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Banken und Sparkassen: Kredit verspielt

Verwegene Geschäfte und ein rabiater Umgang mit Kunden kratzen am Image der Banken und Sparkassen. Die Aktionäre wollen immer höhere Renditen sehen. Um die zu verdienen, regieren oft nicht Vernunft und Augenmaß, sondern die Gier.

Von Frank Donovitz, Joachim Reuter, Stefan Schmitz

Wenn der Spritpreis steigt, wird das an Tausenden Tankstellen angeschlagen, und alle regen sich auf. Aber was ist, wenn Banken sich verzocken und Märkte kollabieren? Dann berichtet vor der "Tagesschau" die freundliche Anja Kohl oder einer ihrer Kollegen darüber - und die meisten Deutschen denken, das seien Nachrichten aus einem anderen Universum. Dabei sind die Außerirdischen längst gelandet. Und sie verlangen nicht nur ein paar Cent. In Sachsen etwa wird jeder arbeitende Steuerzahler voraussichtlich mit 1500 Euro für das Treiben der Landesbank zur Kasse gebeten. Wer kein Sachse ist, hat trotzdem keinen Grund zu jubeln. Er kann auch noch drankommen. Vielleicht verliert er sein Haus, vielleicht das Geld im Depot.

Die Abgesandten des internationalen Kasinokapitalismus sind längst überall. In Negernbötel in Schleswig-Holstein setzt der texanische Kreditverwerter Lone Star ehemaligen Sparkassenkunden zu. In Hagen in Nordrhein-Westfalen hat sich ein SPD-Bürgermeister komplizierte Zinsanlagen andrehen lassen und fürchtet nun Millionenverluste. In Berlin kommt der Beinahezusammenbruch der Mittelstandsbank IKB einen Kleinanleger teuer zu stehen. Und in Düsseldorf zittern die Mitarbeiter der schwer angeschlagenen West LB um ihre Jobs. Nichts ist mehr, wie es war - zumindest wenn es um Geld geht und Banken beteiligt sind.

Der Stuttgarter Frank Schächter ist zwar erst 41, aber er arbeitet schon seit einem Vierteljahrhundert in der Branche und hat selbst erlebt, wie sich der Wind gedreht hat. Längst geht es nicht mehr darum, das Geld des Kunden zu mehren - verdienen muss vor allem die Bank. Mit immer raffinierteren Produkten, die immer höhere Provisionen einbringen müssen. "Der Bankberater steht oft so unter Druck, dass er es sich gar nicht leisten kann, fair zu seinen Kunden zu sein", sagt der erfahrene Kaufmann. Als vorige Woche die Chefs der Deutschen Bank in Frankfurt zwei Stunden lang die Ergebnisse des vergangenen Jahres erläuterten, führten sie Zahlen über Zahlen ins Feld: Vom Gewinn vor Steuern (8,7 Milliarden) bis zur Rendite auf das Eigenkapital (26 Prozent). Nur eines kam nicht vor: Was das alles den Kunden gebracht hat. Derartige Sentimentalitäten gehören nicht in die Bilanz.

Früher haben auch die Kunden verdient

Als die Wirtschaft noch kräftig brummte und die Börsen scheinbar unaufhörlich nach oben strebten, fiel das nicht weiter auf. Nicht nur die Banken haben da verdient, sondern auch alle anderen. Selbst die Kunden. Doch das ist vorbei. Die Börsen taumeln, viele Banken haben sich verspekuliert, eine Rezession droht. Die Schockwellen treffen jeden, der Geld anlegt, Steuern zahlt oder ein Haus finanzieren will.

Wenn der angesehene Privatbankier Friedrich von Metzler gefragt wird, welche Fehler denn gemacht wurden, sagt er, es sei immer das Gleiche: Gier. Die scheint unermesslich. Und sie schwillt an, wenn sie nicht befriedigt wird.

Sogenannte Strategieberater geben den Instituten mittlerweile Kataloge an die Hand, in denen mit Liebe zum Detail aufgezählt wird, wie sich der Kunde am besten abmelken lässt. In Punkt fünf der Empfehlungen der Beratungsfirma Simon Kucher "zur Stärkung des Retailbankings" heißt es etwa: "Stellen Sie durch fundierte Methoden sicher, dass Sie die verschiedenen Zahlungsbereitschaften Ihrer Kundensegmente zuverlässig messen und zielgerichtet einsetzen." Man könnte auch sagen: Gehen Sie bei der Ausplünderung jedes Kunden bis an die Grenze, bei deren Überschreiten er weglaufen würde.

