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Ablauf einer Scheidung: Vom Anwalt zum Urteil

Am Ende einer gescheiterten Ehe steht die Scheidung. Doch wie sieht der Weg bis zum Scheidungsurteil aus? Muss man vorher in getrennten Wohnungen leben? Kann man sich einen Anwalt teilen? Wir erklären, wie eine Scheidung abläuft.

Von Karin Spitra

"Er ging mir aus dem Weg, blieb abends länger im Büro, machte Sport, traf sich mit Freunden. Und wenn wir am Wochenende doch alle endlich zu Hause waren, nutzte er jede Gelegenheit zu fliehen." So beschreibt Judith Bräuner in ihrem Scheidungstagebuch den Anfang vom Ende. Dennoch brauchten sie und ihre damaliger Mann fast eineinhalb Jahre, bis sie endlich den Mut und die Kraft aufbrachten, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Ihre Ehe war gescheitert, das Zusammenleben eigentlich schon längst ein Aneinander-vorbei-leben. Die Konsequenz: Trennung, Scheidung und ein Neuanfang. Für stern.de beantwortet Michael Schröder, Rageber-Autor und Fachanwalt für Familienrecht, die wichtigsten Fragen zum Ablauf einer Scheidung.

Wer ist überhaupt zuständig?

Scheidungen werden immer an den Familiengerichten verhandelt, meist sind das die familienrechtlichen Abteilungen bei einem Amtsgericht. Ist das Ehepaar kinderlos, ist das Amtsgericht der Ortschaft zuständig, in der die Ehe vollzogen wurde. "Also dort, wo die Eheleute zusammen gelebt haben", erläutert Michael Schröder, Fachanwalt für Familienrecht in Hemmoor

Haben die Eheleute jedoch eigene Kinder, ist das Amtsgericht an deren Wohnort zuständig. "Hat ein Paar in Hamburg gelebt und die Frau ist mit den Kindern nach der Trennung nach München gezogen, wird vor dem dortigen Familiengericht verhandelt", so Schröder. Der Gesetzgeber will Kindern nicht zumuten, dass sie für das Verfahren - bei dem sie ja ebenfalls gehört werden - aus dem gewohnten Umfeld gerissen zu.

Gibt es keine Kinder und leben mittlerweile beide Ehepartner nicht mehr am einst gemeinsamen Wohnort, gilt der Gerichtsbezirk des Antragsgegners, also dem Ehepartner, der nicht die Scheidung angestrebt hat.

Das zuständige Amtsgericht finden Sie hier.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?

Das Familiengericht kann eine Ehe nur dann scheiden, wenn die Ehe gescheitert ist - es gilt das Zerrüttungsprinzip. Früher hingegen musste jemand Schuld am Scheitern der Ehe haben, damit es zur Scheidung kam. "Nach dem Zerrüttungsprinzip ist eine Ehe dann gescheitert, wenn beide Eheleute über ein Jahr lang getrennt leben und beide der Auffassung sind, dass die Ehe auch zukünftig keinen Sinn mehr macht", sagt Familienrechtler Michael Schröder. Diese Trennungszeit ist obligatorisch und kann nur in so genannten Härtefällen, z.B. bei Misshandlungen, Alkoholismus - verkürzt werden.

Die Ehe gilt als gescheitert, wenn zwischen den Ehepartnern keine innere Bindung mehr gegeben ist. Dabei reicht es völlig, wenn nur einer der Ehegatten dies so empfindet, denn kein Partner kann gegen seinen Willen in einer Ehe gehalten werden - so schmerzhaft das für den Verlassenen auch sein mag. Für das Familiengericht ist deshalb das entscheidende Kriterium, ob es eine Möglichkeit zur Versöhnung gibt. Wird diese ein Ehepartner kategorisch abtgelehnt, gilt die Ehe als zerstört.

Wie lange muss ich vorher getrennt leben?

