellige Meinung vieler Experten, eine einzigartige Karriere bevor. Stattdessen ging es mit der Wunderläuferin fortan nur noch bergab, wie die heute 23-Jährige in einem Videobeitrag der "New York Times" teils unter Tränen preisgibt. Cain erhebt darin schwere Vorwürfe gegen das im Oktober eingestellte Nike Oregon Projekt (NOP) und dessen kurz zuvor wegen Verstößen gegen die Anti-Doping-Bestimmungen für vier Jahre suspendierten Chef-Coach Alberto Salazar.

Cain schloss sich 2013 dem Nike Oregon Projekt an

Das Ausnahmetalent hatte sich dem NOP 2013 angeschlossen, nachdem Salazar auf die Fähigkeiten der damals 17-Jährigen aufmerksam geworden war. Für Cain sollte es der Beginn einer Leidenszeit werden, die sie irgendwann sogar an einen Suizid denken ließ.

"Ich schloss mich Nike an, um die beste weibliche Athletin aller Zeiten zu werden. Stattdessen wurde ich geistig und körperlich von dem System misshandelt, das Alberto erdacht und Nike gebilligt hat", sagt Cain in dem siebenminütigen Beitrag. Demnach soll sie von den NOP-Verantwortlichen von Beginn an aufgefordert worden sein, ihr Gewicht deutlich zu reduzieren. Konkret habe Salazar der 1,70 Meter großen Athletin vorgegeben, ihr Gewicht auf 52 Kilogramm zu minimieren. Dabei schreckte der seit Jahren umstrittene Trainer laut Cain auch nicht vor demütigenden Maßnahmen zurück. Mehrfach habe sie sich vor den Augen von Teamkollegen wiegen lassen müssen, hatte sie das Gewichtsziel verpasst, soll Salazar sie vor versammelter Mannschaft runtergemacht haben. Auch habe er ihr die Einnahme von Antibabypillen und Diuretika verordnet, um so verstärkt Urin aus dem Körper auszuschwemmen.

"Ich war in einem System gefangen, das von Männern für Männer konzipiert war"

All dies blieb nicht ohne Folgen. Im Zuge der systematischen Maßnahmen sei ihre Periode drei Jahre lang ausgeblieben, der so durcheinander gebrachte Hormonhaushalt habe zu fünf Knochenbrüchen geführt, erzählt Cain der "New York Times". Doch nicht nur ihr Körper litt, sondern auch ihre Seele. Sie habe angefangen sich zu ritzen, in besonders schlimmen Phasen habe sie auch an Suizid gedacht, führt sie aus. "Ich hatte Angst, fühlte mich einsam und gefangen", beschreibt Cain ihre damalige Gedankenwelt. 

Obwohl ihr Umfeld im NOP mitbekommen habe, dass es es nicht gut ging, habe niemand etwas unternommen oder ihr geholfen. Ein Punkt, den Cain auch in der Männerdominanz beim NOP begründet sieht. "Ich war in einem System gefangen, das von Männern für Männer konzipiert war. Es zerstört die Körper junger Frauen", so Cain.

Sportartikelhersteller Nike hatte zunächst nicht auf die am Donnerstag bekannt gewordenen Vorwürfe reagiert, sah sich dann aber wohl doch zu einem Statement genötigt. Es seien "zutiefst beunruhigende Anschuldigungen", die Cain geäußert habe, sagte ein Konzernsprecher. Diese seien "zuvor weder von Mary noch ihren Eltern erhoben worden", hieß es weiter. Das Unternehmen kündigte an, die Vorwürfe zu überprüfen und Gespräche mit Ex-NOP-Mitarbeitern führen zu wollen.

Leichtathletik-Szene reagiert bestürzt

Dass Cain nun mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit getreten ist, dürfte auch an den jüngsten Entwicklungen um das Elite-Laufprojekt, dem zuletzt auch die Deutsche Konstanze Klosterhalfen angehörte, liegen. "Nach dem Dopingbericht fühlte ich mich plötzlich befreit. Das hat mir geholfen zu verstehen, dass dieses System nicht okay ist", so die 23-Jährige. Sie habe deshalb beschlossen, sich zu äußern. Und weiter: "Nike hat die Chance, Änderungen vorzunehmen und seine Athleten in Zukunft zu schützen."

In der Leichtathletik-Szene sorgte Cains Bericht für große Bestürzung. "Ich hatte keine Ahnung, dass es so schlimm war", schrieb die ehemalige US-Spitzenläuferin Shalane Flanagan, unter anderem Siegerin des New York Marathons 2017, auf Twitter. "Es tut mir so leid, Mary, dass ich dir nie eine helfende Hand gereicht habe, als ich dich habe kämpfen sehen. Wir haben dich im Stich gelassen."

Dass viele weitere Weltklasse-Athleten ebenfalls ihr Mitgefühl bekundeten und Cain Mut zusprachen, dürfte der 23-Jährigen sicher gut tun. Die ihr prophezeite Ausnahmekarriere wird all' das aber nicht zurückbringen. Mary Cain hat seit 2016 keinen Wettkampf mehr bestritten.

Quelle: "New York Times" / Twitter

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