Djerba-Anschlag Tui atmet auf


Die Eltern eines beim Djerba-Anschlag schwer verletzten Jungen hatten die Tui-Tochter 1-2-fly auf Zahlung eines Schmerzensgeldes verklagt. Das Gericht fand aber, dass Terror-Risiken zu den allgemeinen Lebensrisiken zählen. Mit Folgen für alle Reisenden.

Aufatmen in der Reisebranche: Der Touristikkonzern Tui muss einem Gerichtsurteil zufolge für die Folgen eines Anschlags auf der tunesischen Ferieninsel Djerba nicht haften. Das Landgericht Hannover wies am Mittwoch die Schmerzensgeldklage eines mittlerweile sechsjährigen Jungens gegen die Tochter-Tui 1-2-Fly zurück. Das Urteil war mit Spannung von der gesamten Reisebranche erwartet worden - ging es dabei doch um die Grundsatzentscheidung, wer nach Terrorschäden für die Folgen geradesteht. Das Gericht entschied jetzt, dass Terror "zum Lebensrisiko" gehört - man sich also bei einer Reisebuchung nicht auf den Veranstalter verlassen kann.

Damals gab es keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes

1-2-Fly habe weder Aufklärungs- noch Gefahrenkontrollpflichten verletzt, begründete die Vorsitzende Richterin der 13. Zivilkammer, Britta Knüllig-Dingeldey die Entscheidung. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass der Veranstalter von einer verschärften Sicherheitslage Kenntnis gehabt habe. "Die Beklagte konnte sich daher auf die Hinweise des Auswärtigen Amtes verlassen." Damals habe es keine amtlichen Warnungen vor Reisen nach Tunesien gegeben. Für den Jungen habe sich das "seit dem 11. September 2001 für westliche Touristen erhöhte Risiko verwirklicht, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden". Der Vater des Jungen, Michael Esper, kündigte Berufung beim Oberlandesgericht Celle an (Az: 13O114/04).

Der Junge aus Bergkamen in Nordrhein-Westfalen hatte bei der Explosion vor der Synagoge "La Ghriba" am 11. April 2002 schwerste Verbrennungen erlitten. Seine Eltern hatten dem Reiseveranstalter vorgeworfen, vor möglichen Terrorgefahren nicht gewarnt zu haben. Bei dem Anschlag auf Djerba starben 22 Menschen, darunter 14 deutsche Urlauber und einer der Attentäter.

Branche erfreut, Kläger enttäuscht

Der Branchenverband DRV begrüßte das Urteil. Tui kündigte humanitäre Hilfe für Opfer des Anschlags an. "Es ist traurig, dass das allgemeine Lebensrisiko herhalten muss, um Pflichtverletzungen des Reiseveranstalters zu rechtfertigen", sagte der Vater des Opfers. Die Eltern hatten von der Tui-Tochter 100.000 Euro Schmerzensgeld und eine monatliche Rente von 800 Euro verlangt.

"Die Entscheidung des Gerichts entspricht unseren Erwartungen", teilte Tui mit. "Wir werden auch in Zukunft alles in unseren Kräften stehende zum Schutz unserer Gäste tun." Unabhängig von der Entscheidung und ohne Anerkennung einer Rechtspflicht werde Tui eine Ausbildungsversicherung für alle von dem Terroranschlag betroffenen Kinder abschließen. Die insgesamt sechsstellige Versicherungssumme werde sieben betroffenen Kindern zugute kommen.

Analysten finden Urteil fair

"Wir begrüßen die Entscheidung. Das Urteil ist für die Reiseveranstalter außerordentlich wichtig", sagte ein Sprecher des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbandes DRV. "Besonders wichtig ist für uns, dass die Terrorrisiken zu den allgemeinen Lebensrisiken gezählt werden, wie auch das Gericht deutlich macht." Für die Veranstalter habe die Sicherheit ihrer Kunden oberste Priorität. Richtschnur seien die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts. Eine solche Reisewarnung habe es seinerzeit im Falle Djerba nicht gegeben. TUI-Konkurrent Thomas Cook wollte sich zu dem Urteil nicht äußern.

"Das Urteil ist wie erwartet ausgefallen", sagte ein TUI-Analyst. "Es wäre schließlich ein Unding, wenn Reiseveranstalter für Terroranschläge haftbar gemacht werden. Für den Aktienkurs hat das Urteil keine Auswirkungen, weil sich die Bewertung des Unternehmens dadurch nicht ändert."

Reuters Reuters

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