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Revolution im Keller: Digitaler Stromzähler wird salonfähig

Energiewirtschaft und Gerätehersteller erhoffen sich von der Einführung digitaler Stromzähler eine Umwälzung des deutschen Energiemarkts. Bereits ab 2010 werden die modernen, digitalen Messgeräte Pflicht - zunächst bei Neubauten.

"Das Thema zieht sich quer durch die Branche", sagte Almut Steckhan-Rosien vom Versorger Enercity auf der Industriemesse in Hannover. Enercity startet derzeit einen Feldversuch mit 200 Teilnehmern.

Intelligente Verbrauchsmesser ermöglichen die minutengenaue Erfassung des Energiekonsums in den Haushalten - und damit eine bisher ungekannte Differenzierung des Tarifangebots. Versorger könnten die reine Stromlieferung mit zusätzlichen Dienstleistungen kombinieren, etwa dem automatischen Ein- oder Abschalten von Geräten, bei bestimmten Kostenlimits, oder verbilligte Tarife zu nachfrageschwachen Tageszeiten anbieten.

"Die große Chance für die Energielieferanten besteht darin, dass sie erstmals die Möglichkeit zur Produktdifferenzierung haben", sagt Ralf Kurtz, Energiespezialist der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC). Bisher unterscheiden sich die Angebote nur durch den Preis, die Art der Stromquellen (Ökostrom) und gelegentlich ausgefallene Marketingideen (gelber Strom). Die herkömmlichen analogen Zähler, meist nur einmal jährlich abgelesen, erlauben keine Differenzierung auf der Verbraucherseite.

"Smart Metering revolutioniert die Beziehung zwischen Verbrauchern und Energieversorgern", glaubt Wolfgang Haag, Energieexperte der Unternehmensberatung AT Kearney. In Deutschland ist die Installation bei Neubauten ab dem 1. Januar 2010 durch das Energiewirtschaftsgesetz vorgeschrieben. Die Bundesrepublik zählt zu den Nachzüglern. In den Niederlanden, Teilen Italiens und Schweden etwa sind die digitalen Erfassungsgeräte bereits flächendeckend im Einsatz.

Viele Versorger in Deutschland beginnen gerade erst, sich mit dem Thema zu befassen. Ein Grund für die Zögerlichkeit: Bei Einführungskosten, die Experten auf bis zu 7 Mrd. Euro schätzen, zweifeln viele Stadtwerkechefs an der Wirtschaftlichkeit der neuen Technologie, ergab kürzlich eine Umfrage.

Ein Pionier des Smart Metering ist Norbert Zösch, Geschäftsführer der Stadtwerke Haßfurt, einer fränkischen Kleinstadt. Der Kommunalversorger rüstet bis 2012 als erster Anbieter alle rund 10.000 Kunden mit der Digitaltechnologie aus. "Mittelfristig wird es Einsparungen geben", ist Zösch überzeugt. So spare der Versorger die Kosten fürs Ablesen vor Ort. Zudem sei die Lebensdauer der elektronischen Geräte mit erwarteten 16 Jahren deutlich höher. Die analogen Zähler müssen alle sechs bis acht Jahre ausgetauscht werden. Die Verbrauchserfassung könnte zudem zu einem neuen Geschäftszweig auswachsen, hofft Zösch - eine Chance, die auch Berater wie PwC und AT Kearney sehen.

Die EnBw-Tochter Yello begann Ende 2008 mit der Vermarktung der neuen Zähler. Anders als die Stadtwerke Haßfurt verlangt Yello einen Teil der Einbaukosten und einen Zuschlag auf den monatlichen Grundpreis. "Der Kunde zahlt für ein Stück Transparenz", so Yello-Geschäftsführer Peter Vest. Eon rüstet derzeit 10.000 Kunden in Bayern, RWE 116.000 Haushalte in Mülheim/Ruhr um.