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Deutscher Gründerpreis : Die genaueste Stoppuhr der Welt kostet 80.000 Euro

Drei schwäbische Physiker messen die Zeit so akkurat, dass Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt (fast) jeden Preis für ihre Uhren zahlen. Die Geschichte des Gründerpreis-Finalisten Swabian Instruments und des "Time Tagger".

Sie bringen Taktung ins Chaos: Die Gründer von Swabian Instruments Markus Wick, Michael Schlagmüller und Helmut Vedder (v.l.) bauen die genaueste Stoppuhr der Welt

Sie bringen Taktung ins Chaos: Die Gründer von Swabian Instruments Markus Wick, Michael Schlagmüller und Helmut Vedder (v.l.) bauen die genaueste Stoppuhr der Welt

Manchmal wollen Physiker es ganz genau wissen – etwa beim Zerfall von Atomen, nachdem man sie in Teilchenbeschleunigern zertrümmert hat. Dabei kommt es nicht  bloß auf Sekunden an. Es geht um Pikosekunden. So nennt man das Millionstel einer Millionstel-Sekunde. Diese Zahl hat unglaubliche elf Nullen nach dem Komma, bevor sich dahinter zahlenmäßig auch nur irgendetwas tut.

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Michael Schlagmüller, Helmut Fedder und Markus Wick waren solche Physiker. Sie arbeiteten um das Jahr 2010 an der Universität Stuttgart und brauchten für ihre Experimente genau das: Eine Technologie, die die Ergebnisse ihrer Arbeit ultragenau protokollieren konnte. „Aber alles, was es gab war umständlich zu benutzen und eigentlich nicht genau genug“, erinnert sich Fedder. Also bastelten sie jahrelang selber herum, bis sie auf ein paar Kniffe kamen, mit denen sich die Messdaten handhaben ließen. Eine Kombination aus Hard- und Software versah die verschiedensten Daten mit einem Zeitcode, der sie exakt vergleichbar macht. Und zwar im Abstand weniger Pikosekunden. Erst so werden die Datenströme der Messgeräte handhabbar.

So lange, wie Licht für drei Millimeter braucht

„Man muss sich das so vorstellen: Die Messgeräte bei einigen physikalischen Versuchen liefern unvorstellbare Datenmengen, etwa so viel, wie ganz Baden-Würtemberg gleichzeitig im Internet abruft“, sagt Michael Schlagmüller. „Und unsere Erfindung schafft es die so weit zu reduzieren, dass man sie per USB-Kabel an einen Computer übertragen kann.“ Der Abstand der Messungen beträgt dann etwa zehn Pikosekunden – in dieser Zeit legt Licht etwa drei Millimeter Weg zurück.

Um das Jahr 2016 fiel den drei Physikern auf, dass auch andere Forscher so viel Genauigkeit brauchen könnten. Sie bauten die Technologie in ein unscheinbares Kästchen, etwa so groß wie ein Ziegelstein. Außen hat es viele goldene Anschlüsse für Messgeräte aller Art. Dann begannen sie die Geräte zu verkaufen – für 80.000 Euro pro Stück für die leistungsfähigste Version.

So teuer wie pures Gold

Damit war ihre Erfindung in etwa ihr Gewicht in Gold wert, denn der Absatz entwickelt sich gut: Universitäten und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt wollten den schwäbischen Time Tagger. Passend nannten sie ihre Firma Swabian Instruments.  Schwäbische Genauigkeit ist offenbar auch in Berkeley, Havard, am MIT in Boston oder den Universitäten in Sydney und Tokyo ein Begriff. Überall griffen Forscher zu. „Der Time Tagger ist unvergleichlich flexibel einzusetzen und hat ein tolles Preis-Leistungsverhältnis“, schwärmt etwa Professor Jason Smith von der Uni Oxford.

Die drei könnten es sich in ihrer akademischen Nische bequem machen: Sie haben die ersten Mitarbeiter eingestellt und ziehen demnächst aus den Räumen der Universität Stuttgart in schicke neue Büroräume. Schließlich machen sie inzwischen einen Millionenumsatz. Doch spätestens, als eines Tages das Telefon klingelte und sich das norwegische Fernsehen meldete, wussten sie, dass im Time Tagger noch mehr steckt. Der Sender wollte nämlich nicht über sie berichten sondern ihr Gerät kaufen. Techniker waren über die Internetseite von Swabian Instruments gestolpert, auf der Suche nach Technologien, das digitale DVBT-Fernsehnetz des Landes besser zu synchronisieren. 

Interesse aus der Industrie

Schon nach kurzer Zeit war Telenor der erste Industriekunde der drei Gründer. Und das eröffnet dem jungen Unternehmen und seiner cleveren Technologie ganz neue Möglichkeiten. „Beim Fernsehn aber auch in anderen Bereichen der Telekommunikation kommt es oft auf die exakte Messung der Zeit an“, sagt Fedder. Je besser man die Systeme synchronisieren kann, desto besser funktioniert die Datenübertragung. „Und auch beim autonomen Fahren und der sich gerade entwickelnden Technologie der Quantencomputer sind unsere Geräte gut zu gebrauchen.“ Was alles geht, das werden sie bald wohl sehr, sehr genau wissen.

Die Swabian Instruments GmbH von Helmut Fedder, Michael Schlagmüller und Markus Wick ist einer von drei Finalisten der Kategorie Startup des Deutschen Gründerpreis 2019. Der Preis wird vom stern zusammen mit den Sparkassen, Porsche und dem ZDF jährlich in den Kategorien Schüler, Startup, Aufsteiger und Lebenswerk vergeben und zeichnet Deutschlands beste Gründer aus. Die Preisverleihung findet am 2. Juli im Zollernhof in Berlin statt.