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Staats-Heuschrecken: Vom Saulus zum Paulus

Die amerikanische Immobilienkrise hat neben den Verwerfungen auf den Finanzmärkten einen weiteren Nebeneffekt. Staats-Heuschrecken aus Asien und dem Nahen Osten werden zu kleinen Rettern des globalen Finanzsystems und gewinnen massiv an Einfluss.

Bei der Schweizer Großbank UBS herrscht mehr als nur Katerstimmung. Mark Ospel, Chef des Verwaltungsrates der Schweizer Großbank, bringt es in einem Interview auf den Punkt: "Wir sind erschüttert, ich persönlich schäme mich, dass wir so etwas produziert haben."

Am Montag hatte das Unternehmen bekannt gegeben, aufgrund der Immobilienkrise in den USA nochmals zehn Milliarden Dollar abzuschreiben. Für das laufende Geschäftsjahr werden rote Zahlen nicht mehr ausgeschlossen. Es wäre der erste Verlust in der Geschichte der Bank. Die Hypothekenkrise hat damit endgültig den europäischen Bankensektor erreicht.

Viel interessanter als das Eingeständnis der Bank, sich im sogenannten Subprime-Markt (einem Handelsplatz für Kredite mit niedriger Bonität) verspekuliert zu haben, sind jedoch die neuen Investoren, die die Krise zu einem Einstieg nutzen. Der größten Schweizer Bank ist es gelungen, einen Staatsfonds aus Singapur und einen Investor aus dem Nahen Osten an Bord zu holen. Beide zusammen investieren etwa 7,8 Milliarden Euro in die Bank. Und die UBS ist kein Einzelfall: Westliche Kreditinstitute haben in diesem Jahr bislang 46 Milliarden Dollar an Finanzspritzen aus Asien und dem Nahen Osten erhalten. China kaufte sich zum Beispiel bei der Investmentfirma Blackstone ein.

Mächtiger als Hedgefonds

War da nicht was? Seit Monaten wird in Deutschland über die Macht der Staatsfonds - von Regierungen kontrollierte Investmentfirmen - diskutiert. Sie sind mittlerweile in ihrer Finanzkraft deutlich mächtiger als die auch Heuschrecken genannten Hedgefonds. Allein die zehn Größten der Welt kontrollieren ein Vermögen von 2,7 Billionen Dollar, wie die Deutsche Bank errechnet hat. Und das Geld will lukrativ angelegt werden.

In der Politik befürchtet, dass es nicht nur um hohe Renditen geht, sondern dass die Beteiligung an großen Unternehmen auch zu politischen und strategischen Zwecken missbraucht werden könnte. Aber müssen wir uns wirklich vor den Staats-Heuschrecken fürchten? "Es gibt derzeit keine erkennbaren Anzeichen, dass sich diese Angst bewahrheiten könnte", sagt Michael Schröder, Leiter des Forschungsbereichs "Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement" am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim.

Die Aversion der Politik gegen solche Finanzvehikel ist für Schröder leicht erklärbar: Sie sei "manchmal nur wahltaktisch begründet und hat nicht unbedingt eine ökonomische Fundierung", sagt er. "Da wird ein Schreckgespenst aufgebaut, das es so bislang nicht gibt."

CDU will heimische Wirtschaft schützen

Die CDU hat auf ihrem Parteitag Anfang Dezember trotzdem beschlossen, die deutsche Wirtschaft besser abzuschirmen. Zum Schutz der "öffentlichen Sicherheit" oder der "strategischen Infrastruktur" soll die Bundesregierung ausländische Unternehmensbeteiligungen von mehr als 25 Prozent verbieten können, entschieden die Delegierten. Um welche Branchen es geht, soll gemeinsam mit der Wirtschaft erarbeitet werden. Die EU kritisierte das Vorgehen und wandte sich gegen "Barrieren für Investitionen".

Finanz-Experte Schröder hält allenfalls im Militärsektor und in der Energiebranche einen gewissen Schutz für nachvollziehbar. "Die negativen Folgen bei einem Missbrauch wären hier einfach zu hoch", sagte er.

In der derzeitigen Lage kommt das Engagement der Staatsfonds den Banken in Europa und Amerika gerade recht. Untereinander leihen sie sich kaum noch Geld - zu unsicher sind die weitere Entwicklung der Hypothekenkrise und die möglichen Folgen für die eigene Bilanz. "Viele Banken, die aufgrund der Immobilienkrise in eine Schieflage geraten sind, können froh sein, Geld aus Asien zu bekommen", sagt Schröder.

Sie sorgen mit ihrem Einstieg sogar für eine kleine Stabilisierung des angeschlagenen weltweiten Finanzsystems. Und was für die neuen Aktionäre am wichtigsten ist: Trotz der Krise sind die Banken im Kern hochprofitabel. Allein die UBS hat im vergangenen Jahr mehr als zwölf Milliarden Franken verdient. "Wir haben diese erhebliche Investition getätigt, weil wir zuversichtlich für das langfristige Wachstumspotenzial der Bank vor allem beim Vermögensmanagement sind", heißt es dazu auch aus Singapur. All das deutet auf ein reines Finanzinvestment hin und lässt kaum Raum für anderweitige Spekulationen.

ZEW-Experte Schröder warnt die Politik deshalb vor voreiligen Protektionismus: "Die schlechteste Entscheidung wäre es, sich aus Angst abzuschotten". Die Regierung sei vielmehr gefragt, "aufzuklären und den Bürgern die Angst zu nehmen".

von Marcus Gatzke