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Globalisierung: "Der Tag der Abrechnung naht!"

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz warnt vor einer Krise des globalen Kapitalismus. Seine Lösung: Verteilt den Reichtum. Ein stern-Gespräch.

Professor Stiglitz, Sie waren einer der schärfsten Kritiker der Globalisierung. Jetzt wollen Sie sie retten. Doch überall herrschen Enttäuschung und Angst, wenn nur dieses Wort fällt.

Ja, dabei wurde die Globalisierung noch vor 15 Jahren fast euphorisch begrüßt. Ihr Versprechen lautete: Entwicklung, mehr Wohlstand für alle. Aber heute zeigt sich, dass die Globalisierung zwei Gesichter hat. Die Hoffnungen der Menschen auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder haben sich oft nicht erfüllt, weder in den Entwicklungsländern noch in den Industriestaaten. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute sogar in Ländern mit zunehmender Ungleichheit. Für viele ist es wie ein Teufelspakt. Lebensweisen und Grundwerte sind bedroht.

Wer konnte von diesem Prozess der globalen Verflechtung profitieren?

Einigen Entwicklungsländern ist es gelungen, die Globalisierung klug und umsichtig zu nutzen. Allen voran China und einige andere Länder in Ostasien. So befreite das Wachstum der chinesischen Wirtschaft Hunderte Millionen Menschen aus der Armut. Und wahr ist: Noch nie zuvor sind die Einkommen so vieler Menschen so schnell gestiegen. Enorm profitiert haben auch die multinationalen Konzerne. Pharma- und Finanzunternehmen etwa, generell die Multis wie Wal-Mart, die genau verstanden haben, wie Globalisierung funktioniert.

Welche Rolle spielt die ökonomische Supermacht USA dabei?

Für viele ist Globalisierung heute gleichbedeutend mit der Amerikanisierung der Wirtschaftspolitik. Und die USA sind neben China bislang ja auch der wirklich große Gewinner der Globalisierung. Doch bei der Bewertung muss man vorsichtig sein: Während die Wirtschaftsleistung stieg, ist das Durchschnittseinkommen der Bürger deutlich zurückgegangen. Generell werden die Menschen in den reichen Ländern durch die Globalisierung eher ärmer.

Und wo sind die Gewinne der globalen Verflechtung gelandet?

Ganz oben. Bei der winzigen Gruppe der Topverdiener. In den USA konnten sie zusätzlich noch von den massiven Steuersenkungen der Bush-Regierung profitieren. Das ist ja ein Grund, warum ein Großteil der Welt gegen die Globalisierung aufbegehrt: Es scheint so viele Verlierer und so wenige Gewinner zu geben.

Doch langfristig, heißt es, nützt die Globalisierung allen Menschen.

Der berühmte Ökonom Maynard Keynes hat dazu mal gesagt: "Langfristig sind wir alle tot." Klar ist: Es gibt Verlierer. Und zwar viele. Die Politiker propagierten bislang zwar immer, dass der Reichtum, der sich oben ansammelt, irgendwann schon nach unten durchsickern und sich dort verteilen würde. Das war Polit-Rhetorik. In Wahrheit wussten alle, dass die Menschen unten schlechter dran sein würden.

Wie tief reicht denn "unten"? Wie viele Menschen in den Industrieländern sollten sich daran gewöhnen, bei den Verlierern zu sein?

Das weiß niemand genau. Sind es 20 Prozent der Beschäftigten eines Landes oder 70 Prozent, die etwa Lohneinbußen hinnehmen müssen? In jedem Fall sind viele betroffen. In den USA sind die Reallöhne in den vergangenen 25 Jahren um mehr als 30 Prozent gesunken. Und damit auch der Lebensstandard. Zunächst galt das nur für die unteren Lohngruppen. Doch seit fünf, sechs Jahren ist auch die Mittelschicht betroffen. Jeder zweite Amerikaner ist heute schlechter dran als noch vor einigen Jahren.

Werden in Zukunft noch mehr Arbeitsplätze aus reichen Ländern wie Deutschland für immer ins Ausland verlagert?

Das ist kaum zu verhindern. Doch Gewinner könnten die potenziellen Verlierer entschädigen. So könnte man durch höhere Steuern für Reiche für eine Umverteilung der Globalisierungsgewinne sorgen. Der Staat sollte eine aktive Rolle spielen, etwa bei der sozialen Absicherung der Menschen. Und wir müssen eben viel mehr in Bildungssysteme, Wissenschaft und Technik investieren. Denn Löhne können nur steigen, Arbeitsplätze sind nur sicher, wenn die Produktivität steigt.

Wer trägt die Verantwortung für die Fehlentwicklungen?

Globalisierung ist keine Naturgewalt. Nach dem Ende des Kalten Krieges, als die USA die unangefochtene ökonomische Supermacht der Welt waren, da hätten sie die Gesetze der Globalisierung durchaus neu schreiben können. Ein paar Regeln aufstellen, ein paar Werte, Prinzipien. Gleiche Ausgangsbedingungen für alle. Fairness. Dazu hätte gehört, sich endlich von der Subventionspolitik zu verabschieden. Aber es ging nur um eigene Interessen und vielleicht noch um die weniger anderer Industriestaaten. Einer der wichtigsten Hebel dabei war der Washington Consensus ...

... der Grundsatz des Internationalen Währungsfonds IWF, dass sich Länder einer radikalen Marktwirtschaft verpflichten sollen, wenn sie Kredite erhalten wollen ...

