Finanzkrise Das müssen Sie jetzt wissen


Die Finanzkrise erschüttert die Welt. Banken gehen pleite oder werden vom Staat gestützt, die Aktienkurse fallen rapide, und Bundeskanzlerin Angela Merkel muss Garantien über hunderte von Milliarden Euro geben. Droht eine globale Panik? stern.de gibt Antworten auf die brennendsten Fragen.
Von Sebastian Jabbusch

Die amerikanische Finanzkrise entwickelt sich dramatisch: In den USA zwingt sie große Banken und Investmenthäuser in die Knie. Weltweit stürzen die Aktienkurse ein. Auch deutsche Banken haben sich in den USA verzockt. Zuletzt stand die Hypo Real Estate vor der Insolvenz. Bundesregierung und Privatbanken stellen 50 Milliarden Euro Sicherheiten.

Das Vertrauen ist auch in Deutschland dahin. Eine Rezession zeichnet sich am Horizont ab. Die Angst um sich. Rette sich wer kann?

Angela Merkel gibt währenddessen für "sämtliche Ersparnisse" eine staatliche Garantie ab. Die Bundesregierung geht dabei von 568 Milliarden Euro aus, die in Spar- und Termineinlagen und auf Girokonten lagern. Das Statistische Bundesamt spricht gar von 1,6 Billionen Euro.

Kein Wunder, dass bei solch schwindelerregenden Zahlen vielen der Überblick verloren geht. Daher beantwortet stern.de die wichtigsten Fragen zur aktuellen Lage der Krise.

Was sind die Ursachen der Finanzkrise?

Angefangen hat alles mit der Niedrigzinspolitik der amerikanischen Notenbank nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Der damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan wollte mit einer drastischen Senkung der Leitzinsen eine Rezession der amerikanischen Wirtschaft verhindern. Das billige Geld traf auf einen Boom am amerikanischen Häusermarkt. Die Banken vergaben mit dem billigen Geld der US-Notenbank massenweise Kredite an US-Bürger, die sich den Traum vom Eigenheim verwirklichen wollten. Im Glauben an ewig steigende Immobilienpreise wurden auch Kredite an Bürger vergeben, bei denen schon bei Auszahlung klar sein musste, dass sie die Hypothek bei wieder steigenden Zinsen nicht würden bezahlen können.

Die wenig besicherten Hypotheken wurden mit anderen Krediten zu kaum durchschaubaren Paketen zusammengeschnürt und weltweit an andere Banken verkauft. Als immer mehr Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten, kam es zur Kettenreaktion. In den USA sind mittlerweile Dutzende Banken pleite gegangen, und auch in Europa musste eine Vielzahl von Instituten durch staatliche Garantien vor der Insolvenz geschützt werden.

Wie sicher ist mein Erspartes?

Die meisten Bürger in Deutschland müssen sich keine Sorgen machen, ihr Geld ist von der Finanzkrise nicht berührt. "Die Verbraucher haben ihr Geld ganz unterschiedlich angelegt - auf einem Tagesgeldkonto oder vielleicht auch in festverzinslichen Wertpapieren", sagt Manfred Westphal, Leiter Fachbereich Finanzdienstleistungen beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). "Hier besteht grundsätzlich wenig Risiko."

Seit 1998 sind alle Kreditinstitute in der EU Mitglied in der gesetzlichen Entschädigungseinrichtung und müssen Beiträge in einen Topf einzahlen. Im Pleitefall erhalten die Kunden daraus 90 Prozent ihrer Einlagen zurück, maximal 20.000 Euro. Bei den deutschen Privatbanken gibt es zusätzlich den Einlagensicherungsfonds, der 1976 nach der Pleite der Kölner Herstatt-Bank gegründet worden war. Der Fonds sichert die Kundeneinlagen faktisch zu 100 Prozent ab.

Die Teilnahme ist freiwillig, rund 220 Institute machen mit. Einige wenige kleine Banken sind nicht Mitglied. Auskunft darüber gibt es am Bankschalter oder im Internet unter www.bankenverband.de/einlagensicherung. Die Sparkassen sowie Genossenschaftsbanken haben ihre eigenen Sicherungseinrichtungen und stehen zudem in Krisenfällen füreinander ein. Auch hier sind die Kundengelder zu 100 Prozent geschützt. "Zu guter Letzt gibt es ja auch noch die Staatsgarantie", fügt Westphal an.

