Erhebung in der EU 12,5 Millionen Deutsche von Armut betroffen


In einer EU-weiten Armutserhebung liegt Deutschland zwar unter dem Durchschnitt, im Vergleich zu den Nachbarländern schneidet die Bundesrepublik aber schlechter ab. Sozialverbände kritisieren die größer werdende Spanne zwischen Arm und Reich.

Annähernd jeder siebte Bundesbürger war 2007 arm oder von Armut bedroht. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag unter Berufung auf die EU-weite Erhebung "Leben in Europa" aus dem Jahr 2008 mit. Dies entspreche rund 12,5 Millionen Menschen oder 15 Prozent der Bevölkerung. Im europäischen Vergleich belegt Deutschland damit einen Mittelfeld-Platz. Allerdings lag die Bundesrepublik mit einer Armutsgefährdungsquote von 17 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Als armutsgefährdet gelten Menschen, die mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen müssen.

Genauso hoch wie der EU-Durchschnitt war der Anteil der armutsgefährdeten Bevölkerung in den zwölf neueren Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. In der Euro-Zone lag er dagegen mit 16 Prozent leicht unter dem EU-Durchschnitt. "Spitzenreiter" ist Lettland, dort ist jeder Vierte arm oder von Armut bedroht. Danach folgen Rumänien mit einem Anteil von 23 Prozent, Bulgarien mit 21 Prozent sowie Griechenland, Litauen und Spanien mit einer Quote von 20 Prozent.

Spanne zwischen Arm und Reich immer größer

Den niedrigsten Anteil der armutsgefährdeten Bevölkerung weist nach der auf Zahlen von 2007 zurückgehenden Statistik die Tschechische Republik mit neun Prozent auf. Auch in der Slowakei und in den Niederlanden ist die Quote mit jeweils elf Prozent vergleichsweise niedrig. Moderater als in Deutschland fallen ebenso die Quoten in Österreich, Dänemark und Schweden (jeweils zwölf Prozent) aus.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisierte die seiner Ansicht nach immer stärker zunehmende soziale Spaltung der Gesellschaft hierzulande: Die Zahlen seien nicht überraschend, sie zeigten, dass Deutschland sozial zerrissen sei, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider auf Anfrage der Nachrichtenagentur DAPD. Die Spanne zwischen Arm und Reich werde immer größer, die Mittelschicht nehme dagegen drastisch ab. Schneider unterstrich, dass die Einführung von Hartz IV die Armut offensiv befördert habe. Er forderte deshalb, die Hartz IV-Regelsätze zu erhöhen und den Spitzensteuersatz anzuheben.

Deutschlands Nachbarn schneiden besser ab

Der Sozialverband VdK schloss sich der Kritik an. Deutschland liege zwar unter dem EU-Durchschnitt, doch alle Nachbarländer schnitten besser ab, sagte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher dem DAPD. Das sei für ein wirtschaftlich reiches Land wie Deutschland ein alarmierendes Zeichen. Vor allem die Lohnentwicklung hierzulande sei verheerend, monierte Mascher. Immer mehr Menschen seien in einer prekären Beschäftigungssituation. Die Verbandsvorsitzende fügte hinzu, in den nächsten Jahren müsse aufgrund der weltweiten Finanzkrise mit einer weiteren Erhöhung der Armut gerechnet werden.

Für die jährliche Erhebung wurden rund 13.300 private Haushalte in Deutschland befragt. Zur Berechnung der Armutsgefährdungsquote wird das von allen Haushaltsmitgliedern erzielte Einkommen ohne Steuern und Sozialbeiträge auf die Anzahl der Personen nach einem Gewichtungsschlüssel verteilt. Vom sogenannten Zentralwert, den die Hälfte der Bevölkerung erreicht, werden wiederum 60 Prozent als Schwelle zur Armut genommen. In Deutschland lag der Schwellenwert 2007 bei 10.953 Euro jährlich.

Von Dania Ringeisen/AP AP

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