Deutsche vertrauen ihrer Hausbank

Das ist nicht einmal verwerflich, sondern eigentlich das übliche Verhalten im Geschäftsleben. Es passt nur nicht zu dem Bild, das die große Mehrheit der Kunden noch immer von ihrer Bank hat. Nach einer Forsa-Umfrage für den stern fühlen sich 83 Prozent der Deutschen von ihrer Hausbank gut beraten. Die meisten nennen den Finanzangestellten, der ihnen Fonds und Zertifikate schmackhaft macht, ganz selbstverständlich ihren Berater. Das ist ungefähr so, als würden sie in ihrem Gebrauchtwagenhändler einen Mobilitätsberater sehen. Man geht hin, legt sein Geld auf den Tisch und sagt: "Ich kenne mich nicht so aus, machen Sie damit, was Ihnen sinnvoll erscheint."

Fast alle Kunden, so berichten Bankmenschen wie Frank Schächter und sein Kollege Michael Raith, wollen an die Hand genommen und geführt werden. Kaum einer frage, was die Bank sich an Provisionen einsteckt. Danach aber fragen die Chefs in den Banken. "In Schaltkonferenzen wird abends berichtet, wer wie viel verkauft und der Bank welchen Ertrag gebracht hat", sagt Schächter, der eine große Filiale einer der führenden deutschen Banken geleitet hat. Raith, der ein Verkaufsteam derselben Bank führte, ergänzt: "Wenn man die Ziele nicht erreicht, heißt es dann schon mal abends um sechs: Wie wollen Sie das bis morgen früh aufholen?"

Nicht jeder bleibe bei dem Druck gesund. Die Berater, die eigentlich Verkäufer sind, müssen Produkte verkaufen, die sie selbst kaum und ihre Kunden gar nicht verstehen. Bald darauf müssen sie den gleichen Kunden wieder andere Produkte nahebringen - denn bei jedem Handel verdient die Bank. Am Ende des Jahres, so schätzen die beiden Profis, müssen so etwa drei Prozent der angelegten Summe aus dem Besitz des Kunden in den der Bank gewechselt sein. Sonst steht der Berater als Versager da. Schächter und Raith haben sich vergangenes Jahr entschieden, das nicht mehr mitzumachen. Sie arbeiten heute bei der Quirin Bank, die auf Provisionen verzichtet und dafür von ihren Kunden monatliche Gebühren oder eine Beteiligung am Anlageerfolg verlangt.

Unmut ist spürbar

Einen Massenexodus aus den Marmorhallen der etablierten Konkurrenz in die funktionalen Büros der neuen Bank hat das Konzept bislang nicht ausgelöst. Aber Unmut ist spürbar. Und das nicht nur bei Leuten, die Geld anlegen und in diesen Wochen oft schmerzliche Einbußen hinnehmen müssen. Auch wenn sich die meisten bei ihrer Hausbank gut aufgehoben fühlen, haben immerhin 35 Prozent der Deutschen laut einer stern-Umfrage wenig oder gar kein Vertrauen mehr in Banken und Sparkassen.

Betroffen von der härteren und konsequent auf Rendite ausgerichteten Gangart der Banken sind auch Kreditkunden. Kathy Thedens, 40, ist eine von ihnen. Die Gesprächstherapeutin lebt in Negernbötel bei Bad Segeberg, wo sie 1996 gemeinsam mit ihrem Bruder den elterlichen Bauernhof in ein Haus mit neun Wohnungen umgebaut hat. Die örtliche Sparkasse gab das nötige Geld - etwa 1,1 Millionen Euro. Doch irgendwann konnte Kathy Thedens die Raten wegen sinkender Mieten nicht mehr in voller Höhe zahlen. So fand sich auch ihr Kredit in einem Paket wieder, das die Sparkasse an den texanischen Kreditverwerter Lone Star verhökert hat. "Ich fiel aus allen Wolken", sagt Thedens. Ohne Rücksprache habe die Sparkasse die Grundschuld auf das Haus weitergereicht. "Jetzt regiert hier der Zwangsverwalter." Die Sparkasse Südholstein betont, dass der Kredit notleidend gewesen sei und Versuche scheiterten, die Probleme anders zu lösen. Nur als "letztes Mittel" würden Kredite veräußert. Ansonsten setzten die Sparkassen auf Vertrauen und Langfristigkeit.

Dabei hatte der südholsteinische Sparkassenchef Mario Porten zu seinem Amtsantritt im Juni 2005 angekündigt: "Die Sparkasse tickt jetzt anders." Sie sei größer geworden und neu aufgestellt. "Es fällt manchem schwer, sich auf die neuen Dinge einzustellen." Das ist nicht nur in Schleswig- Holstein so. Nach einer Studie des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen IFF haben Privatbanken und Sparkassen bisher Immobilienkredite im Gegenwert von 15 Milliarden Euro ohne Zustimmung der Kreditkunden an Finanzinvestoren verkauft. Recherchen des IFF ergaben, dass darunter auch ordnungsgemäß bediente Forderungen sind. Beim paketweisen Verkauf an die Investoren seien rund 800 Millionen Euro "gute Kredite" unter die "schlechten Kredite"gemischt worden - schätzungsweise 5700 untadelige Kreditzahler sind nun Kunden der oft rabiaten Verwerter.

