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Die Stunde Null Cool bleiben – für einen kühleren Kopf in der überhitzten Klima-Debatte

CO2-Sauger
Erfindungen wie dieser CO2-Sauger machen Hoffnung
© picture alliance/KEYSTON
Wir müssen nicht nur unsere Emissionen reduzieren, sondern auch unsere Emotionen. Und wir dürfen den Glauben an Technologie nicht verlieren.
Von Horst von Buttlar

Vor einiger Zeit schlug ein Kollege ein Thema vor, das sich wie ein Märchen anhörte: CO2-Waschmaschinen. Große Filter, die mit Ventilatoren Luft an­saugen, das CO2 heraus­waschen – und auch noch in Gestein verwandeln können. Der Kollege, seit Jahren um das Thema Klimawandel besorgt, sagte: "Das könnte die Lösung sein. Es geht nur mit Technologie." Es war kein Märchen. Die Anlage steht in Zürich, das Unternehmen dahinter heißt ­Climeworks. Die Sauger funktionieren, allein: Das Verfahren ist derzeit noch viel zu teuer, 500 Euro pro Tonne. 40 Millionen Anlagen müsste man weltweit aufstellen, um das gesamte CO2 pro Jahr zu neutralisieren.

Ungefähr zur gleichen Zeit musste ich auf einem Podium moderieren, das Thema war Plastikmüll in Ozeanen. Auf der Bühne saßen zwei interessante Personen. Eine Wissenschaftlerin aus Singapur, die im sächsischen Freiberg an einem Verfahren arbeitet, mit dem man Plastikmüll in Synthesegas umwandelt (noch so eine Story, die nach Alchemie klingt). Außerdem ein Meeresforscher aus Kiel, spezialisiert auf Plastikmüll. Ich sprach ihn auf diese Start-ups an, die mit Fangarmen Müll aus den Ozeanen fischen wollen. Das höre sich alles toll an, war seine Botschaft, bringe aber nichts. "Wenn das Plastik einmal im Meer ist, kann man das meiste nicht mehr herausfischen." – "Was hilft dann?", fragte ich. Man müsse an den zehn größten Flüssen, die für 90 Prozent des Plastikmülls verantwortlich sind, Auffanganlagen errichten.

Horst von Buttlar
Horst von Buttlar, Chefredakteur "Capital"
© Gene Glover

Beide Beispiele, so finde ich, halten wichtige Lehren parat. Die großen ökologischen Probleme, allen voran der Klimawandel, werden wir nur mithilfe von Technologie lösen können. Mit Erfindungen, die heute noch nicht gemacht sind oder die sich noch nicht rentieren. Aber: Manche Ideen mögen spektakulär klingen, bringen jedoch zu wenig. Ohne Eingriffe und Regulierung wird es nicht gehen. Diese aber muss wirklich einen Hebel haben, das Spiel verändern. Um in dem Beispiel zu bleiben: Es ist ein hehres Ziel, wenn wir Strohhalme und Einwegplastik in der EU verbieten. Aber das Pro­blem des Plastikmülls im Meer werden wir vor allem an diesen zehn Flüssen lösen.

Zu wenig Technik, zu viel Verzicht

Wenn ich auf die Debatte in unserem Land schaue, fehlt mir das oft. Wir glauben zu wenig an Technologie und predigen zu viel Verzicht. Wir treffen Entscheidungen, für die wir uns als Vorbild und Vorreiter feiern, die viel Geld kosten – aber zu wenig erreichen. Wir sind sogar das einzige Land, das bereit ist, für die Rettung der Welt seine Schlüsselindustrie zu opfern. Trotzdem erreichen wir oft weniger als andere Länder, im neuen Energy Transition Index ist Deutschland von Platz 17 auf 20 sogar abgerutscht, einen Platz hinter Portugal. Warum liegt Großbritannien vor uns, dem Land der EEG-Umlage und der Energiewende?

Dabei ist Climeworks ein Unternehmen deutscher Ingenieure. Das Synthesegas-Projekt entsteht an der Bergbauuniversität in Freiberg. In Karlsruhe wandelt das Start-up Ineratec CO2 in synthetischen Treibstoff um. Die Ideen sind also da, sogar das Geld dafür.

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In den kommenden Jahren sollten wir nicht nur die Emissionen, sondern auch unsere Emotionen reduzieren. Wir brauchen nicht nur weniger Abgase, sondern auch weniger Apokalypse. Wir sollten nüchterner auf alle Entscheidungen schauen und fragen: Was bringt etwas, was weniger? Vielleicht sollten wir einfach mal die zehn Maßnahmen auflisten, die am meisten CO2 reduzieren – ohne zu viel Wohlstand zu vernichten oder das Wachstum zu bremsen. Und wenn auf dieser Liste Atomkraft steht – sollte es ein Tabu sein?

Vermutlich werden wir bald feststellen, dass Instrumente wie ein CO2-Preis ein zentraler Hebel sind (wie in Großbritannien), ebenso die sogenannte ESG-Regulierung (das Kürzel steht für Environment, Social, Governance; also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). Letztere sorgt gerade für die größte Umschichtung an den Finanzmärkten Richtung Nachhaltigkeit seit Jahrzehnten. Denken wir also, bei allem, was wir tun, an die wundersamen CO2-Waschmaschinen. Und an die zehn Flüsse.

Erschienen in stern 40/2020

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