Kredithaie Knietief im Dispo


Deutsche Banken sind auf der Jagd nach neuen Schuldnern. Auch wer längst nicht mehr zahlen kann, wird zu weiteren Krediten überredet - zu haarsträubenden Konditionen.
Von Tobias Zick

Nein, ich will nicht zu Ihnen in die Filiale kommen, sagte sie dem Anrufer von der Citibank, und selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht, ich liege nämlich mit einem operierten Knie zu Hause.

Kein Problem, antwortete der Anrufer, dann kommt unsere Mitarbeiterin eben zu Ihnen. Ich will keinen höheren Kredit, sagte Katrin Germer* dann immer wieder zu der Fremden, die an ihrem Esstisch saß, doch die ließ nicht locker: Wer weiß, wann Ihr Knie wieder verheilt ist, wie lange Sie noch arbeitsunfähig sind? Wenn Sie erst ins Krankengeld rutschen, gibt Ihnen keine Bank mehr einen Kredit. "Da hatte sie mich an einem wunden Punkt erwischt", sagt Katrin Germer. Sie unterschrieb einen Vertrag, mit dem sie ihren Kredit von 8000 Euro auf 14.970,34 Euro aufstockte. "Eigentlich hätte ich spätestens da aufwachen müssen", sagt sie.

Den Vertrag über die nächste Erhöhung auf 19.729,61 Euro unterschrieb sie auf dem Parkplatz vor ihrem Büro. "Die Frau von der Bank hat mir regelrecht nachgestellt", erinnert sich Katrin Germer. Sie sind im Dispo, hatte die immer wieder am Telefon gesagt, lassen Sie uns das in einen neuen Kredit umwandeln, das ist günstiger. Neunzig Euro mehr im Monat, das schaffen Sie doch, Frau Germer, oder? Mit den neunzig Euro mehr war sie mittlerweile bei einer Monatsrate von 432 Euro. Abzüglich Miete blieben ihr so von ihrem Gehalt nicht einmal mehr 200 Euro im Monat zum Leben. "Mir ist erst nach und nach so richtig klar geworden, auf was ich mich da eingelassen hatte", sagt sie heute. Aus der neuen Kreditsumme von 19.729,61 Euro war mit Zinsen, Bearbeitungsgebühr und Versicherung ein Gesamtschuldenbetrag von 35.388,38 Euro geworden.

Wunder oder Privatinsolvenz

Mittlerweile hat sie ihren Job verloren, bekommt Arbeitslosengeld. "Wenn nicht noch ein Wunder geschieht", sagt Katrin Germer, "werde ich wohl Privatinsolvenz anmelden müssen."

Es wird immer leichter, an Kredite zu kommen - und sich damit hoffnungslos zu verschulden. Oft beginnt es mit einem Brief, in dem in wechselnder Konstellation Schlagwörter wie "Spielraum", "Träume" und "erfüllen" stehen; meist kombiniert mit Attributen wie "sofort", "unbürokratisch", "flexibel" oder "fair". Irgendwo prangt eine Zahl wie beispielsweise "4,58 Prozent", mit Sternchen, unten steht vielleicht irgendwo das Wort "bonitätsabhängig", ein unauffälliges Detail, das sich später als folgenreich entpuppen kann. Absender solcher Briefe sind nicht Kredithaie aus dem Bahnhofsviertel, sondern namhafte deutsche oder internationale Banken. Zum Beispiel Citibank, TeamBank, Dresdner Bank Direct 24. Was spricht dagegen, denkt man, mal hinzugehen und sich anzuhören, was der Berater so erzählt.

"Die Leute werden immer mehr mit Kreditangeboten zugemüllt", sagt Kerstin Föller, Kreditexpertin der Hamburger Verbraucherzentrale, "in der Folge sinkt die Hemmschwelle, einen Kredit aufzunehmen. Und im Beratungsgespräch werden die Leute oft regelrecht blödgequatscht."

