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Intelligente Stromsysteme: Wenn der Zähler mitdenkt

"Intelligente Stromzähler" sind eines der Trendprodukte auf der Elektronikmesse Ifa in Berlin. Für Neubauten sind sie Pflicht. Aber sind sie wirklich so gut, wie die Industrie behauptet?

Von Peter Neitzsch

Nachts, wenn alles schläft und der Energieverbrauch niedrig ist, wird Strom billiger. Dann kann die Waschmaschine anspringen und der Geschirrspüler seine Arbeit aufnehmen. Das Elektroauto in der Garage wird nebenbei auch gleich zum günstigsten Tarif aufgeladen. Möglich werden soll das künftig durch "intelligente Stromzähler", die den Benutzer über Stromverbrauch und Tarife informieren und zum zentralen Nervensystem des Haushalts werden.

Wie das genau funktionieren soll, können Besucher derzeit auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin besichtigen. Das vernetzte Haus ist eine Vision der Ifa 2011: Geräteproduzenten wie Miele und Bosch präsentieren Wasch- und Spülmaschinen, die sich von selbst an- und ausschalten. Auch Hersteller von intelligenten Stromzählern wie die Firma "Landis und Gyr" präsentieren ihre Produkte auf der Elektronikmesse.

"Smart Meter", wie die neue Zählergeneration auf Englisch heißt, sollen helfen, Strom zu sparen und die erneuerbaren Energien ins Stromnetz zu integrieren. "Die Menge an produzierter Sonnen- und Windenergie variiert je nach Wetterlage erheblich", sagt der Geschäftsführer von "Landis und Gyr", Peter Heuell. Die neuen Zähler sollen nun die Verbrauchsdaten aus dem Haushalt an den Stromversorger übermitteln, damit dieser den Strombedarf im Netz besser berechnen kann.

Kritiker befürchten den "gläsernen Verbraucher"

"Mit Smart Metern können Energiedienstleister Daten über den aktuellen Stromverbrauch ihrer Kunden in Echtzeit ablesen", sagt Heuell. Umgekehrt würden die Kunden über niedrige Preise informiert, wenn gerade viel Strom im Netz ist. Sämtliche Verbrauchswerte können über ein Display am Zähler oder über das Internet abgefragt werden. Ziel ist es, dass die Haushaltsgeräte genau dann laufen, wenn das Angebot an Strom groß und die Nachfrage danach niedrig ist. "In Zukunft werden die Strompreise viel stärker schwanken, als dies heute noch der Fall ist", prognostiziert Heuell.

Doch die neue Wundertechnik hat auch Kritiker. Eckhard Brenner, Energieexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, sagt zu stern.de: "Intelligente Netze dürfen nicht dazu führen, dass es zum gläsernen Verbraucher kommt." Es müsse sichergestellt werden, dass die Daten nicht auf der Ebene einzelner Haushalte gespeichert würden. "Das Schlagwort der Erneuerbaren Energien wird gerne herangezogen, um bestimmte Dinge einzuführen - und jetzt eben diese Technologie", befindet der Verbraucherschützer. Um regenerative Energien wie Wind- und Solarenergie in das Netz zu integrieren, sei es nicht nötig, alles über den Verbraucher zu wissen.

Neue Stromzähler verursachen neue Kosten

Noch ist der Stromzähler als allumfassende Steuerzentrale im Haushalt Zukunftsmusik. "Die Intelligenz der neuen Stromzähler ist sehr unterschiedlich ausgeprägt", sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund. Eine erste Generation intelligenter Zähler, die den Kunden detailliert über den Stromverbrauch informiert, ist bereits heute in einigen deutschen Haushalten installiert. Bis 2020 sollen nach dem Willen der EU 80 Prozent aller Haushalte mit solchen Zählern ausgestattet sein.

In Neubauten und sanierten Häusern ist der Einbau daher seit 2010 Pflicht. Zudem müssen alle Haushalte mit einem Jahresverbrauch von 6000 Kilowatt und mehr - das entspricht etwa dem Verbrauch eines Einfamilienhauses mit vier Personen - nachgerüstet werden. Ein Zähler kostet zwischen 50 und 100 Euro. Und das sind nicht die einzigen Kosten, die auf die Verbraucher zukommen.

Sinnvoll ist ein intelligenter Zähler erst in der Verbindung mit zeitlich flexiblen Tarifen. Doch die lohnen sich unterm Strich nicht immer: "Unsere Erfahrung mit den neuen Zählern ist, dass es bei den Tarifen meist zu deutlichen Preissteigerungen kommt", sagt Ropertz vom Mieterbund zu stern.de. Um den Kunden möglichst genau zu informieren, gebe es mehrere Abrechnungen pro Jahr, die sich die Stromversorger auch bezahlen ließen. "Strom sparen ist vernünftig, aber das darf nicht dazu führen, dass die Kosten stagnieren oder steigen", sagt Ropertz. "Wenn Strom gespart wird, muss sich das auch im Portemonnaie bemerkbar machen."

Verbraucherexperte Brenner ist ohnehin der Ansicht, die Stromersparnis durch neue Zähler funktioniere vor allem in der Theorie: "Niemand wird nachts aufstehen, um die Wäsche aufzuhängen." Andere Stromfresser wie den Kühlschrank könne man sowieso nicht ausschalten. Das Fazit des Verbraucherschützers: "So effektiv wie behauptet ist diese Technik nicht." Für den Verbraucher sei es sinnvoller, auf energiesparende Geräte zu setzen als auf intelligente Zähler.

Von Peter Neitzsch