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Meeresbiologin Macht es Sie wütend, von hunderten Mallorca-Sonderflügen zu lesen, Frau Boetius?

Meeresbiologin und Klima-Spezialistin Antje Boetius
Meeresbiologin und Klima-Spezialistin Antje Boetius
© Alfred-Wegener-Institut
Nein, sagt Meeresbiologin Antje Boetius, die mit ihren Teams den Klimawandel erforscht. Es sei falsch, Reisen allgemein zu verteufeln. Dass die Menschen wieder feiern wollen, sei normal – und Tourismus könne sogar den Umweltschutz fördern.

Frau Boetius, alle träumen gerade von Reisen in die Ferne.  Befürchten Sie, dass die Leute nach der Pandemie wieder fliegen wie verrückt und das vorher langsam gewachsene Bewusstsein für das Klima verschwunden ist?

Es gibt ein paar aktuelle Umfragen, was den Europäern wichtig ist. Sie zeigen, dass mehrheitlich,  obwohl wir alle so viele Pandemie-Sorgen haben, Klimaschutz als ganz hohe Priorität gewertet wird. Und es sind ja gerade wieder mehr politische Verhandlungen am Laufen. Amerika ist wieder am Verhandlungstisch. China hat einen harten Klimaschutzplan entwickelt. Auch wir in Deutschland haben mit dem "Green Deal" der EU und dem Klimaschutzpaket wichtige Schritte gemacht. Und täglich, wirklich täglich rufen bei unserem Institut Verbände, Unternehmen, Bürgerinnen an und wollen mit uns über Klima, Naturschutz und die Zukunft der Ozeane reden. 

Das heißt, Sie schauen positiv in die Zukunft.

Ja und nein. Es passiert gerade ein Ruck in den Verhandlungen für das Klima, aber es reicht noch nicht für das Ziel, unter 2 Grad zu bleiben. Dass ein Lockdown nicht langfristig wirksamen Klimaschutz ersetzt, ist hoffentlich klar. Krisen reduzieren CO2 Emissionen, das war bislang messbar bei allen Krisen der Menschheit so. Sobald die Krise aber weg ist, will man mehr vom Leben, feiern. Das ist der Nachholeffekt. Dennoch glaube ich nicht, dass alle Erfolge wieder zurückgedreht werden. Dafür sind schon zu viele Schalter, zum Beispiel die CO2-Bepreisung, umgelegt.  

Es macht Sie nicht wütend von hunderten Mallorca-Sonderfliegern zu lesen?

Nein, das ist für mich eine Scheindebatte. Natürlich tragen Flugreisen und Massentourismus auch global zu Klima- und Umweltschäden bei. Es ist aber falsch, das Reisen selbst oder einen Ort so allgemein zu verteufeln. Ganze Teile des Tourismus erhalten Jobs im Natur- und Umweltschutz. Durch die Pandemie hat sich gezeigt, dass viele Nationalparks und Lebensräume geschützter Arten – zum Beispiel in Afrika und Südamerika – nicht mehr beschützt werden können, wenn Touristen und damit das Geld ausbleiben. Wo vorher ein Guide, Ranger oder Förster war, sind jetzt wieder mehr Wilderer unterwegs.   

Am  Anfang der Pandemie hat man sich erhofft, dass weniger globaler Handel zu weniger Emissionen führen könnte. Wie groß ist der positive Klimaeffekt durch Corona nun wirklich?

Wir wissen, dass dieses eine Jahr mit drei Lockdown-Wellen weltweit fast acht Prozent Reduktion der CO2-Emissionen gebracht hat. Auch bei uns in Deutschland etwa in dem Umfang. Vor allem der Mobilitätssektor emittiert weniger, also Fliegen, Verkehr, Transport. Die industrielle Produktion und der Konsum ist gar nicht so stark eingebrochen. Wenn man bedenkt, dass das eine globale Krise ist, kann man auch fragen: Wenn gefühlt alles stillsteht, warum werden dann noch 92 Prozent emittiert? Das liegt eben daran, dass das Energiesystem, Industrie und Bau fast wie zuvor liefen,  mit fossilen Brennstoffen. Es ist genau wie vorhergesagt: Der alleinige Verzicht aufs Fliegen rettet das Klima nicht. Es  geht um die große Transformation, den  Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas.   

Also hat die Pandemie den Klimaschutz langfristig nicht entscheidend vorangebracht.