Jeder Zehnte ist überschuldet

Jeder zehnte Erwachsene in Deutschland gilt heute bereits als überschuldet, kann also den Zahlungsforderungen seiner Gläubiger nicht mehr nachkommen. Und darunter sind immer mehr junge Erwachsene. Wer alles auf überhöhte Klingeltonrechnungen und leichtsinnige Ratenkäufe schiebt, macht es sich zu einfach. Unter den 20- bis 30-Jährigen liegt nur bei etwa jedem fünften Fall die Hauptursache im Konsumverhalten, schätzt Michael Knobloch vom Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg: "Überschuldung trifft vor allem die, die von vorneherein schon arm sind. Fast achtzig Prozent der Betroffenen haben weniger als 1000 Euro im Monat." Einer der größten Risikofaktoren ist Arbeitslosigkeit: Wer seinen Job verliert und deswegen alle Reserven aufbrauchen muss, den können schon kleine Zwischenfälle in Not bringen. Muss die Waschmaschine repariert werden, fehlt das Geld für eine Kreditrate, die genau in die monatliche Einnahmen-Ausgaben-Rechnung eingepasst war. Wer zweimal mit seinen Ratenzahlungen im Rückstand ist, dem kann die Bank den Kredit kündigen - dann wird die gesamte Summe auf einen Schlag fällig, und es bleibt oft nur noch die Privatinsolvenz. "Die Leute müssen von der Hand in den Mund leben", sagt Michael Knobloch, "das ist es, was sie verwundbar macht. Die Forderung nach erzieherischen Maßnahmen greift da zu kurz."

Der Bundesverband deutscher Banken etwa fordert immer wieder, das Thema Finanzen schon im Schulunterricht zu verankern. In der Tat wissen viele junge Menschen nicht, was eine Restschuldversicherung ist, was einen Nominal- von einem Effektivzins unterscheidet. Doch oft sind es Banken selbst, die ihre Kunden in eine Schuldenspirale treiben. "Die Ursachen von Überschuldung sind vielschichtig", sagt Michael Knobloch, "aber klar ist: Wenn es viele Anbieter gibt, die aggressiv Kredite in den Markt drücken, dann gibt es auch mehr Überschuldung."

Bank erhöht Kreditrahmen von sich aus

In einem Schuldnerforum im Internet berichtet Steffi Winter*, sie habe ihr Studium mit einem schmalen Einkommen aus Bafög und Kindergeld begonnen und sei entsprechend froh gewesen, als sie erfuhr, dass es eine spezielle "Barclaycard for Students" gibt - Werbespruch: "Das Leben ist zu kurz, um pleite zu sein." Mittlerweile komme sie mit dem Abzahlen ihrer Schulden nicht mehr nach: Die Bank habe ihr den Kreditrahmen von sich aus immer weiter erhöht.

Die Barclays Bank erklärt hierzu gegenüber Neon, die Entscheidung, ob und in welcher Höhe das Limit erhöht werde, falle aufgrund verschiedener "Verhaltensparameter". Weiter heißt es in der Stellungnahme: "Wir informieren unsere Kunden über eine Kreditlimiterhöhung schriftlich und gewähren ihnen ein Widerspruchsrecht von sechs Wochen. Darüber hinaus haben unsere Kunden immer die Möglichkeit, ihr Kreditlimit abzusenken."

Steffi Winter hingegen hat den Rahmen ausgeschöpft. Kreditkarten wie ihre funktionieren nach dem "Revolving"-Prinzip: Da wird nicht monatlich automatisch der Gesamtbetrag vom Girokonto abgebucht, sondern nur ein kleiner Anteil wie etwa drei Prozent davon; der Rest wird in einen Kredit mit beispielsweise 18,99 Prozent Zinsen umgewandelt.

Gesamtbetrag überweisen

In den USA sind solche "echten" Kreditkarten längst gang und gäbe. Auch in Deutschland bieten heute immer mehr Banken sie an: Wer vermeiden will, dass er jedes Mal, wenn er mit der Karte zahlt, automatisch einen langfristigen Kredit aufnimmt, muss den monatlichen Gesamtbetrag regelmäßig immer wieder von sich aus auf das Kartenkonto überweisen.

"Die Banken bauen auf die Trägheit der Kunden", warnt die Verbraucherzentrale NRW. "Und solche Angebote richten sich an eine Zielgruppe, die ohnehin gefährdet ist: Die Revolving-Kreditkarte setzt an, wenn der Dispo auf dem normalen Konto schon ausgeschöpft wurde." Die Barclays Bank widerspricht dem nicht ausdrücklich: "In der Regel erhält nur derjenige Kunde eine Kreditlimiterhöhung, der eine gewisse Inanspruchnahme und Auslastung seines bisherigen Kontos vorweist. (…) In dem geschilderten Beispiel muss also bereits eine sehr lange und einwandfreie Kundenbeziehung vorgelegen haben."

