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Projekt gegen Agrarindustrie: Die Welt auf einem Acker

Auf einem Feld bei Berlin hat Luise Körner ein Abbild der weltweiten Landwirtschaftsfläche geschaffen. Damit will sie auf Verschwendung aufmerksam machen - und auf die Gier der westlichen Länder.

Von Katharina Grimm

Luise Körner hat das Projekt "2000m²" mit ins Leben gerufen. Jetzt, wo der Garten angelegt ist, führt sie Schulklassen und Interessierte auf Trampelpfaden über das Grundstück.

Luise Körner hat das Projekt "2000m²" mit ins Leben gerufen. Jetzt, wo der Garten angelegt ist, führt sie Schulklassen und Interessierte auf Trampelpfaden über das Grundstück.

Eigentlich soll hier Weizen wachsen, doch zwischen den blonden Ähren schlängeln sich grüne Bohnen, Gräser und Blumen. "Der Garten ist total unordentlich", sagt Luise Körner leicht verschämt und biegt einen langen Halm zur Seite. Wie ein unaufgeräumtes Zimmer, wenn Besuch kommt. "Aber sogar das Beikraut ist in diesem Jahr gut gekommen", erklärt sie. Hier, unter der glutheißen Sonne am westlichen Havelufer bei Berlin, beackert die gerade 31-Jährige mit anderen Helfern einen nahezu exakt 2000 Quadratmeter großen Garten. Hier sprießt, anders als in deutschen Kleingärten, vor allem Soja, Mais und Getreidesorten. Denn die Fläche ist ein Experiment – und ein Abbild der Welt gleichermaßen.

Die Idee hinter dem Projekt: Es gibt 1,4 Milliarden Hektar Ackerfläche auf der Welt und über sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten. Teilt man das globale Anbauareal durch die Weltbevölkerung, dann kommt man auf 2000 Quadratmeter – dies ist die Fläche, die jedem Erdenbewohner zusteht, um ihn mit Nahrung zu versorgen. Um das sichtbar zu machen, haben die Initiatoren um Luise Körner ein 2000 Quadratmeter großes Grundstück so bepflanzt, wie es der weltweiten Ackerfläche entspricht: Ein Großteil des Ertrags landet gar nicht auf dem Teller. Ölpflanzen liefern den Grundstoff für Sprit, Getreide wird an Vieh verfüttert und aus sogenannter Biomasse wird Energie gewonnen. "Europäer kommen mit diesem Stück Land hinten und vorne nicht aus", sagt Körner.

Getreideberge und ein Gummibaum

Nahrungsmittelspekulationen, Landraub und Verschwendung von Lebensmitteln: Der gedeckte Tisch der Welt ist ein knallhartes Geschäft. Um darauf aufmerksam zu machen, haben Körner und ihre Mitstreiter den Garten angelegt. Dafür haben sie auch die Statistik zu unserem Lebensmittelkonsum bemüht. Und die sieht finster aus: Eine Tonne Lebensmittel verbrauchen wir Europäer pro Jahr, das wären rund 3500 Kalorien pro Tag – natürlich viel zu viel. Daher schmeißen wir viele Nahrungsmittel weg. Aber nicht nur der verschwenderische Umgang mit schon eingekauften Lebensmitteln ist ein Problem, so Körner. Schon vorher wird Essen entsorgt: Weil zerbeultes Gemüse im Supermarkt nicht verkauft wird, weil Parasiten die Pflanzen befallen, weil Obst und Gemüse durch falsche Lagerung schimmeln oder weil Felder einfach nicht geerntet werden. Vom Acker schafft es nur die Hälfte der Nahrungsmittel auf den Teller.

Doch auf dem Acker, direkt am Havelufer, wirkt weltweite Nahrungsmittelbeschaffung plötzlich so weit weg. Die Karotten müssen umgepflanzt werden, ein Pflaumenbaum ist unter der Last der Früchte umgekippt. Ein Weltgarten, der optisch zunächst eines ist: ziemlich eintönig.

Über die Hälfte der Fläche geht für Weizen, Mais, Reis und Soja drauf. Aber auch die Ölpflanzen nehmen ein riesiges Areal ein. Zum Vergleich: In Deutschland wird inzwischen ein Fünftel der gesamten Ackerfläche für die Erzeugung von Kraftstoffen verwendet. Doch anders als auf kommerziellen Felder, deren Ertrag am Ende als Futtermittel für Masttiere oder als Biomasse im Tank landet, ranken hier auch Unkraut und Kuriositäten. "Wir haben auch Luxus angepflanzt", sagt Körner. Getreidekaffee, so genannter Wurzelzichorie, Tabak – und einen Gummibaum. "Der war eigentlich eine Indoor-Pflanze. Und hat anfangs auch recht stark auf den Boden und Regen reagiert. Aber eingegangen ist die Pflanze nicht", sagt Körner.

