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Wer steckt hinter: ... dem Bundesamt für offene Vermögensfragen?

Amtsleiter Horst-Dieter Kittke klärt die Ansprüche der Erben von Juden, die im Nationalsozialismus enteignet wurden.

Von Elke Schulze

Vor drei Jahren wurde die letzte Baulücke am Potsdamer Platz in Berlin geschlossen, das Beisheim-Center eröffnet. Aber bereits da tobte der erbitterte Kampf, wem das Grundstück nun gehöre, auf dem der Metro-Gründer Otto Beisheim das Ritz-Carlton-Hotel, Büros und Luxusapartments errichten ließ. Für 145 Millionen Euro hatte ihm der Karstadt-Quelle-Konzern das Areal wenige Jahre zuvor verkauft. Einst gehörte es dem jüdischen Kaufhausbesitzer Georg Wertheim. Der aber wurde von den Nazis enteignet. Zu DDR-Zeiten lag es brach im Niemandsland. Nach der Wende verschenkte es der Berliner Senat an den Hertie-Konzern, mit der Auflage, dort den neuen Firmensitz zu bauen. Hertie wurde von Karstadt übernommen, vom Firmensitz war keine Rede mehr, das Grundstück ging an Beisheim.

Die 145 Millionen Euro Kaufpreis forderten die Wertheim-Erben als Ausgleich. "Zu Recht", entschied Horst-Dieter Kittke, Präsident des Bundesamts für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen. Er ist Deutschlands oberste Instanz, wenn es um die Rückgabe enteigneten jüdischen Grundbesitzes geht. Mit seinen 1600 Mitarbeitern kämpft Kittke dafür, dass ehemalige Grundbesitzer in Ostdeutschland entschädigt werden für das, was ihnen während des Naziregimes genommen wurde. Im Westen passierte das bereits nach Kriegsende. Der Amtsleiter agiert abseits vom Berliner Rummel im trostlosen Ost-Bezirk Weißensee. Dort, wo die Mieten günstig sind: "Schließlich arbeiten wir mit Steuergeldern", erklärt der Mann mit der barocken Figur die wenig repräsentative Lage seiner Behörde. Der Wertheim-Fall gilt als einer der spektakulärsten der insgesamt 2,3 Millionen Anträge. Für Kittke ist er nun abgeschlossen, für Karstadt nicht. Der Konzern verweigert jegliche Zahlung und klagt.

Spätestens in 15 Jahren aber soll dieser Teil der deutschen Geschichte bewältigt sein. Paradox dabei: Je effizienter Kittkes Behörde arbeitet, desto schneller hat sie nichts mehr zu tun. Wohl auch deshalb wurde sie bereits um den Komplex "zentrale Dienste" erweitert. Künftig werden dort auch noch die Abrechnungen von Dienstreisen fürs Auswärtige Amt und Berechnungen fürs Kindergeld bearbeitet. Der 62-jährige dreifache Familienvater Kittke ist ein routinierter und bewährter Fachmann für Aufgaben dieser Art. Während der deutschen Teilung etwa war der West-Berliner im Ministerium für innerdeutsche Beziehungen mit Ausreiseanträgen von DDR-Rentnern befasst.

Nun haben er und seine Mitarbeiter noch rund 160 000 komplizierte Fälle von Rückübertragung zu lösen. Dafür müssen meterweise verblichene Akten studiert werden. Um die alten Nazidokumente überhaupt lesen zu können, lernten viele von Kittkes Kollegen die alte deutsche Sütterlinschrift wieder. Seitenlang wird in den Unterlagen geraubtes Eigentum Stück für Stück aufgeführt. Kittke weiß: Hinter jedem Tischtuch, jedem Dessertlöffel und jedem alten Stich verbirgt sich ein persönliches Schicksal. Häufig sind keine Erben mehr auszumachen. Dann tritt an die Stelle der jüdischen Eigentümer die Jewish Claims Conference. "Wir gehen davon aus, dass fast alle Verkäufe nach 1933 nicht mehr freiwillig geschehen sind", sagt Kittke.

Kürzlich musste der Chef des Bundesamtes gar die Rückübertragung eines ganzen Dorfes prüfen: Der jüdische Großgrundbesitzer Sabersky hatte sein Eigentum einst parzellenweise verkauft - zum Teil nicht freiwillig. Der Erwerb jedes der mehr als 1000 inzwischen bebauten Grundstücke wurde zurückverfolgt: Ein Teil der Verkäufe war legal, andere Eigentümer müssen nun an die Erbengemeinschaft "Sabersky" zahlen. Besonders bedrückend für Kittke war, als sich vor 15 Jahren ein Eigentümer umgebracht hat, aus Angst, sein Grundstück zurückgeben zu müssen. "Der Fall war noch nicht mal entschieden", sagt er.

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