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TOURISMUS: Nach Djerba hofft Reisebranche auf kalkulierbare Folgen

Nach dem vermutlichen Anschlag auf die Synagoge in Djerba geht in der Tourismusbranche erneut die Angst um, dass das Milliardengeschäft darunter leidet.

Der Chef des weltgrößten Reiseriesen Preussag (Hannover), Michael Frenzel, wird sich in den nächsten Tagen die Buchungszahlen seiner wichtigsten Konzerntochter TUI ganz genau anschauen. Denn nach dem mutmaßlichen Anschlag auf die jüdische Synagoge auf der tunesischen Urlaubsinsel Djerba mit 15 getöteten Menschen - darunter zehn deutsche Urlauber - geht bei der TUI und in der deutschen Tourismusbranche erneut die Sorge um, dass die Explosion aufs Milliardengeschäft mit dem Urlaub drückt. Bislang zeigen sich die Branche und Experten aber zuversichtlich, dass die Folgen überschaubar bleiben.

Branche war in tiefer Krise

Der mutmaßliche Anschlag auf Djerba trifft die Branche auf dem Weg heraus aus ihrer bislang schwärzesten Zeit. Die Terroranschläge in den USA vom 11. September hatten weltweit zu einer tiefen Krise geführt. Buchungszahlen brachen ein, weltweit verloren hunderttausende Menschen ihre Arbeit. Die großen deutschen Reisekonzerne starteten millionenschwere Sparprogramme und brachten die Buchungszahlen mit teils starken Preisabschlägen nur mühsam wieder nach oben. Deutschland bekam gerade wieder Reiselust.

Derzeit kaum Absagen

Bei den großen deutschen Pauschalreiseveranstaltern TUI (Hannover), Thomas Cook (Oberursel) und Rewe (Köln) - sie brachten zusammen im vergangenen Jahr rund 750.000 Urlauber aus Deutschland nach Tunesien - gab es zunächst nur vereinzelt Stornierungen. »Wir rechnen nicht damit, dass es übermäßig viel Aufregung geben wird«, sagte TUI-Sprecherin Julia zur Weihen. Die TUI-Flugzeuge starten am Montag mit rund 1.200 Urlaubern planmäßig Richtung Djerba. Absagen von Urlaubern habe es so gut wie keine gegeben.

Höchstens die Region wird leiden

Der deutsche Reisebüro- und Reiseveranstalterverband (DRV) erwartet in den nächsten Tagen keine Stornierungswelle. »Die ist komplett ausgeblieben. Im Moment ist da nichts gravierendes erkennbar«, sagte Präsident Klaus Laepple. Ohne Frage wird der mutmaßliche Anschlag Folgen für den Tourismus haben, aber nur für die Insel Djerba, Tunesien oder schlimmstenfalls für die Nachbarländer. »Der Tourismus insgesamt wird nicht leiden«, sagte er. Das weiß man aus vergangenen Jahren etwa nach den Terroranschlägen in Ägypten.

Reiselust bleibt bestehen

Professor Martin Lohmann von der Kieler Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) glaubt nicht, dass der vermutliche Terrorakt »den allgemeinen Tourismus beeindruckt. Die großen Linien ändern sich nicht.« Die Ereignisse bleiben für Reisen nach Mallorca, auf die ostfriesischen Inseln oder nach Österreich ohne Folgen.

Mehr Hoffnung als Sorge

Auch der Bankenanalyst Michael Riedel von der Bankgesellschaft Berlin rechnet nicht mit schwer wiegenden Folgen für das Geschäft der TUI und der Konzernmutter Preussag. »Wenn sich die Kunden jetzt bei Tunesien zurückhalten, werden sie Spanien oder Italien buchen. Und dort ist insbesondere die TUI stark aufgestellt«, meinte er. Zudem ist der Anteil von Tunesien am 4,6 Milliarden Euro-Umsatz (2000/2001) der TUI bei weniger als vier Prozent. Und auch bei Thomas Cook ist er nur unwesentlich höher.

Keine 100 %-ige Sicherheit

In drei bis vier Wochen sind die Bilder bei den Menschen aus dem Sinn, meinte der Geschäftsführer des Europäischen Tourismus-Institutes in Trier, Martin Fontanari. Mittelfristige Folgen dürfte das Ereignis auf den Tourismus nicht haben. Zudem erwartet auch niemand, der in arabischen Ländern Urlaub macht, 100-prozentige Sicherheit. »So naiv ist keiner und außerdem ist für viele bestimmt auch ein bisschen Nervenkitzel dabei.«

Hartwig von Saß