Zinssatz oft mehr als das Doppelte überm Durchschnitt

Sicher, jeder hat sein Schicksal selbst in der Hand. Doch manche Banken machen es ihren Kunden nicht leicht, den Überblick zu behalten: Vielen wird erst im Nachhinein klar, dass etwa der tatsächliche Zinssatz, auf den sie sich eingelassen haben, um mehr als das Doppelte über dem Durchschnittszins liegt - oder dass sie auch eine extrem teure "Restschuldversicherung" abgeschlossen haben: Die soll einspringen, wenn der Kunde - etwa wegen Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit oder Tod - seine Raten nicht mehr zahlen kann. "In manchen Fällen ist die Prämie für diese Versicherung so hoch, dass sie die Kreditrate erheblich verteuert", sagt die Bremer Verbraucheranwältin Birte Eckardt. "Und in vielen Fällen ist sie für den Verbraucher völlig sinnlos."

* Name von der Redaktion geändert

Wie viele Betroffene solcher Praktiken es gibt, weiß niemand genau. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen schätzt jedoch, dass "in zigtausenden Fällen Bankkunden durch aufgezwängte überteuerte Restschuldversicherungen finanziell geschädigt" wurden.

Die Citibank, die immer wieder in diesem Zusammenhang kritisiert wird, erklärt dagegen, die Kreditvergabe sei "nachweislich unabhängig" vom Abschluss einer Versicherung. Ende der 90er Jahre führten die ersten Banken in Deutschland eine in den USA längst übliche Praxis ein: Der Zinssatz ist nicht einheitlich, sondern richtet sich nach der geschätzten Kreditwürdigkeit - je geringer und unsicherer das Einkommen des Kunden, desto teurer der Kredit. "Scoring" nennt sich dieses Verfahren. Wie genau die Computer der Banken den Zinssatz berechnen, das wahren die Banken als Betriebsgeheimnis. Die guten Konditionen aus der Werbung jedenfalls, schätzt die Stiftung Warentest, bekommen höchstens fünf Prozent der Kunden.

Werbung mit niedrigen Zinssätzen

Dass die Werbung mit den niedrigen Zinssätzen irreführend sei, lässt der Bundesverband deutscher Banken nicht gelten: "Die Kreditangebote sind bonitätsabhängig, darauf wird explizit hingewiesen. Und es wäre unübersichtlich, in der Werbung alle Differenzierungen anzubieten - ähnlich wie in der Autowerbung, wo ja auch zumeist die Preise für das Basismodell angegeben werden."

Was in der Werbung nicht steht: Wenn Zinsen und Restschuldversicherungen umso teurer sind, je ärmer der Kunde ist - dann kann es sich für die Bank lohnen, gerade solchen Kunden Kredite aufzudrängen, die früher keinen Cent bekommen hätten. "Einzelne Banken haben sich regelrecht darauf verlegt, die unteren Bevölkerungsschichten auszuquetschen", sagt Michael Knobloch.

"Sittenwidriger Wucher"

Was Katrin Germer erlebt hat, ist unter Verbraucherschützern als "Kettenkredit" bekannt: Wer seinen Dispo ausreizt oder seine Raten nicht mehr zahlen kann, dem bietet die Bank einen neuen Kredit zur "Umschuldung" an. Dabei steigt oft wiederum der Zinssatz, weil die Kreditwürdigkeit des Kunden gesunken ist; es kommen neue Bearbeitungsgebühren und eine neue Restschuldversicherung hinzu - so werden aus den günstigen Konditionen aus der Werbung dann bis zu 39,08 Prozent Zinsen, wie bei einem Klienten der Anwältin Birte Eckardt. In den Augen der Juristin schlichtweg "sittenwidriger Wucher".

Die Citibank erklärt dagegen, ihre Konditionen "orientieren sich grundsätzlich an marktüblichen Zinsen." Keine Bank habe "ein Interesse daran, dass ein Kunde einen Kredit nicht zurückzahlen kann." Deshalb werde vor Abschluss in einem "ausführlichen Beratungsgespräch" die "leistbare Kreditrate" ermittelt. Man könnte der Bankberaterin, die Katrin Germer besäuselt hat, persönlich böse sein - doch die Leute in ihrer Branche stehen oft unter extremem Druck: Zwischen 2000 und 2007 haben die Banken in Deutschland rund 100.000 Stellen gestrichen, dreizehn Prozent aller Beschäftigten. "Durch die Jagd nach immer höherer Rendite haben sich die Arbeitsbedingungen verschärft", sagt Uwe Foullong, zuständig für Finanzdienstleistungen im Bundesvorstand von Verdi. "Viele Mitarbeiter stehen vor der Wahl: entweder einem Kunden ein Produkt zu verkaufen, das er gar nicht braucht, oder ihr Ziel nicht zu erreichen."

