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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Macht trotz der Umstände das Beste aus diesem Sommer!

Sommerferien
Erinnerungen an den Sommer 1983 - und Vorfreude auf die diesjährigen Sylt-Ferien
© privat
Er wurde oft besungen oder beschrieben: der beste Sommer des Lebens. Meinen erlebte ich vor genau 37 Jahren. Nach dem erfolgreich bestandenen Abitur in Cuxhaven habe ich die Feierstunde der Zeugnisübergabe geschwänzt und bin einfach abgehauen – zum Kanufahren nach Kanada. Dieser Trip hat mein Leben nachhaltig beeinflusst und in jedem Sommer denke ich gerne daran zurück. Auch in diesem Jahr.

Als ich an einem warmen Sommertag im Jahr 1983 am Frankfurter Flughafen in eine Boeing 747 der "Wardair" stieg, war ich voller Vorfreude. Es ging in das Land meiner Träume und ich kam dem Bild meiner Kindheitshelden Winnetou und Old Shatterhand, die am Silbersee im Kanu einem sagenhaften Schatz entgegenfuhren, näher.

In Toronto bestieg ich den Greyhound-Bus, der mich für 50 kanadische Dollar nach Sault Ste. Marie brachte. Dort warteten drei Mitstreiter und Jeff, unser erfahrener Guide. Wochenlang paddelten wir anschließend durch die Natur, angelten Fische und brieten sie abends am Lagerfeuer. Jeff hatte seine Gitarre dabei und wir sangen Western-Songs, bevor wir in unseren Zelten einschliefen. Nicht ohne zuvor noch einen Blick hinauf in den unfassbar beeindruckenden Sternenhimmel zu werfen. Das war das Leben. Das war die Freiheit. Das war der Sommer, wie ich ihn mir immer erträumt hatte.

13 Jahre Schulzeit lagen hinter mir und ich bewundere meine Eltern heute noch dafür, dass sie mich damals haben ziehen lassen. Sie gaben mir ihr "Go", die Abi-Feier sausen zu lassen, obwohl ich als einer der besten Absolventen ein Buchgeschenk und eine besondere Ehrung bekommen sollte. Meine Mutter ist damals für mich auf die Bühne gegangen, ich werde es ihr nie vergessen.

Gerade hat mein Neffe sein Abitur geschafft. Wie viele andere ist er nicht so richtig glücklich mit den aktuellen Umständen, denn im Corona-Sommer gehen die Uhren anders. Kein Abi-Gag, keine ausgelassene Feier, kein Reise-Highlight im Anschluss. Stattdessen Abstand halten, Hygienevorschriften, die Maske immer am Mann. "Wir holen das nach irgendwann", sagte er und es klang, als ob er selbst genau wüsste, dass dieser unbeschwerte erste Sommer nach dem Abi nie in der erhofften Form wiederkommen wird. Er tat mir leid, denn "irgendwann" ist nicht greifbar und keine echte Perspektive.

Fakt ist, dass wir uns alle in diesem Sommer umstellen müssen. Auch meine Familie bleibt in diesem Jahr in Deutschland, was allerdings nicht wirklich ein Verlust ist, denn unser Land ist extrem schön, in allen Bundesländern. Wir fahren nach Sylt, ein Appartement am Strand, Meer, Weite, Frühstück im Wind. Abendessen werden wir meistens an der berühmten Bude von Fischbrötchen-Gott Jürgen Gosch und den 13. Geburtstag unseres Juniors feiern wir bei Herbert Seckler in der wunderbaren "Sansibar". 

Ich mag diesen Ort, irgendwie schwingt dort immer ein Hauch Fernweh mit - schließlich ist Sansibar auch eine schmucke Insel, die zu Tansania gehört. Meine frühere Kollegin Barbara war einmal dort und fast wäre sie nicht wiedergekommen, so gut hat es ihr am Strand von Mtoni Kigomeni gefallen. In der Schule haben wir früher den Roman "Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch gelesen. Darin war Sansibar der utopische Ort des Jungen, den er mit dem Traum von einer besseren Zukunft verband.

Die Kindheitsträume verwirklichen

"Was sind eure Träume?", fragte ich Abiturienten noch vor Corona bei einer Orientierungs-Sprechstunde. Der Kölner Schule ging es darum, dass sich die jungen Leute mit Praktikern aus dem Berufsleben austauschten, um die richtigen Entscheidungen für ihr Studium oder eine Ausbildung zu treffen. Als ich meine Frage über die Träume stellte, sahen mich die Jugendlichen zuerst erstaunt an. Ich erzählte ihnen von Randy Pausch, einem amerikanischen Universitäts-Professor, der 2007 seine "last lecture" im vollbesetzten Auditorium an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh hielt, bevor er an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstarb. Die besondere Vorlesung wurde von Millionen Menschen aus dem Internet heruntergeladen, das gleichnamige Buch wurde ein Bestseller. Die Kernbotschaft des bemerkenswerten Mannes: Lasst eure Kindheitsträume wahr werden! 

Die Schülerinnen und Schüler verstanden. Und dann sprudelte es aus ihnen heraus. Die Welt wollten sie sehen, etwas Sinnvolles tun, andere Kulturen und Menschen kennenlernen, eine eigene Firma gründen, die etwas Nachhaltiges produziert. Lauter vernünftige Sachen, ich war beeindruckt. Auch wir Erwachsenen sollten unsere Träume nie beerdigen. "Es ist nie zu spät, etwas zu verändern", sagt meine Mutter gerne. Sie sitzt oft im Garten und überlegt – auch mit 85 Jahren – was sie Neues machen kann.

In diesem Sommer 2020, der ein besonderer wird, kann es nicht schaden, nachzudenken. Vielleicht sogar mehr als sonst. Egal wo, es wird ein ruhiges Plätzchen geben, um zu reflektieren. Über das was war, über die eine oder andere Lehre, die aus dieser Zeit rund um Corona zu ziehen ist, über Dinge, die man selbst künftig verändern möchte.

Ich saß in diesen Tagen vor 37 Jahren mit meinen Kanu-Kumpels an einem See in Kanada. Wir hatten Mike getroffen, einen Auswanderer aus dem englischen Brighton. Er hatte seinen Job in der Heimat aufgegeben und paddelte stattdessen lieber durch die Wildnis. Wenn er Geld brauchte, jobbte er an einer Tankstelle, bevor er wieder das Leben auf seine Weise genoss. Er hat mir damals sein Mantra mit auf den Weg gegeben, "Life is Great". Ich trage es im Herzen und mache es mir täglich bewusst. Wenn ich in den Ferien am Strand von Rantum aufs Meer sehe, werde ich die drei Worte in den Sand schreiben. Ich wünsche euch allen einen wunderbaren Sommer, egal wo und wie ihr ihn in diesem Jahr verbringt.


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