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Mode aus Müll: "Wir verkaufen Stuff mit Story"

In seinem Laden gebe es nur "geile Scheiße", sagt Eric Pieper. Er verkauft Upcycling-Produkte, wie Gürtel aus alten Reifen oder Uhren aus Vinyl. In Berlin erlebt Abfall eine Renaissance.

Von Katharina Grimm

Kein Kind kommt an ihm vorbei. Wie ein Magnet zieht es die Kleinen von Muttis Hand zum Eingang des Geschäfts. Dort steht ein kniehoher Elefant, aus Plastik in Regenbogenfarben. "Ich würde mich nicht draufsetzen, dann rennt der nämlich los wie ein Blitz", sagt Eric Pieper zwinkernd zu zwei kleinen Mädchen, die - ungerührt von den Einwänden der Mutter - versuchen auf das Tier zu klettern. "Aber ihr könnt ihn streicheln", sagt Pieper. Dass die Mädels gerade ausrangierte Badelatschen tätscheln, wissen sie nicht.

Der Elefant stammt aus Kenia und besteht aus alten Flip-Flops, die an den Stränden Afrikas angeschwemmt werden. Die gemeinnützige Organisation "Ocean Sole" sammelt sie ein, reinigt den Kunststoff und fertigt aus dem Material kleine Tiere: Nashörner, Zebras, Giraffen und Elefanten. Niedlich – und nachhaltig. Das perfekte Produkt für "Upcycling Deluxe", einem Laden für Mode aus Müll.

Recycling ist out

Wiederverwertbar war gestern, Upcycling ist die Zukunft. Statt Müll nur simpel zu recyceln, geht es beim Upcycling um eine Aufwertung: Aus Ramsch entstehen Raritäten, Schrott wird zum Schatz. "Die Menschen wünschen sich Einzigartigkeit, Produkte mit Ecken und Kanten", sagt Pieper. Gemeinsam mit seinem Mitgründer Stanislaus Teichmann hat er vor mehr als einem Jahr den Upcycling-Laden im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg eröffnet, danach folgte der Online-Shop - jetzt wollen sie zu Europas Vorzeigeadresse beim Upcycling werden.

Nachhaltigkeit allein funktioniert nicht mehr

Eric Pieper sitzt auf dem Gehweg vor seinem Geschäft auf einem ausrangierten Blechkanister, in dem früher einmal Olivenöl abgefüllt war. Hinter ihm baumeln Handtaschen aus Straßenschildern und Hüte aus Kaffeesäcken. "Die Hüte trage ich selbst gerne. Auch die Gürtel aus alten Fahrradreifen finde ich toll", sagt Pieper. Die Produkte, die in dem Geschäfte liegen und hängen, kommen aus der ganzen Welt: Familienunternehmen, Organisationen, Einzelkämpfer und Kreativunternehmen beliefern das Geschäft mit ausgefallener Ware. So stammen die Hüte aus Polen, die Gürtel kommen von einem Berliner Unternehmen.

Längst ist Upcycling ein globales Geschäft geworden. "Die Leute vor Ort haben einen geringen Materialaufwand, schaffen aber qualitativ sehr hochwertige Produkte. Darum geht es: Niemand kauft noch Sachen, nur weil sie nachhaltig sind. Sie müssen stylisch sein und das gewisse Extra haben. Wir verkaufen Stuff mit Story", sagt Pieper.

Kaum Startkapital

Als Pieper und Teichmann anfingen, hatten sie zunächst nur eine Idee: "Wir wollten keine Copy-and-Paste-Geschäftsidee, die es irgendwie schon tausend Mal gibt, sondern etwas Nachhaltiges machen", sagt Pieper. Teichmann hat Internationales Management studiert, Pieper bezeichnet sich selbst als Lebenskünstler, hat schon Handwerksjobs übernommen und in der Gastronomie gejobbt. Nach etwas Recherche fanden sie im Internet Upcycling-Stores – allerdings in den USA. In Deutschland war der Trend noch unbekannt. "Wir haben gerochen, dass da eine Bewegung entstehen könnte", sagt Pieper.

Ihr Startkapital war spärlich: "Wir hatten am Anfang echt nichts. Um etwas flüssig zu sein, haben wir einen alten Bausparvertrag aufgelöst. Dann hatten wir so 5000 Euro und einen schrotten Bus." Aber es reichte, um die ersten Produkte zu kaufen und sie auf einem kleinen Stand auf einem Berliner Flohmarkt anzubieten. "Rund 2,5 Meter hatten wir und haben am ersten Tag mal eben 600 Euro Umsatz gerissen", sagt Pieper. "Wir haben uns gefühlt wie Könige." Dann kamen sie jeden Sonntag wieder, eroberten auch Weihnachtsmärkte in ganz Deutschland. Die Produktpalette wuchs, die Ketten aus alten Reifen, die handgefertigten Taschen aus Zementsäcken und die Geldbeutel aus alten Saftpäckchen wurden ihnen aus den Händen gerissen. Im April 2013 eröffneten sie den Shop in der Kastanienallee im Stadtteil Prenzlauer Berg.

Kunden aus aller Welt

"Die Leute kommen hier rein und denen fällt die Kinnlade runter", sagt Pieper. Gerade sind zwei Mädchen aus Frankreich ins Geschäft gekommen. Er begrüßt sie auf Französisch und erklärt ihnen das Konzept. Weiter hinten im Laden sucht ein Angestellter mit eine Gruppe junger US-Amerikaner Souvenirs aus. Sein Geschäft profitiert von der Lage. "Diese Straße ist Touri-technisch ein Geschenk, die steht in jedem Reiseführer. Deshalb haben wir auch Kunden aus der ganzen Welt", sagt Pieper. Inzwischen haben die beiden Shop-Betreiber neun Mitarbeiter, in den Wintermonaten kommen noch einige Aushilfen dazu, um beim Weihnachtsgeschäft zu helfen.

Marketing, Personal, Finanzierung - der Upcycling-Deluxe-Geschäft ist ein Unternehmen. "Wir sind kein Weltverbessererladen", sagt Pieper. "Das ist Business." Um auch in Europa zu wachsen, brauchen die Upcycling-Unternehmer nun Kapital. „Das Geschäft floriert, aber wir verdienen unglaublich mies. Jeder Euro fließt in den Laden“, sagt Pieper. Bei einer Bank haben sie es schon probiert, allerdings „haben wir auf Bank keinen Bock, die sind super abschreckend“, sagt Pieper. Dort würden unsinnige Fragen gestellt zum Businessplan oder zu Werbeaktionen. "Reklame? Wir haben gerade die halbe Stadt mit unseren Flyer zugetackert, war meine Antwort", sagt Pieper. Finanzierungswillige will er auf einer Start-up-Messe im Herbst in Berlin finden. Seine Visitenkarten, die er dort verteilen wird, werden in Erinnerung bleiben, denn natürlich sind sie aus Upcycling-Material: Elefantendung.