Sind beide Ehegatten mit der Scheidung einverstanden, reicht es, wenn sie seit einem Jahr getrennt leben. Will hingegen nur eine Partei die Scheidung, müssen die Gatten mindestens drei Jahre getrennt leben. Damit will das Gericht vermeiden, dass es zu Scheidungen aus einer spontanen Reaktion heraus kommt. "Es ist aber nicht so, dass man sich tatsächlich gegen eine Scheidung wehren kann", erläutert der Familienrechtler.

Ausnahmen

von den genannten Trennungsfristen lassen Familiengerichte nur in einigen Ausnahmefällen zu: Wenn die Fortführung der Ehe für einen der Gatten eine "unzumutbare Härte" darstellt (z.B. weil er misshandelt wurde), kann auf die Frist verzichtet werden. Das Gericht geht dann davon aus, dass selbst das Abwarten des Trennungsjahres für einen der Partner nicht mehr zumutbar ist - und leitet eine "schnelle Scheidung" ein. Allerdings urteilen hier Familiengerichte nach dem Einzelfall.

Was heißt getrennt von Tisch und Bett?

Leben beide Ehegatten bereits in einer eigenen Wohnung, ist die Trennung eindeutig. Dabei es gibt natürlich auch die Fälle, wo die getrennten Eheleute - z.B. aus finanziellen Gründen - weiter innerhalb der ehelichen Wohnung leben. "Für das Gericht wesentlich ist dabei, dass es kein gemeinsames Wirtschaften mehr gibt", sagt Rechtsanwalt Schröder. Hier müsse die Trennung dadurch unterstrichen werden, dass beide eben "getrennt von Tisch und Bett" leben.

Dafür dürfen sie dann tatsächlich im Wortsinn kein gemeinsames Schlafzimmer mehr haben, die Mahlzeiten dürfen nicht mehr gemeinsam eingenommen werden und auch sonst sollte keiner mehr für den anderen sorgen - etwa einkaufen, kochen, putzen oder bügeln. Für das Gericht muss erkennbar sein, dass sich mindestens ein Ehepartner aus der häuslichen Gemeinschaft verabschiedet hat.

Das Getrenntleben wird übrigens nicht unterbrochen, wenn die Eheleute einen oder mehrere kurzfristige Versöhnungsversuche unternehmen.

Worüber muss man sich einig sein?

Für eine einvernehmliche Scheidung müssen folgende Punkte erfüllt sein:

• Das Trennungsjahr wurde eingehalten;
• der Versorungsausgleich (die Aufteilung der Rentenansprüche) wurde durchgeführt;
• es besteht Einigkeit über den Ehegattenunterhalt (ob und wie hoch er ausfällt). Es kann aber auch sein, dass beide Partner wechselseitig auf Unterhalt verzichten;
• der Zugewinnausgleich wurde durchgeführt (darin wird das während der Ehe erworbene Vermögen aufgeteilt);
• bei gemeinsamen Kindern muss das Sorgerecht (gemeinsam oder nicht), das Umgangsrecht (wie oft darf ein Elternteil die Kinder sehen) und die Höhe des Kindsunterhalt vorher geregelt sein;
• es ist geregelt, wer nach der Scheidung in der Ehewohnung bleibt; und
• die Eheleute haben sich über die Aufteilung des Hausrats (vom Auto bis zur Waschmaschine) verständigt.

Liegen dem Gericht alle erforderlichen Erklärungen vor, kann es von einer einvernehmlichen Scheidung ausgehen und die Ehe als beendet erklären. Sind sich die Parteien in einem der Punkte nicht einig, spricht man nicht von einer einvernehmlichen, sondern eine streitigen Scheidung. Hierbei müssen zwar auch alle vorher angeführten Punkte geklärt werden, doch nach einer Trennungszeit von drei Jahren kann diese Ehe dann auch ohne die Zustimmung des anderen geschieden werden, wenn einer der Ehegatten dies wünscht.

Genügt ein gemeinsamer Anwalt?

