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Bildungskrise: Armut beeinträchtigt Bildungschancen

Die Bildungschancen von zwei Millionen Kindern in Deutschland werden durch die Armut ihrer Eltern massiv beeinträchtigt. Während Geld im Kindergarten noch nicht die entscheidende Rolle spielt, beginnt die soziale Selektion oft in der Schule.

Die Bildungschancen von zwei Millionen Kindern in Deutschland werden durch die Armut ihrer Eltern massiv beeinträchtigt. Während Geld im Kindergarten noch nicht die entscheidende Rolle spielt, beginnt die soziale Selektion oft in der Schule: Nach den Ergebnissen einer am Donnerstag von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) veröffentlichten Studie haben Kinder aus armen Familien größere Schulprobleme, werden oft zu Außenseitern, leiden verstärkt an Krankheiten und ihre Einschulung wird häufiger verzögert.

Die Studie "Armut im frühen Grundschulalter" wurde im Auftrag der AWO vom Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) erarbeitet. Für die Studie wurden 185 Kinder im Alter von etwa acht Jahren untersucht. "Armut wächst mit", sagte AWO-Bundesvorsitzender Manfred Ragati. Kinder aus extrem einkommensschwachen Familien gelänge es wegen geringerer Bildungschancen auch als Erwachsenen selten, der Armutsfalle zu entkommen. "Wir können enge Zusammenhänge auch zu den PISA-Ergebnissen herstellen", sagte Ragati. Die Bildungskrise in Deutschland bezeichnete er als sozialpolitischen Skandal.

"Erwerbstätigkeit der Eltern schützt nicht vor Armut"

"Armut im frühen Grundschulalter bedeutet: Keine Kindheit mit Schwimmbad, Kino und Kindergeburtstag. Die Kinder stehen am Rand und zeigen Verhaltensauffälligkeiten", sagte Gerda Holz, Politologin und stellvertretende Leiterin des ISS. Familiäre Armut führe zwar nicht automatisch zu Beeinträchtigungen; ein gutes Familienklima und soziale Netzwerke könnten die Auswirkungen abfedern. Viele Kinder aus armen Familien müssten ihre sozialen Probleme aber fast alleine bewältigen. "Die Eltern kommen kaum im Tagesablauf vor", erklärte Holz.

Erwerbstätigkeit der Eltern schützt nicht automatisch vor Armut: Von zwei Millionen armer Kinder in Deutschland erhält laut Holz nur etwa eine Million Sozialhilfe. Das Frankfurter ISS hatte im Jahr 2000 in einer repräsentativen Untersuchung belegt, dass jedes siebte von 14 Millionen Kindern in Deutschland in Armut lebt. Dafür wurden 900 Kinder im Alter von knapp sechs Jahren untersucht. Als Kriterium für Armut galt die EU-Definition eines Familieneinkommens, das unter 50 Prozent des durchschnittlichen Netto-Einkommens liegt. In Deutschland waren das für eine Familie aus zwei Erwachsenen und zwei Kindern etwa 1.500 Euro.

In der jetzt vorgelegten Vertiefungsstudie wurden 185 der 900 benachteiligten Kinder aus der ersten Untersuchung über drei Jahre hin beobachtet, befragt und bis in Schulalter begleitet. Die AWO verlangte als Konsequenz aus der neuen Studie flexiblere Beschäftigungsangebote für allein Erziehende, ausreichende Betreuungsangebote in Ganztagsschulen und Horten und ein einkommensabhängiges Kindergeld.

Ragati sagte, weitere Eigenbeteiligungen an der Krankenversicherung bürdeten Kindern aus armen Familien zusätzliche gesundheitliche Risiken auf. Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, chronische Erkrankungen und andere Beschwerden seien bei armen Kindern an der Tagesordnung.

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