Banken machen Angestellten Druck

Manche Banken, hat die Fachzeitschrift Wirtschaftswoche recherchiert, "schreiben den einzelnen Beratern genau vor, wie viele Lebensversicherungen, Kredite oder Fonds sie pro Woche verkaufen müssen und für wie viele Neukunden sie zu sorgen haben. Und diese Vorgaben haben sie zu erfüllen. Irgendwie." Leistungsdruck und Existenzangst machen immer mehr Banker psychisch krank. "Gesundheitsgefährdender Stress ist im Kreditgewerbe keine Ausnahme", warnt die Gewerkschaft Verdi unter Berufung auf eine Studie der Krankenversicherung DAK, "sondern eher zur Regel geworden." Unter den heutigen Bedingungen werde ein Großteil der Beschäftigten nicht bis zum Rentenalter durchhalten.

Auch in Instituten, die noch einen vergleichsweise guten Ruf genießen, ist der Umgang rauer geworden. Markus Kaiser* aus München beantragte bei der Sparkasse einen Kredit von 5000 Euro. Der Berater bot ihm das Dreifache. Markus Kaiser beharrte auf den 5000 Euro, bekam schließlich den Kredit - und die Empfehlung, auch einen Bausparvertrag abzuschließen. Als er dankend ablehnte, begann der Mann von der Sparkasse, ihm am Arbeitsplatz hinterherzutelefonieren, und hinterließ bei Kollegen die Nachricht, Herr Kaiser möge bitte dringend seine Bank zurückrufen. Es klang, als gäbe es ein ernstes Geldproblem. "Erst nach rund zwei Monaten haben die von mir abgelassen," erzählt Markus Kaiser, "es war, als wollten die mir das Gefühl vermitteln: Okay, du hast deinen Wunschkredit bekommen, jetzt könntest du dich ein wenig erkenntlich zeigen."

Die Sparkasse München erklärt zum Thema Telefonberatung: "In der Regel nehmen wir Kontakt zu unseren Kunden in größeren zeitlichen Abständen auf. Wichtig ist uns, dass wir unsere Kunden individuell und bedarfsorientiert beraten."

Private Banken Trendsetter

"In Sachen Vertriebsdruck sind die privaten Banken zwar Trendsetter", bestätigt Uwe Foullong von Verdi, "aber Volksbanken und Sparkassen folgen. Sie hinken nur hinterher." Michaela Roth, Sprecherin des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, hält dem entgegen: "Unsere Philosophie ist es, einen Kunden sein Leben lang zu begleiten." Weil er so tief im Dispo steckt, dass ein Leben ohne Banktermine kaum mehr denkbar ist? Auch Roth räumt ein: "Natürlich ist es unser Ziel, mehr zu verkaufen. Aber wir tun das weniger aggressiv als andere."

Was tun, wenn man trotz allem zu dem Entschluss kommt, dass ein Kredit sinnvoll wäre? "Vorher in Fachzeitschriften und bei Verbraucherzentralen informieren, Angebote genau vergleichen", rät Michael Knobloch, "vor einem Autokauf tut man das doch auch. Zum Beratungsgespräch jemanden mitnehmen. Und im Zweifel sich alles schriftlich geben lassen und erst drüber schlafen, ehe man unterschreibt." Was viele nicht wissen: Als Kunde hat man das Recht, einen Kreditvertrag binnen vierzehn Tagen zu widerrufen.

"Wir bedauern die persönliche Situation"

Für Katrin Germer kommen solche Einsichten zu spät. Um die Privatinsolvenz abzuwenden, versucht ihr Anwalt, ihren Kreditvertrag aufzulösen: Sie sei falsch beraten worden, argumentiert er; die Bank habe ein zu hohes, "fiktives" Einkommen zugrunde gelegt. Die Citibank kann den Vorwurf "nicht nachvollziehen". Auf Nachfrage von Neon erklärt sie jedoch: "Wir bedauern die persönliche Situation von Frau Germer natürlich sehr und sind gerne bereit, mit der Kundin eine gemeinsame Lösung zu finden."

Manchmal, wenn Katrin Germer vor dem Fernseher sitzt, kommt ein Werbespot der Citibank mit dem Fußballer Torsten Frings. "Sichern Sie sich 4,5 Prozent Zinsen per anno", sagt eine Stimme aus dem Off. "Jetzt kostenlos anrufen oder vorbeikommen."

In diesen Momenten denkt sie daran, wie sie damals mit ihrem operierten Knie dasaß, gegenüber die Frau von der Bank mit dem Kreditvertrag in der Hand.

"Wenn die noch mal hier vor mir säße", sagt sie, "ich glaube, dann könnte ich für nichts garantieren."

* Name von der Redaktion geändert


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