Viele Paare wollen sich den Anwalt aus Kostengründen sparen. Doch bei Scheidungen gilt grundsätzlich Anwaltszwang. Denn der Scheidungsantrag kann nur von einem Anwalt eingebracht werden. Dabei beauftragt derjenige, der die Scheidung will (Antragsteller/in), auch den Anwalt. Beim Scheidungstermin muss der andere Ehegatte dann nur noch zuzustimmen. Dafür braucht er keinen eigenen Anwalt. Denn in diesem Fall liegt eine einvernehmliche Scheidung vor, bei der der Gesetzgeber eine Ausnahme vom Anwaltszwang macht.

Aber

: Ein Anwalt ist parteiisch. Jeder Anwalt - auch ein gemeinsamer - vertritt vor Gericht nur die Interessen des Ehegatten, der ihn beauftragt hat. Gibt es Unstimmigkeiten, wird er nur auf die Interessen seines Mandanten vertreten und dementsprechend handeln. "Deshalb kann man korrekterweise auch nicht davon sprechen, dass sich ein Paar einen Anwalt teilt", sagt Rechtsanwalt Michael Schröder. "Eine Partei verzichtet einfach auf die eigene anwaltliche Unterstütztung." Ob ein eigener Berater und Prozessvertreter nicht doch besser ist, müssen die Ehegatten also selbst entscheiden.

"Das Einzige, was ein Anwalt machen kann, ist vorher, also als Unparteiischer, eine Beratung durchführen", erläutert Schröder. Da könne er dann alles rund um das Scheidungsverfahren erläutern und den Eheleute neutral erklären, was die Scheidung für beide bedeutet. Nach der Beratung könne aber nur für einen der Eheleute ein Mandat übernehmen.

Werden vor Gericht - zusätzlich zur Scheidung - besondere Anträge gestellt, etwa um den Unterhalt, Zugewinnausgleich, Versorgungsausgleich, den Verbleib der Ehewohnung oder des Hausrats zu klären, ist auch für den anderen Partner ein eigener Anwalt nötig.

Wie lange dauert eine Scheidung?

"Jede Ehe ist unterschiedlich und auch die Probleme in der Ehe sind unterschiedlich. Deshalb ist ein genauer Richtwert schwer zu nennen", so Schröder. Dabei hängt es natürlich auch davon ab, welche Streitpunkte das Gericht klären soll. Allein die Regelung des Versorgungsausgleichs dauert bis zu einem halben Jahr.

Eine Scheidung dauert normalerweise zwischen acht und zwölf Monate, Abweichungen nach oben oder unten sind aber immer möglich. Länger dauert es immer dann, wenn ein Ehegatte sich beim Ausfüllen der Unterlagen besonders viel Zeit lässt. Aber auch die Auslastung der Familiengerichte spielt eine Rolle: Ein überlaufenes Familiengericht in einer Großstadt hat weniger Termine frei als eines in einer Kleinstadt.

Meist bemühen sich die beiden Eheparteien aber schon während des obligatorischen Trennungsjahres um eine Klärung der strittigen Punkte, sodass die Scheidung bereits am Ende des ersten Jahres ausgesprochen werden kann.

Findet die Scheidung nicht einvernehmlich statt, und muss jeder Punkt einzeln geklärt werden, kann eine Scheidung im schlimmsten Fall Jahre dauern.

Wie teuer kann das werden?

Bei einer Scheidung müssen Gerichtsgebühren und Anwaltsgebühren gezahlt werden.

Dabei richten sich die Gerichtsgebühren nach den Einkommensverhältnissen der Eheleute. Bei den Anwaltsgebühren gibt es Mindestgebühren, die nicht unterschritten werden dürfen. Höhere Gebühren sind hingegen immer möglich. Viele Anwälte bieten ein kostenloses Erstgespräch an. Falls man sich nicht sicher ist, ob der gewünschte Anwalt so ein kostenlos Beratungsgespräch anbietet, sollte man sich unbedingt telefonisch erkundigen. Immerhin wird diese Person sie beratend durch eine schwierige Zeit begleiten.

Kann eine Scheidung auch verweigert werden?

