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Mode für 49 Euro monatlich: Die Klamotten-Flatrate - wie funktioniert das?

Zwei Gründerinnen bieten aktuelle Mode zum Flatrate-Preis. Regelmäßig bekommen die Kunden ein Paket mit den neuesten Fashion-Trends. Die Idee: teilen, sparen und die Welt verbessern.

Von Rolf-Herbert Peters

Kühe. Rapsfelder. Schieferhäuser. Das ist Leichlingen im Bergischen Land. In einer weiß getünchten Fabrikhalle, wo Opa Blasberg früher Besteck fertigte, stehen Nina Blasberg und Nicole Stein vor einem Packtisch. Sie füllen Boxen, die wie Pizzakartons aussehen, mit schönen Teilen, nach denen Frauen verrückt sind: Kleider, Hosen, Blusen, Ketten, Schals. Alles der letzte Schrei. Alles wie aus dem Laden. Die beiden Unternehmerinnen, 27 und 23 Jahre alt, haben nach Deutschland gebracht, was anderswo schon ein Hit ist: die Fashion-Flatrate. "All you can wear" für 49 Euro im Monat. "Der unendliche Kleiderschrank: Das ist doch wohl der Traum jeder Frau!", sagt Nicole Stein, die einen geblümten Bolero und eine Jeans trägt. Aus dem eigenen Sortiment, versteht sich.

Stöbern, liken, liefern lassen

"Myonbelle" haben die Gründerinnen ihren Internetladen getauft. Wer sich dort anmeldet, kann unter 14.500 Kleidungsstücken seine Lieblinge herauspicken und sie liken. Die Mode-Expertinnen stellen daraus eine Lieferung zusammen, zwei Teile plus zwei Accessoires, und schicken sie ohne zusätzliche Kosten raus. Man kann Stücke aber auch gezielt ordern, etwa ein Abendkleid. Jede Kundin darf die Ware, jedoch immer nur die einer Box, so lange benutzen, wie sie möchte. Oder sie erwerben, stark reduziert unter Ladenpreis. Sobald sie die Box zurückgeschickt hat, geht die nächste Lieferung raus.

Alles ist genau durchkalkuliert. Blasberg hat Betriebswirtschaft in Köln und Paris studiert, Stein an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Sie trafen sich 2012 auf einer Gründerkonferenz. Gemeinsam tüftelten sie den Businessplan aus und warben Geld in der Familie und in der Investmentabteilung der ProSiebenSat.1 Media AG ein. Die hält fünf Prozent an ihrer Firma. Der Name Myonbelle steht für ein gehauchtes "On est belle", "Man ist schön". Stein sagt: "Das klingt so toll nach Paris."

3000 Pakete im Monat

Mit rund 100.000 Euro Startkapital gingen die Frauen vor knapp einem Jahr online. Da saßen sie vor ihren Laptops und zitterten, was wohl geschehen würde. "Wir wussten ja nicht, ob keine Kundin kommt oder gleich Tausende", sagt Nicole Stein. Weil die RTL2-Nachrichten über sie berichteten, waren es auf einen Schlag 200. Inzwischen hat Myonbelle rund 800 zahlende und mehrere Tausend registrierte Fans – man kann die Flatrate jederzeit aussetzen. Bei über einer halben Million Euro Umsatz wirtschafteten sie sogar profitabel, behaupten die Geschäftsführerinnen, "weil wir die Kosten sehr niedrig halten und uns keine Spitzenlöhne auszahlen". Neben einem Schulfreund, der das Marketing managt, besorgen Aushilfen den Versand der monatlich rund 3000 Pakete.

Netflix für Mode

Ihre Geschäftsidee haben sie beim US-Erfolg Le Tote abgeguckt. Das 2012 gegründete Start-up ist eine Art Netflix für Mode. Der Umsatz wuchs nach Firmenangaben im vergangenen Jahr um 600 Prozent. Inzwischen sind große Wagniskapitalgeber wie Google Ventures oder Azure Capital Partners eingestiegen und finanzieren die rasante Expansion. Ein American Dream, den auch die Myonbelle-Frauen träumen. Sie wollen als Nächstes in die Schweiz und nach Österreich. Dafür brauchen sie frisches Geld, immer wieder sprechen sie mit Investoren. An diesem Nachmittag werden sie mit potenziellen Geldgebern in Opas Fabrikhalle verhandeln. "Am liebsten wäre uns natürlich jemand wie Zalando oder Otto", sagt Nicole Stein.

Markenmode für die Zielgruppe

Wenn sie nicht um Kapital werben, reisen Blasberg und Stein zu Modemessen und in die Shops der Metropolen, etwa ins nahe Düsseldorf, um angesagte Produkte für ihre Hauptzielgruppe einzukaufen, die 18- bis 35-Jährigen. Im Programm sind Marken wie French Connection, Fever London, Little Mistress. Kein Stück darf mehr als 150 Euro kosten, sonst rechnet es sich nicht. Es darf aber auch kein Ramsch sein, weil es nach Rückgabe professionell gereinigt wird und dann wieder wie neu aussehen muss. Etwa dreimal lässt sich ein Teil verschicken. Danach verhökert Myonbelle es auf Online-Flohmärkten oder spendet es an Hilfsorganisationen.

Teilen ist das neue Haben

Noch ist offen, ob der Shop so reüssiert wie Le Tote. Marktforscher aber wollen auch in Europa eine Neigung zum Flatratekonsum ausgemacht haben. Zum einen sind solche Modelle im Trend, weil sie das Gefühl individueller Freiheit vorgaukeln: Vom Smartphone übers Kosmetikstudio bis zum Wohnen boomt der Pauschalpreis. Zum anderen gibt es nicht nur beim Auto den Trend zur "Shared Economy". Nina Blasberg hofft: "Mode teilen, nicht besitzen – das ist die Zukunft."