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Clausnitz-Flüchtlinge: So geht es den Flüchtlingsschwestern Rana und Frat heute

Im Februar 2016 wurden die Syrerinnen Rana, Frat und Lena A. in Clausnitz von pöbelnden Anwohnern empfangen. Ein Jahr später sind die Schwestern noch immer nicht da, wo sie hinwollten.

Von Holger Witzel

Rana und Frat A. schauen aus dem offenen Fenster ihrer Wohnung in einer sächsischen Kleinstadt

Rana (r.) und Frat A. am Fenster ihrer Wohnung in einer sächsischen Kleinstadt. Sie haben sich nur 25 Kilometer von Clausnitz entfernt

Jetzt weinen sie doch wieder, dabei wollten Rana und Frat A. gerade das gern vermeiden. Es soll nicht so aussehen, als wäre Süd-Sachsen für sie kaum besser als Süd-Syrien - auch wenn es sich oft so anfühlt. Vor allem aber wollen sie nicht undankbar wirken. Immerhin, so schiebt Rana schnell nach, habe es ihre Schwester Lena jetzt besser, die vor Kurzem weiter nach Leipzig floh. "Dahin, wo das Leben ist."

Seit Lena, 43, die Wohnung verlassen hat, sitzen die Tränen bei Rana, 30, und Frat, 45, noch lockerer. Der ständige Abschied von geliebten Menschen zehrt besonders an ihnen, weil sie kein wirkliches Zuhause mehr haben. Da war erst der Abschied von einem ihrer Brüder, der in Assads schlimmstem Foltergefängnis sitzt. Dann der von ihrem Vater in Daraa, wo eine Rakete das halbe Haus der Familie wegriss. Von ihren anderen Geschwistern, die über halb Europa verteilt leben. Und schließlich auch von ihrem frechen kleinen Freund Luai aus dem Libanon, der mit ihnen und 15 anderen Flüchtlingen vor einem Jahr in Clausnitz ankam.

Bilder aus Clausnitz gingen um die Welt

Die Bilder von ihrem Bus mit der Leuchtschrift "Reisegenuss" gingen um die Welt. Zusammen mit den Bildern von schreienden Anwohnern, die sie nicht haben wollten in ihrem Ort. Danach saßen die drei Schwestern wochenlang in ihrer Wohnung und trauten sich nicht raus. Selbst das, so fürchten sie aber, könnte im Nachhinein undankbar wirken.

Brauner Mob und Polizeigewalt: Clausnitz aus der Sicht der Flüchtlinge im Bus

"Wir hatten ja auch Glück", sagt Rana deshalb schnell. Am Ende seien sie jedes Mal davongekommen. Aus Syrien, sogar aus Clausnitz. Trotzdem wollen sie immer noch weg von da, wo sie sind, nur weiter.

"Nix hallo. Wir wollen euch hier nicht."

In Wahrheit sind die drei syrischen Schwestern auch nach einem Jahr in Deutschland immer noch auf der Flucht, alles ist anders, als sie gehofft hatten. Eigentlich wollten sie gleich zu einer Verwandten nach Wilhelmshaven. Doch gegen Behörden und innerdeutsche Landesgrenzen war die Balkanroute ein Klacks. Nach mehreren Tausend Kilometern in den ersten Wochen ihrer langen Reise haben Rana und Frat in den vergangenen Monaten gerade mal 25 Kilometer geschafft.

Sie leben inzwischen in einer Kleinstadt nahe der etwas größeren Kleinstadt Freiberg. Auch hier, ein paar Erzgebirgstäler von Clausnitz entfernt, sind sie die einzigen Frauen mit Kopftuch. Als Rana einmal eine fremde Frau grüßt, kommt nur "Nix hallo" zurück - "Wir wollen euch hier nicht" . Seitdem haben Rana und Frat ihre zaghaften Kontaktversuche wieder eingestellt, wollen aber auch nichts Schlechtes über den Ort sagen. Nicht mal seinen Namen. "Etwas besser" , sagt Rana und lächelt scheu, "viel nicht."

Die Aufregung über Clausnitz ist ihnen peinlich

Die Schwestern wollen keinen Ärger, bloß nicht noch einmal in die Nachrichten. Obwohl sie sich das alles auch am 18. Februar 2016 nicht aussuchen konnten, ist ihnen die internationale Aufregung über Clausnitz nach wie vor peinlich. Wahrscheinlich sogar mehr als den Schreihälsen vor Ort.