Achtung: Aktien, Investmentfonds und Anleihen sind nicht Bestandteil von Sicherungsfonds und Staatsgarantie, da sie von den Banken nur im Auftrag der Anleger verwaltet werden. Die Bank muss auf Antrag der Anleger die Depots auf ein anderes Institut übertragen, auch wenn sie in Liquiditätsschwierigkeiten ist. Wer sein Geld in Aktien angelegt hat, braucht also derzeit starke Nerven.

Was soll ich mit meinen Geldanlagen machen?

"Keine Panik", sagt Manfred Westphal, Leiter Fachbereich Finanzdienstleistungen beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Wenn ein Verbraucher unsicher sei und Angst vor dem Verlust seines Ersparten habe, sollte er seine Geldanlagen überprüfen lassen. "Aber nicht von der Bank, bei der er es angelegt hat, sondern von einer unabhängigen Verbrauerberatung", rät Westphal. Dort könne er erfahren, ob er gegebenenfalls etwas umschichten müsse. Grundsätzlich seien die Spareinlagen aber sicher.

Beim Besitz von Aktien ist ein guter Rat schwierig: In den vergangenen zwölf Monaten verlor der Dax mehr als 25 Prozent, sank sogar auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren. Je nachdem, wann Anleger eingestiegen sind, sind die Verluste mehr oder weniger groß. Wenn sie ihr Geld langfristig angelegt haben, und es in den kommenden Jahren nicht brauchen, sollten sie jetzt nicht verkaufen - es sei denn, sie haben in Papieren von offensichtlichen Pleitekandidaten investiert. Die grundsätzliche Erfahrung sei: Egal wie sich Märkte entwickeln, langfristig würden die Kurse wieder hochgehen, und Aktien seien so die renditestärkste Anlageform, raten Analysten und andere Anlageexperten.

Droht eine Weltwirtschaftskrise?

"Eine Weltwirtschaftkrise ist eher unwahrscheinlich", meint Carsten Klude, Chefvolkswirt bei der Hamburger Privatbank M.M. Warburg. Die Konjunkturdaten hätten sich allerdings verschlechtert, und der Abschwung könnte sich durch die Krise beschleunigen. Die Wahrscheinlichkeit für eine Rezession in Deutschland und in den USA sei hoch. Eine Weltwirtschaftskrise entstünde daraus jedoch nicht, zumal es auch gute Daten gebe: "Die Wachstumsraten in den Schwellenländern sind weiter sehr hoch", so Klude.

Die deutsche Wirtschaft wuchs im dritten Quartal voraussichtlich nur um 0,2 Prozent, ist damit aber offenbar nicht in die Rezession abgeglitten wie befürchtet. Es wird erwartet, dass die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für 2009 von bislang 1,2 Prozent Mitte Oktober auf 0,5 Prozent senken wird.

Wann ist die Krise zu Ende?

"Wann die Krise beendet ist, kann man derzeit nicht seriös vorhersagen ", sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt bei der Privatbank M.M. Warburg. Weltweit haben Banken und Investmenthäuser bislang 600 Milliarden US-Dollar abgeschrieben. Betroffen sind vor allem Europa und die USA. "Der Internationale Währungsfonds rechnet aber damit, dass sich die Abschreibungen noch auf 1200 bis 1300 Milliarden Dollar erhöhen", sagt der Experte und erwartet daher kein rasches Ende der Krise.

Zudem sieht der Volkswirt in der neuen Vertrauenskrise zwischen den Banken ein großes Problem, dass auch zu einem Dominoeffekt führen könnte: "Ohne einen funktionierenden Bankensektor kann die Wirtschaft nicht funktionieren. Die zu beobachtende Kreditkrise könnte auch deshalb erhebliche Konsequenzen haben."

Die Banken sind angesichts der massiven Ausfälle und Abschreibungen extrem vorsichtig geworden. Sie leihen sich untereinander kaum noch Geld, die Zentralbank muss in immer kürzen Abständen Liquidität bereitstellen. Die Vertrauenskrise der Banken untereinander könnte auch die Kreditvergabe an Unternehmen und Bürger verknappen.

Was machen die USA, um die Krise zu beenden?

