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Frankreich: Bahnerpresser "großer Wolf" zieht den Schwanz ein

Die mysteriöse Erpressergruppe AZF, genannt der "große Wolf", kündigte überraschend an, die Bombendrohungen gegen die französische Bahn auszusetzen - wegen "technologischer, logistischer und anderer Schwächen".

Der "große Wolf" zieht den Schwanz ein: Die mysteriöse Erpressergruppe AZF kündigte am Donnerstag überraschend an, die Bombendrohungen gegen die französische Bahn auszusetzen - wegen "technologischer, logistischer und anderer Schwächen". Am Tag zuvor war südöstlich von Paris ein selbstgebastelter Sprengsatz auf den Schienen gefunden worden, der wegen eines losen Kabels gar nicht hätte explodieren können.

Ermittler noch skeptisch

Die Ermittler betonten weiter, es sei nicht erwiesen, dass AZF alias "großer Wolf" - wie sich die Gruppe in Zeitungskleinanzeigen zur Kontaktaufnahme mit der Regierung nannte - die Bombe gelegt habe. Es gab auffällige Übereinstimmungen mit einem ersten, technisch viel raffinierteren Sprengsatz, der vor einem Monat bei Limoges gefunden wurde: Der Sprengstoff war aus Öl und Nitrat angerührt und mitsamt den Zündern in einer Plastikschachtel verpackt, die mit einer roten Umrandung versehen war.

Doch steckte die Bombe von Troyes nur halb verborgen im Schotter und war mit einer handelsüblichen Zeitschaltuhr versehen. Ein Kabel zur Batterie hatte sich offenbar gelöst - sind das die "technologischen Schwächen2, die AZF einräumte und zu einem Rückzieher veranlasste? Ihr Schreiben an Staatspräsident Jacques Chirac und Innenminister Nicolas Sarkozy erstaunte die Ermittler jedenfalls nicht schlecht. Seit Dezember liefern sie sich mit den Erpressern ein Katz-und-Maus-Spiel, das in zwei gescheiterten Geldübergaben gipfelte.

Schon zwei Geldübergaben gescheitert

Zuletzt konnte vor zwei Wochen ein Hubschrauber wegen Nebels nicht starten. Am 16. März forderte AZF das Innenministerium in einem Schreiben noch einmal auf, sich bereitzuhalten, wie "Liberation" berichtete. Doch statt eines neuen Kontaktversuchs zur Übergabe von vier Millionen Dollar und zwei Millionen Euro in gebrauchten Scheinen trudelte am Donnerstag im Innenministerium das Schreiben ein: "Es gibt auf dem französischen Schienennetz keine funktionierenden Bomben mehr."

Der Chef der Bahngesellschaft SNCF, Louis Gallois, sprach von einer "guten Neuigkeit" - und blieb misstrauisch: Die erneute außerordentliche Kontrolle des 32.000 Kilometer langen Schienennetzes wurde am Donnerstag fortgesetzt.

Noch kein Ende der Erpressung

Von einem endgültigen Ende der Erpressung könne auch keine Rede sein, mahnte AZF. Die Gruppe brauche lediglich Zeit, um wieder schlagkräftig zu werden, heißt es in dem einseitigen Brief. Auf das Geld ("Subventionen") werde man nicht verzichten. Fließe kein Geld, "wird Frankreich ohne Ruhm die traurigen spanischen Rekorde übertreffen", erklärten die Erpresser unter Anspielung auf die Terroranschläge von Madrid.

In Polizeikreisen wurde die Hypothese nicht ausgeschlossen, dass AZF nach einem "ehrenvollen Abgang" gesucht habe und man nie wieder von ihnen hören werde. Mehr als 600 Ermittler gehen seit Wochen jeder noch so kleinen Spur nach, bislang ohne durchschlagenden Erfolg: So gibt es vage Zeugenaussagen über eine Frau, die im Namen von AZF von Telefonzellen aus angerufen hatte, und anschließend in einen Lieferwagen gestiegen war.

Ist der Erpresser Offizier oder Söldner?

Wer sich hinter AZF verbirgt, bleibt weiter ein Rätsel. Die Gruppe bezeichnete sich in einem früheren Schreiben selber als terroristisch und übte wirre Kritik an Staat, Medien, Politikern, dem Wirtschaftssystem und der Globalisierung. Im jüngsten Brief der"„kleinen Bruderschaft" heißt es reichlich wunderlich: "Unser wirkliches Ziel ist es, dem irregeführten Geist, der heute die meisten menschlichen Handlungen leitet, einen entscheidenden Schlag zu versetzen." Ihr Weg erlaube dies, "und wir gehen ihn bis zum Ende, wenn nicht, wird sich die Erde selbst viel brutaler darum kümmern".

Einen politischer Hintergrund halten die Ermittler für wenig wahrscheinlich - schließlich will AZF schlicht und einfach Geld erpressen. "Liberation" schrieb am Donnerstag, die Fahnder hielten es wegen militärischer Fachkenntnisse der Erpresser für möglich, dass ein früherer Offizier oder Söldner der "große Wolf" sein könnte.

Uwe Gepp, AP / AP / DPA