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Leichtfertige Kreditvergabe: Banken stürzen Haushalte in die Pleite

Die deutschen Banken kümmern sich bei Vergabe von Krediten zu wenig um die tatsächliche Finanzkraft ihrer Kunden. Folge: Die leichtfertige Kreditvergabe stürzt Haushalte in die Pleite.

Die sorglose Vergabe und Aufnahme von Krediten lässt in Privathaushalten immer öfter die Schuldenfalle zuschnappen. Das Kreditvolumen in Deutschland ist dem Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) zufolge auf den neuen Rekordwert von 999 Milliarden Euro gestiegen, die Zahl der überschuldeten Haushalte liege bei mehr als drei Millionen. Grund seien fast immer gescheiterte Kredite.

Die Verbraucherschützer warfen den Banken schlechte Beratung, versteckte Kosten und das so genannte Scoring - die Berechnung der Ausfallwahrscheinlichkeit des Verbrauchers - vor. "Insgesamt ist die Kreditvergabepraxis der Banken durch Widersprüchlichkeiten geprägt", erklärte vzbv-Vorstand Edda Müller und forderte "verständliche und kompakte Informationen". Grundsätzlich seien Kredite von einer "enormen volkswirtschaftlichen Bedeutung". Fehlentwicklungen der derzeitigen Kreditvergabepraxis machten die Verbraucher allerdings oft "zum Spielball der Banken". Müller warnte die Kreditinstitute davor, "die Zinsspirale zu überdrehen". Der seitens der EU-Kommission vorgelegte Entwurf für eine Verbraucherkreditrichtlinie gehe in die richtige Richtung, greife jedoch nicht weit genug. Defizite der Richtlinie sollten am Montag auf einer vzbv-Expertentagung benannt werden.

Verschiedene Angebote einholen

Verbrauchern rät Müller, verschiedene Angebote einzuholen. Allerdings werde die Suche nach dem günstigsten Angebot durch die fehlende oder oft bewusst erschwerte Vergleichbarkeit sowie durch versteckte Kosten zum Problem.

Die Angebotssuche hat jedoch einen Haken: Wer mehrere Angebote einhole, stehe am Ende oft als schlechter Kunde dar, erklärte Müller. Denn bei den Banken würden parallele Anfragen nach Kreditkonditionen als Indiz gewertet, es handle sich um einen Verbraucher mit mangelnder Bonität. Mehrmaliges Anfragen führe dazu, dass die Kreditsätze von Anfrage zu Anfrage klettern.

In einem vom ARD-Magazin "plusminus" recherchierten Fall habe sich ein Angebot so von 8,71 auf 11,57 Prozent verschlechtert. Schuld daran sei unter anderem das Basel-II-Abkommen, die neuen Vorgaben des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht zur Eigenkapitalausstattung von Banken. Obwohl es erst Ende 2006 in Kraft treten soll, hat es Müller zufolge schon jetzt zu einem "Umbruch bei der Kreditvergabe an Verbraucher" geführt. Immer öfter werde auf das Scoring-Verfahren gesetzt. Die Kriterien seien "ochgradig intransparent und zum Teil willkürlich" sagte Müller.

Diskriminierung älterer Menschen

Wie absurd es bei der Kreditvergabe zugehen kann, erläuterte der vzbv-Finanzexperte Manfred Westphal. In Hamburg sei im vergangenen Jahr ermittelt worden, dass Einkommensschwache gegenüber Besserverdienern um bis zu 78 Prozent höhere Zinsen zahlen müssen. In einem Fall habe die Spanne für einen 10.000-Euro-Kredit zwischen 6,69 und 12,38 Prozent gelegen. Auch gebe es eine Diskriminierung älterer Menschen. So hätten manchmal schon 60-Jährige Schwierigkeiten, einen Kredit zu bekommen. Jüngere würden dagegen oft durch Kettenkredite in die Überschuldung geführt, sagte Westphal. Zudem würden durch die Banken immer öfter Zusatzgeschäfte wie Restschuld- oder Unfallversicherungen abgeschlossen. In einem Extremfall erhöhten sich die tatsächlichen Zinsen statt der ausgemachten zwölf auf 40 Prozent, rechnete Westphal vor.

Insbesondere kritisieren die Verbraucherzentralen Lockvogelangebote. So machten Banken immer häufiger Werbung mit Kreditzinsen ab 5,5 Prozent oder mit Spannweiten von 5,5 bis 14,9 Prozent. Feste Sätze würden seltener, der Kunde könne nicht mehr vergleichen. Oft liegt nach Müllers Worten nach Abschluss des Vertrags der tatsächliche Zinssatz höher als die Werbung versprach. Die Gründe würden dem Kunden jedoch nicht nachvollziehbar erklärt.

AP/DPA / AP / DPA