Sie wussten nicht, wo sie an diesem Abend gelandet waren oder was diese Leute mit "Wir sind das Volk" meinten. Doch für die Gesichter und Gesten brauchten sie keinen Dolmetscher: Ein paar Dutzend Einheimische aus Clausnitz und Umgebung hatten sich versammelt, um die neuen Nachbarn ausdrücklich nicht willkommen zu heißen.

Flüchtlinge von Polizei aus Bus gezerrt

Erst blockierten sie mit Autos die Zufahrt zu den drei kleinen Mehrfamilienhäusern am Dorfrand, später schrien einige "Verpisst euch" und johlten schließlich Beifall, als die Flüchtlinge nach zwei Stunden von überforderten Polizisten aus dem Bus gezerrt wurden. Einer schleppte den 15-jährigen Luai im Schwitzkasten ab, ein anderer packte bei Frat so rabiat zu, dass sie sich hinterher minutenlang hysterisch auf die Beine schlug und weinend ihre verlorene Würde beklagte.

Diese verstörenden Bilder beherrschten tagelang die Nachrichten. Die Deutschen reagierten auf sie mit Entsetzen oder Beifall. Mit Heuchelei und Hetze. Bei den syrischen Frauen aber sorgen die Videoschnipsel bis heute für Scham, weil darauf eine von ihnen ein Spucken in Richtung der aufgebrachten Menge andeutet.

Mehr Hilfe als Protest

Auch Luai, der damals mit seinem Vater und einem Bruder die Wohnung unter den Schwestern bezog, soll mit Gesten zurückgepöbelt haben. Später wurde dies von der Polizei als Auslöser für die aggressive Stimmung vor dem Bus dargestellt. Entsprechende Ermittlungen gegen die Asylbewerber verliefen dann zwar noch schneller im Sand als die gegen Pöbler und Beamte. Aber im Nachhinein wirkt es für die selbstkritischen Schwestern sogar undankbar, dass sie nicht gleich aussteigen wollten.

In den Tagen nach dem 18. Februar wurden sie mit Spenden überhäuft, schon bald gab es in Clausnitz mehr Hilfe als Protest. Doch bei den Frauen saß der erste Schock tief. Sie igelten sich ein in ihrer Wohnung, drei Zimmer, drei Betten, drei Schränke, ein Tisch. Bald war es gar nicht mehr nur der Empfang, der ihnen den Ort vergällte, sondern das einsame Leben kurz vor der tschechischen Grenze.

Sie haben kaum Kontakt zu Deutschen

Ein Ehepaar aus Berlin, das in der Nähe von Clausnitz seinen Ruhestand verbringt, ging auf die Schwestern zu. "Zwei Christen", wie Rana beinahe ebenso ungläubig wie dankbar sagt. "Papa Klaus", wie sie ihn liebevoll nennen, fuhr sie zum Einkaufen und ermahnte sie regelmäßig, mehr für die Sprache zu tun. "Mama Renate" ließ sich aus Spaß sogar mal einen Hidschab binden. Kontakt zu anderen Deutschen gab und gibt es für die Schwestern kaum.

Dass sie sich immerhin gegenseitig haben, scheint dabei zugleich Trost und ein gewisses Hemmnis zu sein. Lena ist geschieden und war in Syrien Grundschullehrerin. Rana hat arabische Literatur studiert. Frat war immer Hausfrau. Ihre Eltern waren vor dem Bürgerkrieg vergleichsweise wohlhabend. Dass die Frauen der Familie arbeiten, dass sie allein auf Fremde zugehen, war weder unbedingt nötig noch üblich.

Sie wollen nicht undankbar sein, aber sind enttäuscht

Luai dagegen, der freche Junge aus dem Erdgeschoss, kommt überall klar. Er musste schon auf der Flucht aus dem libanesischen Tripoli viele Dinge für seinen behinderten Vater und den jüngeren Bruder managen. Er spielt mit Einheimischen Fußball, lässt sich gern von Unterstützern herumreichen und findet es in Clausnitz inzwischen ganz okay. Aber ihm und seiner Familie droht nun die Abschiebung. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt.
Auch wegen solcher Schicksale sind die drei Schwestern heute schnell misstrauisch, wenn ihnen etwas versprochen wird. "Viel reden", sagt Rana und winkt ab.

Sie sind - schließlich sprechen sie es doch aus - auch enttäuscht von Deutschland. Im Fernsehen, daheim in Syrien, hätte sich das alles besser angehört. Viele Landsleute seien mit anderen Vorstellungen gekommen. Sie wollen nicht undankbar sein, aber verstehen doch nicht, warum sie an einem Ort festsitzen und "nicht wegkönnen, wie wir wollen".

Bleiben oder weiter fliehen?