Die USA bekämpfen die Krise an drei verschiedenen Fronten. Erstens werden vom Staat fast wertlos gewordene Hypothekenkredite aufgekauft. Dafür stehen insgesamt bis zu 700 Milliarden US-Dollar bereit. Im ersten Schwung kann der US-Finanzminister Henry Paulson 250 Milliarden verwenden. Mit Zustimmung des Präsidenten stehen weitere 100 Milliarden zur Verfügung. Weitere Mittel sind von der Vergabe durch das Repräsentantenhaus abhängig. Die staatlich aufgekauften Immobilienkredite verschwinden so aus den Bilanzen der Banken und entlasten diese damit. Zweitens sichert die amerikanische Zentralbank (Fed) die Liquidität der Banken, indem sie extrem hohe Geldmengen als Kredite für die Banken zur Verfügung stellt. Normalerweise verlangt die Fed dafür qualitativ gute Sicherheiten wie Staatsanleihen oder Pfandbriefe. Doch inzwischen akzeptiert die Fed auch weniger gute Sicherheiten wie Aktien. Es wird auch darüber nachgedacht, komplett auf Sicherheiten zu verzichten. Drittens rettet die amerikanische Regierung wichtige Finanzunternehmen unter anderem durch Verstaatlichung, vor der Pleite. Beispiele dafür sind Frannie Mae, Freddie Mac, Bear Stearns oder AIG.

Was macht Deutschland?

Deutschland stabilisiert wie die USA ebenfalls die zusammenbrechenden Banken. 2007 waren dies zunächst öffentlich-rechtliche Institute wie die Sachsen LB und die West LB oder die Mittelstandsbank IKB, die mit der KfW einen staatlichen Großaktionär hatte. Ende September kam dann die spektakuläre Rettung der privaten Hypo Real Estate mit Staatsgarantien über 26,6 Milliarden hinzu.

Daneben gab Bundeskanzlerin Angelika Merkel eine implizite Garantie für alle Spareinlagen ab. Damit soll eine Panik der Bevölkerung vermieden werden.

Was bedeutet die Staatsgarantie für sämtliche Ersparnisse?

Die Bundesregierung hatte Anfang der Woche eine Bürgschaft für alle Spareinlagen abgegeben. Garantiert werden demnach vom Staat in unbegrenzter Höhe alles Geld der Bürger, das auf Giro- oder Sparkonten lagert. Geschützt werden aber auch Tages- und Festgeldkonten und damit alle so genannten Termin-Einlagen. Abgesichert sind den Angaben zufolge alle Konten bei Instituten, die dem Einlagensicherungsfonds der deutschen Banken angehören. Der Schutz bezieht sich damit auch auf Ausländer, die dort Konten haben. Zudem sind die Tochterunternehmen zahlreicher ausländischer Banken auch Teil des Fonds.

"Das war ein richtiger Schritt, eine vertrauensbildende Maßnahme", sagt Manfred Westphal, Leiter Fachbereich Finanzdienstleistungen beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). "Ziel der Maßnahme ist, die Lage zu stabilisieren, damit am Ende kein einziger Cent dieser Staatsgarantie gebraucht wird." Ein kompletter Kollaps des Finanzsystems könne aber niemals ganz ausgeschlossen werden. "Die Staatsgarantie dient dazu, die schon vorher geringe Wahrscheinlichkeit eines solchen Gaus, nochmals zu reduzieren", fügt Westphal an. "Das Geld für die Garantie wird im Zweifel aus dem Haushalt kommen."

Wie stabil ist das weltweite Finanzsystem?

"Vor vier Wochen hätte sich niemand vorstellen können, was gerade passiert", sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt bei der Privatbank MM Warburg & Co. Aber: "Eigentlich ist das globale Finanzsystem sehr stabil. Doch je länger die Vertrauenskrise dauert, desto schwieriger wird es." Das Problem sei der Zusammenbruch der Kapitalmärkte, auf dem sich die Banken gegenseitig Geld leihen. Durch die jetzige Vertrauenskrise wird es immer schwieriger für Banken, liquide zu sein.

Um die Krise zu überwinden, muss neues Vertrauen aufgebaut werden, was Zeit braucht. Um das globale Finanzsystem müsse man sich jedoch keine Sorgen machen, so Klude, denn "wenn weitere Probleme auftauchen, hat der Staat noch viel weitreichendere Auffangmöglichkeiten".


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