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Reisekolumne: Stromlos auf Sansibar

Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose. Auf Reisen ist Elektrizität keine Selbstverständlichkeit. stern.de-Autor Roland Brockmann saß auf Sansibar, als es plötzlich zappenduster wurde.

Von Roland Brockmann

Das Modernste, was im Haus des Sklavenhändlers Tippu Tip auf der Insel Sansibar existierte, war der Stromzähler. Ein kleiner Kasten mit Digitalanzeige und einer winzigen Tastatur, in die man die Nummer eintippte, die man gegen Bareinzahlung in einem Büro von Tanesco erhielt, der tansanischen Stromgesellschaft. Und schon ward es Licht. Dann lief auch die kleine Elektropumpe, füllte brav den Wassertank auf. Vor allem aber: Die Flügel der Ventilatoren drehten sich wieder - und sorgten für eine frische Brise in der Hitze am Äquator.

Ich war Gast bei einheimischen Freunden, die das runtergekommene Stadtpalais aus dem 19. Jahrhundert als Wohnhaus gemietet haben. Gegen eine kleine Miete bewohnte ich das ehemalige Schlafzimmer des Tippu Tip alias Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi, wie der frühere Gebieter über 30.000 Sklaven mit vollem Namen hieß. Ein mächtiger Mann mit wildem Bart und Krummdolch. Allein sein Schlafgemach hatte 60 Quadratmeter. Nur über Elektrizität hatte er nicht verfügt. Kühlung verschafften ihm die Bediensteten: An der Decke hingen noch immer die Rollen, über die einst Sklaven mittels Schnüren den Baldachin seines Bettes wie einen riesigen Fächer bewegt hatten.

Dieser Luxus war mir natürlich nicht vergönnt. Mein kleiner Diener hieß Elektrolux, kam aus China und war ein treuer Begleiter durch die Hitze der Nacht. Nur sein Motor fraß Strom. So musste man den kleinen Kasten stets mit Einheiten füttern. Neigte sich das Guthaben bei Tanesco dem Ende zu, fing er warnend an zu fiepen. So wurde ich bald zum Sklaven des Stromzählers.

Und nicht nur ich: In fast jedem Haus von Stone Town herrschte der vom staatlichen Stromversorger montierte Kasten wie ein Tyrann, entschied über Licht und Dunkelheit, kalte oder warme Getränke, Musik oder Stille - und auch über das Ansehen seiner Bewohner. Denn sein Warnsignal klang aus den Häusern bis hinaus auf die Gassen: Hallo, hier kann jemand seine Rechnung nicht bezahlen.

Bis plötzlich ein kaputtes Kabel alle gleich machte. Mit einem Schlag hatte keiner mehr Strom, weil die einzige Leitung, die die Insel wie eine Nabelschnur mit dem Stromwerk vom Festland verband, unterbrochen war.

Stone Town im Dunkeln

Stromlos auf Sansibar: Computernetze brachen zusammen, Mobiltelefone verstummten. Der Wasserpreis verdoppelte sich in wenigen Tagen auf einen US-Dollar pro 20-Liter-Kanister. Die ganze Insel fiel zurück auf Zeiten vor Edison. Aber statt Romantik kam ein neues Klassensystem auf, zwischen denen mit und jenen ohne Generator. Genau wie bei uns im Tippu Tip-Haus. Binnen Tagen waren ohnehin alle Generatoren ausverkauft. Gekühlte Getränke gab es nur noch in Bars der Nobelherbergen - deren Gäste müssen nichts entbehren. Mit Neid saß ich abends am Tresen vom Serena Inn, um später, bei Temperaturen von fast 30 Grad, im Schlafgemach des Sklavenhändlers aufzuwachen. Schweißgebadet starrte ich an die Decke mit den Resten von Tippu Tips Lüftungssystem, während der Elektrolux unbewegt in der Ecke stand. Das Wasser schleppten wir in Kanistern über eine brüchige Holztreppe. Abends kochten wir über einem Kerosinkocher im Kerzenschein.

Als der Strom noch tagelang wegblieb, kam Angst vor Cholera auf, die früher auf Sansibar mehrmals ausgebrochen war. Doch es gab auch Plätze, wo man gar nichts vom Stromausfall spürte: Im Forodhani Garden vor dem alten Fort brutzelten die Mishkaki-Spieße über Holzhohle, die handgeschnitzten Holzgiraffen leuchteten im grellen Licht der Benzinlampen, und die Daus segelten still vorm Wind entlang der Küste. Vieles war wie immer. Manches sogar schöner - und auch der kleine Stromzähler hatte seine Gewalt über mich verloren.

Statt zu duschen sprang ich morgens ins Meer. Dann fuhr ich zu einem Freund an die Ostküste, dessen Haus gar keinen Stromanschluss hatte. Wir grillten Fisch über offenem Feuer und tranken in der Brandung gekühltes "Safari Lager". Am Strand spielten ein paar Rastafari auf ihren Trommeln. Und dann, als ich eines Abends zurück kam, war Stone Town plötzlich beleuchtet.

Die Insel war zurück am Netz, der längste Stromausfall in der jüngeren Geschichte Sansibars zu Ende. Über zwei Wochen hatten die Techniker gebraucht, um das Kabel zu reparieren. Gerade noch rechtzeitig zum jährlichen "Festival of the Dhow Countries", das vom 11. bis zum 20. Juli im alten Fort von Stone Town stattfindet. Ich stieg die Treppe hoch zum Tippu-Tip-Haus, das verdächtig dunkel wirkte. Und dann merkte ich auch warum. Bereits auf der Empore hörte ich es: Fiepend verlangte unser kleiner Stromzähler nach neuen Einheiten.

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