Gläubiger gehen mit Härte vor

Wer heute seine Verbindlichkeiten nicht prompt erfüllen kann, muss damit rechnen, dass die Gläubiger mit einer Härte gegen ihn vorgehen, die vor einigen Jahren noch unüblich war. Der raue Ton wurde auch ausgelöst von der sogenannten Subprime-Krise in den USA. Lange waren dort Hauskäufern überaus großzügig Kredite gewährt worden. Das Geld wurde Leuten aufgedrängt, die eigentlich nicht in der Lage waren, es zurückzuzahlen. Hinzu kam, dass die Zinsen variabel waren - und als sie stiegen, trieben sie einen erheblichen Teil der Kundschaft in die Pleite.

Nur auf den ersten Blick sieht das aus wie das private Problem amerikanischer Hausbauer. Denn die Banken - immer auf der Suche nach attraktiven Finanzprodukten - hatten die Kredite gebündelt und so zu handelbaren Papieren gemacht. Der Markt damit implodierte voriges Jahr. Das löste eine Krise aus, die der legendäre Spekulant George Soros als "schlimmste Finanzkrise der Nachkriegszeit" bezeichnet.

Sie erreichte innerhalb kurzer Zeit so scheinbar stocksolide Institute wie die deutschen Landesbanken oder die Düsseldorfer IKB. Gerade der Fall IKB zeigt, dass die althergebrachten Gewissheiten der Finanzbranche außer Kraft gesetzt wurden. Die Bank galt als etwas langweiliger Finanzier des Mittelstands, ihre Aktie als Witwen- und Waisenpapier. Eine gute Geldanlage, wie auch Bankanalysten noch vergangenen Sommer verkündeten. Kleinsparer wie der Berliner IT-Berater Florian Zschocke ließen sich davon überzeugen. "Die IKB hatte öffentlich erklärt, dass sie nur ganz wenig von der US-Kreditkrise betroffen sei", sagt der 43-Jährige. Zehn Tage nachdem er gekauft hatte, gestand die IKB, sich dramatisch verspekuliert zu haben.

Niemand entschädigt den Kunden bei Verlust

Der Kurs krachte um 40 Prozent ein. Zschocke erlitt einen Schaden von 5000 Euro. Niemand käme auf die Idee, ihn zu ersetzen. Warum auch? Er hat halt Pech gehabt. Trotzdem kann man verstehen, dass es ihm sauer aufstößt, wenn er nun lesen muss, dass dem gefeuerten IKB-Chef Stefan Ortseifen, 57, sein Ruhestand mit 378.000 Euro Rente im Jahr versüßt wird. Die Bank taumelt unterdessen von einer Krise in die nächste und braucht zum Überleben wohl neue Milliardenspritzen.

Praktiken wie bei der IKB regen längst auch Manager auf, die selbst zur Kaste der bestverdienenden Finanzjongleure gehören. Klaus Kaldemorgen, Chef der Fondsgesellschaft DWS, musste mit ansehen, wie einige DWS-Fonds Verluste durch Aktien des Dax-Wertes Hypo Real Estate (HRE) erlitten. Auch die Münchner Immobilienbank hatte lange behauptet, von der US-Krise allenfalls am Rande betroffen zu sein. Dann verlor die Aktie an einem einzigen Tag ein Drittel ihres Wertes. HRE-Boss Georg Funke hatte knapp 400 Millionen Euro Abschreibungen auf US-Kreditgeschäfte verkündet. Kaldemorgen, in dessen Fonds drei Millionen Privatanleger investiert haben, denkt nun darüber nach, dem HRE-Vorstand auf der Hauptversammlung im Mai die Entlastung zu verweigern. "Es ist die heiligste Aufgabe eines Bankers, die Risiken in seinen Büchern zu verstehen", schimpft der Börsenprofi. Nur ist das eben angesichts der immer verrückteren Produkte fast unmöglich, in denen Risiken gebündelt und aufgeteilt, umverpackt und neu angestrichen werden.