... dazu der rasche Abbau von Handelsschranken, Privatisierung und vor allem die Öffnung der Märkte für den freien Zustrom von Kapital. Alle Länder, die diesen Empfehlungen folgten, erlitten Schiffbruch. Argentinien, Russland oder die asiatischen Länder während der Krise Ende der 90er Jahre. Der Marktfundamentalismus dieses Konsenses lieferte ganze Länder ans Messer von skrupellosen Spekulanten. Doch es wird immer schwieriger, diese unfairen Regeln durchzusetzen.

Warum?

Weil die Entwicklungsländer nicht mehr mitmachen. Sie entdecken ihre Macht. Sie spielen eine immer wichtigere Rolle in der Weltwirtschaft, machen schon heute einen enormen Teil der globalen Wirtschaftskraft aus. Sie fordern faire Regeln, etwa im Handel. Die USA und Europa haben die Rhetorik des Freihandels perfektioniert, während sie gleichzeitig versuchten, Abkommen durchzusetzen, die sie gegen Importe aus den Entwicklungsländern schützen ...

... so wie in den jüngsten Verhandlungen über ein Welthandelsabkommen, der Doha-Runde. Sie scheiterten.

Vor allem an der Subventionspolitik der USA und Europas.

Und warum soll die Globalisierung dann noch Chancen haben?

Industriestaaten können nicht alle Probleme der Entwicklungsländer lösen. Aber wir können gleiche Ausgangsbedingungen schaffen. Aus moralischen Gründen und aus schierem Eigeninteresse: Denn wenn die Wirtschaft in den Entwicklungsländern wächst, dann wächst auch die Wirtschaft in den Industrieländern, etwa durch Exporte. So wachsen Sicherheit und Stabilität. Weder die USA noch Europa können es sich leisten, aus der Globalisierung auszusteigen.

Also, was tun?

Wir brauchen einen neuen, globalen Gesellschaftsvertrag. Dazu gehört, endlich eine faire Welthandelsordnung durchzusetzen. Keine weitere Abschottung der Industrieländer mehr. Davon profitieren alle. Doch viele weitere Reformen sind nötig: Die Minderung der Schuldenlast etwa. Solange die Entwicklungsländer verschuldet sind, werden sie keinen Zugang zu Kapital für dringend nötige Investitionen bekommen. Und die Macht der multinationalen Konzerne sollte beschränkt werden, etwa durch die Gründung einer globalen Wettbewerbsbehörde, die Preisabsprachen kontrollieren könnte. Es gibt viele Ansätze, viele Ideen.

Doch die gibt es schon lange. Sie werden nur nicht umgesetzt. Warum soll es denn jetzt gelingen?

Vielleicht erscheine ich Ihnen naiv. Doch in Wahrheit stellt sich schon lange nicht mehr die Frage, ob man die Globalisierung korrigieren, Reformen durchführen soll. Es wird auf jeden Fall geschehen. Die Frage ist nur, ob diese Veränderungen geordnet vonstattengehen oder ob es zu Krisen kommt. Denn im Moment ist es ja so: Das Geld fließt von unten nach oben, von den Armen zu den Reichen. Die USA, das reichste Land der Welt, leihen sich jeden Tag zwei Milliarden Dollar bei ärmeren Ländern ...

... weil die ärmeren Länder und insbesondere China von den USA Dollar-Anleihen kaufen, um sie als Währungsreserven zu halten.

Diese Anleihen sind wie ein Kredit, den die Entwicklungsländer den USA einräumen. Doch sie bringen nur sehr niedrige Zinsen. Wenn Länder dieses Geld anders anlegen oder gar investieren würden, dann könnten sie viel mehr verdienen. Jedes Jahr werden der Weltwirtschaft damit 750 Milliarden Dollar an potenzieller Kaufkraft entzogen. So verhindern die hohen Reserven im angeblich harten Dollar wirtschaftliche Entwicklung, tragen gar zur globalen Instabilität bei. Und zugleich verschulden sich die USA immer weiter.

Wann platzt diese Blase?

Der Dollar wird immer schwächer, er ist eigentlich keine Währung mehr, die man sich in den Tresor legt. Und je schwächer der Dollar wird, umso mehr Länder wollen ihre Reserven verkaufen. Dieser Ausstieg kann geordnet und reibungslos verlaufen. Dann würde die US-Wirtschaft zwar einige Jahre schwächeln, aber viel mehr würde nicht passieren. Doch es kann auch zu einer Flucht aus dem Dollar kommen. Dann würden die USA in eine Rezession stürzen.

Ihre Prognose?

Viele Finanzexperten, mit denen ich in den vergangenen Monaten sprach, sind sehr pessimistisch. Sie meinen, innerhalb der kommenden drei, vier Jahre könne es zu einer ernsten Krise kommen. In jedem Fall: Der Tag der Abrechnung naht.

Was macht Sie so optimistisch, dass die Industriestaaten die Chancen der Globalisierung ergreifen, allen voran die USA?

Ganz einfach: die Realität. Mittlerweile steht zu viel auf dem Spiel - für alle. Denn die Lage ist besorgniserregend, und die Menschen sehen das. Auch die Amerikaner verstehen, dass man zum Beispiel dringend etwas gegen den Klimawandel unternehmen muss, egal, was ihnen Präsident Bush weismachen will. Die Zeit wird kommen, da die USA nicht mehr tun und lassen können, was sie wollen. Wie heißt es doch in unserer Unabhängigkeitserklärung? "Alle Menschen sind gleich geboren." Es heißt nicht: "Alle Amerikaner sind gleich geboren." Wir können die Globalisierung zu einer Erfolgsgeschichte machen. Doch wir haben nur noch wenig Zeit.

Interview: Katja Gloger / print