HOME

Chemie: Bayer beschert Leverkusen Millionen-Loch im Etat

Ohne den Chemieriesen Bayer gäbe es Leverkusen nicht. Doch in diesem Jahr hält die AG die Stadt knapp: Erstmals zahlt sie keine Gewerbesteuer - und reißt damit ein Riesenloch ins Budget.

Ohne den Chemieriesen Bayer gäbe es Leverkusen nicht. Die Stadt lebt nicht nur gut vom Bayer-Konzern, auch ihr Name geht auf die Geschichte des Unternehmens zurück. Der Apotheker Carl Leverkus hatte 1860 nördlich von Köln eine Ultramarin-Farbenfabrik errichtet, die Bayer 1891 von Leverkus' Söhnen kaufte und kräftig ausbaute. 1912 verlegte Bayer dorthin auch seinen Firmensitz. 1930 wurde Leverkus Namensgeber der neu gegründeten Stadt, die heute 162.000 Einwohnern hat. Seitdem sind die Bayer AG und Leverkusen ein untrennbares Paar. Doch in diesem Jahr hält die AG die Stadt knapp: Erstmals zahlt sie keine Gewerbesteuer - und reißt damit ein Loch in die Haushaltskasse.

Stadt lebt auf Pump

Leverkusens Stadtkämmerer Rainer Häusler beziffert das Defizit im Etat 2003 auf 90 Millionen Euro - nach einem Minus von 66 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Auch in den kommenden Jahren werde die Stadt auf Pump leben. Der Einbruch bei der Gewerbesteuer des Chemiekonzerns trifft Leverkusen besonders, da Bayer das einzige Großunternehmen in der Stadt ist, wie Häusler erklärt. Die AG werde im laufenden Jahr "praktisch keinen Cent" zahlen. Ein Bayer-Sprecher stellt allerdings klar, dass dies nicht für die in Leverkusen ansässigen Töchter gelte. "Die Bayer-Töchter zahlen 2003 Gewerbesteuer in einem unteren zweistelligen Millionen-Bereich".

Ärger um Lipobay trifft auch den Haushalt

Grund für die verringerten Steuereinnahmen sind die schlechte konjunkturelle Lage und damit verbundene sinkende Erträge. Aber auch der Ärger um den Cholesterinsenker Lipobay schlägt negativ zu Buche. "Seit Bayer Lipobay im Sommer 2001 vom Markt nehmen musste, befinden wir uns bei der Gewerbesteuer im Tiefflug", sagt der Kämmerer. Die rund 11.300 Einzelklagen in den USA gegen Bayer wegen des Medikaments seien voraussichtlich nicht vor 2005 abgeschlossen, meint Häusler. "Bis dahin müssen wir dieses Tal mit Bayer gemeinsam durchschreiten." Das Mittel war mit 100 Todesfällen in Zusammenhang gebracht worden. Allein für fast 1.700 außergerichtliche Vergleiche zahlte Bayer umgerechnet bisher rund 530 Millionen Euro.

Freundschaft hört beim Geld nicht auf

Die Freundschaft hört aber beim Geld nicht auf: "Wir haben sehr stark profitiert von Bayer und wir profitieren noch stark von Bayer", betont der Stadtkämmerer. Damit meint er die eigene Kultursäule, die der Konzern in Leverkusen aufgebaut hat, mit Kunst, Theater und Konzerten von Weltklasse. Zudem habe der Konzern in der Nähe des Bayer-Geländes auf eigene Rechnung ganze Straßenzüge in den so genannten Bayer-Kolonien modernisiert.

Bayer ist gigantischer Sportförderer

Vor allem aber gehört der Chemiegigant zu den größten Sportförderern und -sponsoren in Deutschland. Er unterstützt allein 20 Erstligamannschaften in 16 Sportarten. Prominentestes Beispiel ist Bayer 04 Leverkusen - den Kickern baute der Konzern gleich ihre eigene Fußballarena. Insgesamt mehrere hundert Medaillen und Titel bei Europa- und Weltmeisterschaften haben Sportler aus Bayer- geförderten Vereine bisher erkämpft.

Berühmter Namensgeber

Die Stadt erinnert gern an ihren Namensgeber, mit einer «Carl-Leverkus-Straße» oder einer neuen Büste vor dem Rathaus. "In Nordrhein-Westfalen ist er der einzige Industrielle, der einer Stadt den Namen gegeben hat", weiß das Amt für rheinische Landeskunde. Und so wird Leverkusen wohl auch im kommenden Jahr seines berühmten Apothekers gedenken: Vor dann 200 Jahren erblickte er das Licht der Welt - allerdings im Bergischen Wermelskirchen.

Yuriko Wahl / DPA
Themen in diesem Artikel