Nur wohin - außer "weg" oder "weiter"? Gleich nach dem ersten stern-Bericht über die syrischen Schwestern in Clausnitz nahm eine Integrationslotsin aus Gießen Kontakt zu ihnen auf. Birgit Ziemann konnte schon mehrere zerstreute Flüchtlingsfamilien wieder zusammenführen, manche über die Grenzen der Bundesländer hinweg. Aber ausgerechnet bei Lena, Rana und Frat sollte es auch für sie nicht einfach werden.

Noch im Frühjahr 2016 hatte "Madame Birgit", wie sie die Schwestern nennen, in deren Namen entsprechende Umverteilungsanträge gestellt. Niedersachsen forderte ein paar weitere Unterlagen an. Dann stellte sich heraus, dass die Nichte, bei der sie in Wilhelmshaven unterkommen wollten, gerade nach Nordrhein-Westfalen gezogen war. Ein anderer Verwandter machte Birgit Ziemann klar, dass er solche Dinge grundsätzlich nicht mit Frauen diskutiere, die Schwestern aber ohnehin nicht aufnehmen wolle. Die Helferin begann noch einmal von vorn: nun also ein Antrag für Nordrhein-Westfalen, wo auch noch zwei weitere Schwestern leben.

Sprachkurs fing immer wieder von vorn an

Ende Mai schien es so weit zu sein, die Frauen sollten packen. Birgit Ziemann staunte, wie schnell es auf einmal ging. Doch die Ausländerbehörde Mittelsachsen verlegte die drei nur in einen anderen Ort.

Danach hatten sie immerhin einen Supermarkt vor der Tür. Die Studenten- und Behördenstadt Freiberg war nicht mehr weit, dort gibt es eine kleine arabische Community. Ein paar Wochen lang besuchten sie sogar einen Sprachkurs, aber der fing wegen Neueinsteigern immer wieder von vorn an. Sie gaben auf. Allein Birgit Ziemann ließ nicht locker.

Aufenthaltserlaubnis seit Monaten erteilt

Beinahe wöchentlich nervte sie die Behörden in Sachsen und Nordrhein-Westfalen mit Mails und Anrufen - und vergaß nie, den bundesweit bekannten "schwierigen Start in Clausnitz" zu erwähnen. Doch alles schien nach wie vor am Asylverfahren zu hängen. Und was dabei schieflief, ist beinahe noch skandalöser als alle Sprechchöre von Clausnitz zusammen.

Erst am 31. August - und auch nur auf Nachfrage von "Mama Renate" - erfuhren die Schwestern, dass sie seit Monaten vergebens warteten. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte ihnen bereits mit Datum vom 24. März den Flüchtlingsstatus und die dreijährige Aufenthaltserlaubnis erteilt. Das wichtigste Stück Papier ihres neuen Lebens lag also schon fast ein halbes Jahr lang vor. Es wurde ihnen nur nicht zugestellt.

Alles hängt von Nordrhein-Westfalen ab

Die Bescheide verstaubten entweder monatelang in irgendeiner Ablage, oder die lokale Ausländerbehörde hatte dem Bundesamt einfach nicht mitgeteilt, dass man die Schwestern ein paar Kilometer weiter verlegt hatte. Allerdings hatte sich in der Zwischenzeit die Gesetzeslage bei der Wohnsitzwahl für Flüchtlinge geändert - rückwirkend zum 1. Januar 2016. Weil die ursprüngliche Zuteilung nun auch nach der Anerkennung gilt, können die Schwestern nach wie vor nur mit Zustimmung beider Bundesländer umziehen. Nach wochenlangem Drängeln hat Sachsen seit Anfang Dezember nichts mehr dagegen. Seitdem hängt alles von Nordrhein-Westfalen ab. Birgit Ziemann ruft beinahe täglich an. Die Bezirksregierung hat die Angelegenheit gerade mal wieder zur Entscheidung an den Kreis Wesel verwiesen.

Für Lena und ihren Neustart innerhalb Sachsens spielt das immerhin keine Rolle. Sie hat im Osten Leipzigs eine kleine Wohnung gefunden. Im ganzen Haus leben Araber. Auch auf der Straße, sagt sie, sei ihr Kopftuch hier kein Problem mehr. Sie hofft, bald einen Job zu finden. "Nur die Sprache", klagt sie.

Weiter nach Kanada?

Ihre beiden Schwestern dürfen seit ein paar Wochen endlich einen offiziellen Integrationskurs in Freiberg besuchen. Sie möchten nicht undankbar wirken - aber nach über einem Jahr in Deutschland wollen sie am liebsten wieder weg von hier. Sie denken über die Vereinigten Arabischen Emirate nach und auch über Kanada. Von dort haben sie viel Gutes gehört.