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Horst von Buttlar: Der Capitalist: Aufstieg der Grünen: Fehlt nur noch Lametta an den Windrädern

Der Aufstieg der Grünen ist die die große, atemlose Überraschung des Jahres. Aber tut ihnen und dem Land diese Stärke wirklich gut?

Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, beim Parteitag in Leipzig

Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, beim Parteitag in Leipzig

DPA

Eine Frage und ein Satz bleiben in diesem Jahr haften, in dem die Grünen Erfolg auf Erfolg türmten: Am Abend der Bayern-Wahl auf der Party der Partei sprang Robert Habeck plötzlich in die Menge, gemeinsam mit dem Fraktionschef. Stagediving als neue politische Bewegung, Politik als Rockkonzert, der neue Star in das Meer der gereckten Hände, grenzenloser Jubel, Ektase.

Und abends dann, immerhin sitzend, bei "Anne Will": Anton Hofreiter mit gerötetem Gesicht, wie er über den Kohleausstieg spricht. Es geht hin und her in der Runde, wann und wie raus aus dem Dreck, 2030, 2035, 2040, und plötzlich verfällt er in einen Basar-Modus: "Sagen wir 2030?", ruft er und streckt fast die Hand in Richtung NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet aus.

Done deal, der Planet ist gerettet.

Freude und Jubel sind nach großen Erfolgen verständlich, dürfen sein, auch überschwänglich. Aber man hatte an dem Abend auch das erste Mal das Gefühl, dass der Erfolg den Grünen zu Kopf steigt. Es fehlt jetzt zu Weihnachten eigentlich nur noch etwas Lametta an den Windrädern. Das wäre angemessen, den unglaublichen Siegeszug der Grünen zu würdigen.

Wie vegane Gemüsechips: endlich grenzenlos futtern

Den Aufstieg, der medial recht liebevoll (vielleicht zu liebevoll) begleitet wird, beobachte ich ein bisschen mit Staunen. Und ich überlege, sollte der Erfolg von Dauer sein, was es für unser Land bedeutet, wenn die Grünen künftig regelmäßig zweitstärkste oder gar stärkste Kraft sind und die Partei mit Robert Habeck den Kanzler stellt. 

Nicht falsch verstehen: Ich finde, Habeck ist einer der sympathischsten Erscheinungen der deutschen Politik, man hört ihm gerne zu, wie Gedanken sich in ihm formen, da ringt jemand redlich, er ist aufrichtig. Er hat ein Anliegen. Gleichzeitig überlege ich, ob Leute wie er oder Katharina Schulze aus Bayern nicht ein wenig sind wie diese veganen Gemüsechips. Man denkt, man kann endlich mal grenzenlos futtern, bis man auf der Nähwerttabelle die Kalorien entdeckt.

Die Grünen können ja beides: mit Veggie Days und Vermögensabgaben sich mit Feuereifer unter zehn Prozent drücken. Und dann mit Wahlkämpfen, in denen sie über Sonne, Wind und Bienen reden, auf Wohlfühlwolken schweben.

Die Grünen werden in Deutschland aus vier Gründen gewählt: aus Überzeugung, aus Hysterie, als Lebensgefühl – und neuerdings als Flucht. Überzeugung ist klar, das ist der Kern. Hysterie, damit meine ich etwa Fukushima 2011. Wenn in Deutschland eine apokalyptische Panik ausbricht, werfen sich viele in die Arme der Grünen. Die sie freudig aufnehmen, schließlich ist Apokalypsenbewältigung ihre Kernkompetenz.

Lebensgefühl: Man ist einfach auf der Seite der Guten, sogar wenn man mit Canada-Goose-Jacke und To-go-Becher herumsteht und der SUV nur eine Straße weiter parkt. Man muss nichts erklären oder gar rechtfertigen, so wie man etwa Rechenschaft ablegen muss, die neo­liberale Marketingtruppe von der FDP zu wählen. Man ist immer irgendwo zwischen Hambi und Bambi

Das ultimative Auenland

Die Flucht ist in meinen Augen ein neues und ambivalentes Phänomen. Die These kommt von dem Berliner Rechtswissenschaftler Christoph Möllers, der sagt: Wer die Grünen wählt, wählt den geringsten Widerstand, die Partei, "die am wenigsten mit der AfD zu tun hat". Das wäre in der Tat eine interessante, aber auch beunruhigende Formel: Wer verunsichert und böse ist, wählt AfD; wer verunsichert und gut ist, wählt die Grünen. Die Grünen als das ultimative Auenland. 

Vielleicht trägt die Welle bis 2021; und daher sollte man über einiges nachdenken: Zunächst, dass die Grünen im Kern immer noch eine sehr linke Partei sind, egal wie breit sie sich in der Mitte machen. Große Teile wollen umverteilen und umgestalten, und Letzteres erfolgt über Gesetze, Regulierung und Verbote, und dabei ist es oft egal, wenn diese für Widerstand sorgen oder zu Widersprüchen führen.

Das offenbart sich dieser Tage in dem Konzept, das Habeck zur Reform von Hartz IV vorgelegt hat. Er will eine "Garantiesicherung", rund 100 Euro mehr als jetzt, mit weniger Zwang, Demütigung und Bürokratie, vier Millionen mehr Anspruchsberechtigte, das Ganze soll 30 Milliarden Euro pro Jahr kosten. "Es sind eben nur 30 Milliarden, nicht 100 und nicht 1000", sagt Habeck, und es klingt bei ihm wie immer nach dem menschenfreundlichsten Plan. Gleichzeitig überlegt man, wie gut er wohl tatsächlich Zahlen einschätzen kann. Und wie lange es dauert, bis die Grünen für diese Summe dann doch wieder an das Geld der Wohlhabenden wollen.

Zweiter bedenkenswerter Punkt: Die AfD schürt Angst, weil sie davon lebt. Die Grünen setzen auf Toleranz und Humanismus. Wenn man ehrlich ist, schüren sie allerdings auch Angst, bloß subtiler und nie menschenverachtend: Die Sorge um den Erdball muss halt am Laufen gehalten werden. Auf der Metaebene, als ständige Bedrohung, als polkappenschmelzendes Gesamtkunstwerk, und im Alltag, in dem immer neue Sünden (To-Go-Becher, Nespresso-Kapseln, Strohhalme) und Bedrohungen (Mikroplastik!) auftauchen, in deren Beseitigung man sich stürzt.

Gleichzeitig führt das zu einem steten Strom an Technologiefeindlichkeit – in diesem Sinne ist etwa der Mähroboter keine Errungenschaft, der in einer alternden Gesellschaft für Bequemlichkeit sorgt. Er tötet Bienen, weil er ständig surrt und Blumen rasiert. Eigentlich gehört er bereits jetzt verboten – oder zumindest reguliert. Vielleicht geht das dann so: Wer ihn nutzt, muss woanders eine wilde Wiese als Ausgleich schaffen.

Drittens: Der Ausstieg aus der Kohle, aus der Atomkraft, aus dem Verbrennungsmotor, aus konventioneller Landwirtschaft und was da sonst noch alles an Ausstiegen auf uns zukommt, ist für die Grünen nicht verhandelbar. Es gibt zwar Kompromisse, aber nur zeitliche, sie führen immer zu einem Enddatum ("Sagen wir 2030!"). Die Folgen für andere, für Arbeitsplätze oder die Wirtschaft, sind nachrangig. Es kann also passieren, dass wir Deutsche im grünen Freudentaumel glauben, die Erde zu retten, aber uns dabei selbst verlieren und verdrängen, was dieses Land aushält und stark gemacht hat. 

Hans-