Nirgendwo wird das so deutlich wie bei sogenannten Zertifikaten, von denen mittlerweile die unglaubliche Zahl von mehr als 200.000 Papieren auf dem Markt ist. Sie versprechen den Kunden, dass sie von bestimmten Marktentwicklungen profitieren. Aber wie sich Veränderungen der Preise tatsächlich auswirken, wissen die Kunden meist erst hinterher. So gibt es Papiere, die bei einem heftigen Auf und Ab an den Märkten - im Fachjargon Volatilität - auf geheimnisvolle Weise steigen sollen. Im Internetforum "Wall Street Online" kann man den Frust der Investoren über solche Innovationen in endlosen Mitteilungen nachlesen. "098cba" zum Beispiel jammert dort: "Heute steigt die Volatilität um satte 35 Prozent! Und was macht dieses Verbrecherzertifikat: steigt um lausige rund drei Prozent." Er hält das für "Betrug" - was rein rechtlich gesehen wahrscheinlich falsch, aber als subjektiver Eindruck doch nachvollziehbar ist. Zuletzt ließen sich bestimmte Zertifikate zeitweise überhaupt nicht mehr handeln, die SEBBank kündigte gar zwei Papiere - zahlt aber die Kunden vorerst nicht aus, da sich die Wertermittlung hinziehe. Was in wirtschaftlich rosigen Zeiten funktioniert hat, sorgt jetzt für Ärger.

Auch Kommunen sind betroffen

Riskanten Geldgeschäften aufgesessen sind nicht nur schlecht beratene Privatleute, sondern auch Hunderte Kommunen. Der Oberbürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Hagen, Peter Demnitz, klagt inzwischen gegen die Deutsche Bank, die der Gemeinde ein hoch spekulatives Finanztermingeschäft vermittelt hat. Das versprach eine niedrigere Zinslast auf die Schulden der Stadt. Nun droht ein Verlust von 57 Millionen Euro. Wie der gelernte Elektrotechniker Demnitz zogen auch andere Kunden des trickreichen "Zinsswaps" vor Gericht. Nicht immer mit Erfolg. So musste sich ein kommunales Wasserwerk vom zuständigen Magdeburger Landgericht sagen lassen: "Wenn die Klägerin (Wasserwerk) rügt, dass die Beklagte (Deutsche Bank) in ihren Präsentationen auf Risiken zwar hingewiesen, aber die Chancen doch immer stärker betont habe, so verkennt die Klägerin, dass auch die Beklagte ein Geschäft machen wollte."

Genau darum geht es. Banken wollen Geschäfte machen. Vielen sitzen Investoren im Nacken, die zweistellige Renditen sehen wollen. "Die eigentliche Gier lag bei den Aktionären", analysiert der Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar. "Wie in den USA wurden auch hierzulande die Chefs der Banken zu immer höheren Renditen getrieben - die privaten Häuser durch ihre Aktionäre, die öffentlich-rechtlichen Institute durch Bund, Länder und Kommunen." Die Folgen zeigen sich in der Krise: zum Beispiel an Landesbanken wie der Sachsen LB, deren Beinahezusammenbruch den sächsischen Steuerzahler allein in diesem Jahr fast drei Milliarden Euro kosten wird. Schäden hinterlässt die Renditejagd auch in den Depots der Kunden, die durch überzogene Gebühren selbst im vergangenen Jahr - also bei noch steigenden Kursen - oft an Wert verloren haben. Und nicht zuletzt sind die Folgen in den Banken selbst zu spüren: Manche einst ehrwürdigen Institute, Inbegriff der Seriosität, wandeln sich zu Zockerbuden. Die Wertschätzung durch das Publikum ist in Gefahr. "Vertrauen ist der Anfang von allem", lautete einst der Werbespruch der Deutschen Bank. Er deutet darauf hin, wie gefährlich es ist, wenn nur noch der schnelle Profit zählt, den eine Geschäftsbeziehung bringt.

Nach den wilden Jahren des Booms und der Superrenditen scheint die Zeit gekommen, auch wieder an übermorgen zu denken. Bei der großen Bilanzshow der Deutschen Bank präsentierte sich Josef Ackermann, der mittlerweile allseits bewunderte Chef, ganz als solider Kaufmann. Über nichts sprach er mit so viel Engagement wie über die Notwendigkeit, Risiken richtig einzuschätzen und zu beherrschen.

Die Erfinder immer kühnerer Finanzprodukte, einst als Regenmacher gefeiert, sind dagegen in der Defensive. Traumrenditen ohne Risiko liefern sie eben doch nicht - nicht einmal für die Bank. Für die Kunden kann das eine Chance sein. Geldgeschäfte sind und bleiben nun mal etwas anderes als Gebrauchtwagenhandel. Eine kluge Bank wird sich davor hüten, ihre Kunden so zu behandeln, dass Frust aufkommt und ein Gefühl der Abzocke. Privatbankier von Metzler, dessen Familie seit über 300 Jahren im Geschäft ist, hat erkannt, was hoffentlich auch seine smarten Kollegen lernen, die in kürzeren Zeiträumen denken: "Eine Bank ohne Kunden wird auf Dauer nicht überleben können."

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Von:

Joachim Reuter und Frank Donovitz