Nicht wirklich. Natürlich haben wir uns in Deutschland gefreut, dass wir jetzt gerade so das Klimaziel von 40 Prozent Reduktion im Vergleich zu 1999 erreicht haben. Das war aber vor allem dem Virus verdankt, und das ist keine planvolle Klimarettung, sondern chaotisch und mit ganz viel Leid. Und wir haben noch eine Sorge: Vielleicht macht sich so eine eher geringe Reduzierung unserer Emissionen in der CO2 Konzentration der Atmosphäre gar nicht bemerkbar. Denn die Erde ist jetzt schon an Land global um 1,5° Celsius wärmer, die Meere um fast 1°. Diese Erwärmung führt dazu, dass aus manchen Meeresregionen, aus den Böden, durch Waldbrände und durch das Schmelzen des Meereises und Permafrosts immer mehr CO2 in die Atmosphäre entlassen wird. Es kann gut sein, dass wir in diesem Pandemie-Jahr zwar weniger Brennstoff verbraucht haben, die globale Erwärmung aber weiter vorangeht. 

Jetzt haben Sie das Meereis angesprochen, Ihren Forschungsschwerpunkt. Wie geht's den Meeren?

Sie  haben enorm viel Wärme aus der Atmosphäre aufgenommen und sind dadurch selbst wärmer. Es gibt in den Meeren Hitzewellen, die zu ganz unangenehmen Begleiterscheinungen führen. Lebewesen ziehen um oder sterben ab, wir haben die große Korallen-Bleiche, 50 Prozent aller Riffe sind schon betroffen. Der Rückgang des Meereises ging schneller als vorhergesagt. Und die Meere sind auch weiterhin von Verschmutzung, Vermüllung, Überfischung enorm betroffen. Die Nachhaltigkeits-Ziele, die wir uns als globale Gesellschaft für die Meere vorgenommen haben, sind allesamt nicht erreicht worden. Auch in Deutschland nicht. Wir haben ja gerade eine Mahnung von der EU bekommen, dass Deutschland es nicht geschafft hat, den Naturschutz, auch den marinen, umzusetzen, wie es versprochen war. Das stimmt einen traurig, dass es selbst die reichen Nationen nicht schaffen, den Meeren den versprochenen Schutz zu geben.

Antje Boetius vor dem Forschungsschiff "Polarstern"
Antje Boetius vor dem Forschungsschiff "Polarstern"
© David Hecker / Getty Images

Was bedeutet denn die Pandemie für Ihre Forscher:innen? 

Wir sind sehr froh und stolz, dass wir es geschafft haben, die Expeditionen weiterzuführen. Wir mussten sicherstellen, dass die Seeleute und Wissenschaftler:innen kein Virus mit aufs Schiff nehmen, wenn sie Monate unterwegs sind in der Arktis oder Antarktis. Dazu machen wir mehrfache Tests und Quarantäne in Hotels, ohne Begegnungen mit der Familie, das ist sehr, sehr aufwändig für alle. Wir sind zum Beispiel mit unserem Forschungseisbrecher "Polarstern" weiter draußen und messen und berichten von dem, was wir sehen. Aber das ist nicht überall so möglich. Viele der wissenschaftlichen Zeitreihen weltweit sind unterbrochen, viele Naturschutz-Projekte gestoppt. Das ist schrecklich, denn wir können es uns nicht leisten, noch langsamer zu werden – zu Recht gibt es ehrgeizige Ziele im Klima- und Naturschutz.  

Was macht die Polarstern gerade?

Sie war gerade in der Antarktis und hat auf dem Rückweg etwas ganz Spannendes erlebt. Ein riesiger Eisberg, eineinhalbmal so groß wie Berlin, ist abgebrochen und weggedriftet. Die Polarstern war in der Nähe, der Kapitän hat es trotz zweier Stürme geschafft, in den Spalt zwischen Schelfeis und Eisberg zu fahren. Und unsere Forscher haben mit einer Tiefseekamera den Meeresboden abgefilmt und eine erstaunliche Lebensvielfalt beobachtet, in einem Bereich der von über hundert Meter dickem Eis bedeckt war.

NEU! Die-Boss-Masterclass: Lernen Sie von den Besten

Treffen Sie Meeresforscherin Antje Boetius in unserer neuen Die-Boss-Masterclass. Unter dem Motto "Lernen Sie von den Besten für Ihren Job" bietet das Team des stern-Podcasts "Die Boss" ab sofort auch Online-Events an. Antje Boetius ist zu Gast in der ersten Masterclass. Seien Sie im Videostream bei einer interaktiven Podcastaufnahme dabei – und stellen Sie Ihre Fragen an die Meeresbiologin und die Gastgeberin Simone Menne. Hier finden Sie alle Infos und Tickets zur Die-Boss-Masterclass mit Antje Boetius.


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