Gärtnern, wie die alten Maya

Gemeinsam mit 100 Helfern startete Körner im Herbst vergangenen Jahres mit der Winteraussaat, im Frühling ging es dann richtig los. Gegossen haben sie den Acker nie. "Wir haben irgendwo eine Gießkanne. Aber das bringt auf der Fläche eh nicht viel. Die Pflanzen haben einfach längere Wurzeln ausgebildet", sagt Körner. Und die feuchten Tage im Juni hätten auch sehr geholfen. "Man achtet als Stadtbewohner plötzlich ganz anders auf die Wettervorhersagen."

Unterstützt wurde das Projekt von Firmen und Experten. So lieferten verschiedene Saatguthersteller, die sich entweder auf alte, heimische Sorten oder bewusst gentechnikfreie Pflanzen spezialisiert haben, Setzlinge und Samen für den Acker. Landwirtschaftsexperten halfen bei der Wahl von Alternativen zu Pflanzen, die eigentlich in Deutschland kaum anbaubar sind. So probierten es die Projektbauern zwar mir Soja, pflanzen aber daneben ein Feld mit blauen Lupinen – auch sie liefern Eiweiß und binden darüber hinaus auch Stickstoff im Boden.

Eine Gruppe Mexikaner kam zur Maisausaat und vermittelten Luise Körner und ihren Helfern, wie die Maya schon vor Jahrhunderten ihr Gemüse angebaut haben. Dort wachsen Kürbisse, Bohnen und Mais auf einem Feld: Der Mais spendet den Kürbissen Schatten, die Bohnen können an den langen Maispflanzen emporranken. Clever – und eine sinnvolle Alternative zu den Monokulturen, die das Projekt mit dem eigenen Acker auch kritisieren will.

Pflanzenpaten gesucht

Nicht alles hat funktioniert: Der Rotkohl fiel den Schnecken und der Trockenheit der vergangenen Wochen zum Opfer, die Karotten werden nachts von Wildschweinen ausgegraben. Und die Vögel haben sich die Getreidesaat schmecken lassen.

Finanziert wird das Projekt bisher über Spenden. Körner arbeitet selbst bei Arc2020, einer europaweiten Organisation für nachhaltige Landwirtschaft, die hinter dem Weltacker steht. Aber auch Patenschaften helfen dem Projekt: Für zehn Euro kann man die Schirmherrschaft über einen Quadratmeter Acker übernehmen. Auch Pflanzenpatenschaften sind möglich. Alle Helfer arbeiten ehrenamtlich mit. Beispielsweise wenn Schulen kommen. So hat eine Waldorfschule die Aussaat des Roggens übernommen und wird in einigen Wochen das Getreide ernten und dreschen.

Schwein oder nicht Schwein?

Im kommenden Jahr wollen die Aktivisten ihr Projekt verschärfen. "Wenn wir eigentlich nur 2000 Quadratmeter zum Leben haben, sollten wir das auch ausprobieren", sagt Körner. Jetzt versammelt sie Köche, Gärtner und Bauern um sich, für das große Experiment: Sich ein Jahr von dem Weltacker ernähren. Sie hatte gehofft, dafür einen Freiwilligen zu finden. Doch inzwischen plant sie mit zwölf Personen, die jeweils einen Monat das essen, was auf dem Acker wächst. "Wir brauchen Rezepte, um aus den Pflanzen etwas Vernünftiges zu kochen. Wir werden dann auch die Anbaustruktur verändern und das anpflanzen, was wirklich verspeist wird", sagt Körner. Auch die Logistik müsse geklärt werden, schließlich könne man nicht für jede Tomate ans andere Ende der Stadt reisen.

"Außerdem stellt sich noch die Frage, ob wir nicht auch Tiere halten sollten – oder ob wir den Versuch vegetarisch oder vegan umsetzen wollen", sagt Körner. Pro Kopf hat jeder Weltbewohner zusätzlich zum Acker rund 4500 Quadratmeter Weidefläche zur Verfügung. "Aber wir füttern unsere Tiere mit Getreide und Gemüse, und das fehlt dann wieder auf unserem Teller“, sagt Körner. "Ein paar Hühner oder gar ein Schwein würden das Experiment deutlich komplizierter machen. Aber auch realistischer."

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