Es gibt tatsächlich einen Grund, warum das Gericht eine Scheidung nicht aussprechen wird: den drohenden Tod. "Wenn ein Partner Aids, multiple Sklerose oder Krebs im Endstadium hat und sein Ehegatte aufgrund des Drucks die Scheidung will, dann hat er keine Chance", sagt Michael Schröder. Das Gericht sehe darin sonst eine unzumutbare Härte für den Erkrankten. Dem scheidungswilligen Ehegatten bliebe dann nur noch die Trennung.

Der Ablauf auf einen Blick

Ein beispielhafter Ablauf einer Scheidung könnte also so aussehen:

• Ein Ehegatte will die Scheidung, geht zum Anwalt, lässt sich beraten und macht ihn zum Prozessbevollmächtigten.

• Wenn es auch um die Klärung des Unterhalts geht oder wenn Kinder von einer Scheidung betroffen sind, sollte auch der andere Ehegatte einen Anwalt einschalten.

• Der Anwalt informiert darüber, welche Unterlagen benötigt werden - angefangen vom Familienstammbuch bis zu einer Aufstellung von Vermögenswerten und Einkommen. Bei einer einvernehmlichen Scheidung bringen die Ehegatten die benötigten Unterlagen meist gemeinsam bei.

• Findet die Scheidung nicht im Einvernehmen statt, fordert der Anwalt des Antragstellers die benötigten Unterlagen im Auftrag seines Mandanten vom anderen Ehegatten. Dabei geht es meist um den Zugewinn- und Versorgungsausgleich.

• Der Anwalt regelt dabei den gesamten Schriftverkehr mit dem gegnerischen Anwalt und dem Gericht.

• Normalerweise findet der Kontakt zum Anwalt telefonisch oder schriftlich statt. Die Beteiligten müssen bis zum Scheidungstermin nur selten persönlich erscheinen.

• Erst wenn das Trennungsjahr verstrichen ist - oder zumindest zum Großteil - kann der Scheidungsantrag eingebraucht werden.

• Sind alle Fragen und Unterlagen zu den Punkten Unterhalt, Zugewinnausgleich, Versorgungsausgleich, Sorgerecht, eheliche Wohnung und Hausrat geklärt, geht es vor den Richter und die Scheidung wird ausgesprochen.

Die Scheidungsverhandlung selbst

Nachdem das Ehepaar mit seinen Anwälten alle Formalitäten erledigt und alle Voraussetzungen erfüllt hat, kommt es zur Scheidungsverhandlung. Diese ist allerdings nicht öffentlich, erst beim Scheidungsausspruch dürfen "Gäste" der Beteiligten dabei sein.

Meistens läuft die Verhandlung folgendermaßen ab:
• Zunächst muss der Antragsteller noch einmal bekräftigen, dass er die Ehe unter gar keinen Umständen fortsetzen möchte und tatsächlich die Scheidung will. Anschließend muss er die Angaben über das Getrenntleben in den Unterlagen bestätigen.
• Nun wird der bisherige Ehepartner vom Richter zu seinen Scheidungsabsichten befragt.
• Danach wird festgestellt, ob ein eventueller Unterhalt richtig berechnet wurde,
• wie das Sorgerecht für gemeinsame Kinder geregelt wird,
• wie das Besuchsrecht (auch Umgangsrecht) zu regeln ist, und
• schließlich, ob und in welcher Höhe ein Versorgungsausgleich zwischen den Eheleuten vorzunehmen ist.
• Eventuell wird ein Vermögensausgleich und dessen Höhe vereinbart.

Im einfachsten Fall, also ohne gemeinsame Kinder, ohne Vermögen und bei kurzer Ehedauer, kann die Verhandlung schon in zehn Minuten vorbei sein. Dann kann der Richter - diesmal öffentlich - verkünden, dass die am Datum XX vor dem Standesamt in YZ-Stadt gegeschlossene Ehe geschieden wird.

Wichtig

: Zum Scheidungstermin müssen sich die Eheleute mit Personalausweis oder Pass ausweisen. Außerdem muss das Familienstammbuch vorgelegt werden.