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Wohnungsbau-Experte "Wenn jeder seinen Traum vom Häuschen im Grünen realisiert, haben wir ein Problem"

Dirk Löhr
Dirk Löhr, 56, ist Professor für Steuerlehre und Ökologische Ökonomik im Fachbereich Umweltwirtschaft und Umweltrecht an der Hochschule Trier. Er war Mitglied der Baulandkommission der aktuellen Bundesregierung, die Experten-Vorschläge für nachhaltige Bodenpolitik und Wohnungsbau erarbeitete.
© Getty Images und Fotostudio Sauer, St. Wendel (kleines Bild)
Sollte der Bau von Einfamilienhäusern eingeschränkt werden, weil sie zu viel Fläche und Ressourcen verbrauchen? Dirk Löhr, Professor für Ökologische Ökonomik, erklärt, warum die Grünen mit ihrem Vorstoß prinzipiell Recht haben, es aber bessere Instrumente als Verbote gibt.

Herr Löhr, die Grünen wollen, dass weniger Einfamilienhäuser gebaut werden, weil diese zu viel Fläche und Ressourcen verbrauchen. Für den politischen Gegner eine Steilvorlage, um sie als Verbotspartei hinzustellen, die Millionen den Traum vom Eigenheim zerstört. Wie bewerten Sie die Debatte?

Ich bin zwar kein Grüner und halte nichts von einer Verbotskultur, aber von der Tendenz her haben sie recht. Wir haben 41 Millionen Haushalte, davon leben über 10 Millionen in freistehenden Einfamilienhäusern. Wenn jeder seinen Traum vom freistehenden Häuschen im Grünen realisieren würde, dann hätten wir ein Problem. Diese Siedlungsform ist sehr flächenextensiv. Man muss rausgehen aufs Land, man braucht teure Infrastruktur und Straßen, die wiederum Landschaften zerschneiden und Biodiversität kaputt machen. Ein alleinstehendes Einfamilienhaus ist ohne Zweifel etwas Schönes, aber es ist nicht die Zukunft des Wohnungsbaus

Wie groß ist der Flächenfraß durch Einfamilienhäuser in Deutschland?

Im Wohnungsbau entfielen 2019 auf den Bau von Einfamilienhäusern etwa 70 Prozent der neu verbrauchten Fläche, auf Zwei- und Mehrfamilienhäuser nur 30 Prozent. So erreichen wir nie unsere Ziele, was einen geringeren Flächenverbrauch angeht.

Das Ziel der Bundesregierung ist es, den Flächenverbrauch für Siedlung und Verkehr auf 30 Hektar pro Tag zu begrenzen. Das sollte eigentlich bis 2020 passiert sein. Da wir aber immer noch bei 56 Hektar stehen, wurde das Ziel einfach auf 2030 verschoben. Wie kann das sein, dass wir immer mehr verbrauchen, obwohl die Einwohnerzahl relativ konstant ist?

Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig Grundstücke haben, sondern an der falschen Stelle. Wenn ich ein Bürgermeister im Hunsrück bin, wo die Jungen wegziehen und die Alten sterben, versuche ich eben über Baulandneuausweisungen junge Familien zu gewinnen. Und damit überhaupt jemand kommt, müssen es dann Einfamilienhäuser im Grünen sein. Das Bebauen und Verdichten der Ortskerne wird gleichzeitig oft sträflich vernachlässigt. 

Die aktuelle Debatte entzündete sich nicht an der Zersiedelung auf dem Land, sondern an der Entscheidung eines grünen Bezirksbürgermeisters, in Hamburg Nord keine Neubau-Grundstücke mehr für Einfamilienhäuser zuzulassen. Können Sie diese Entscheidung nachvollziehen?

In Städten wie Hamburg sind die Wohnungspreise sowieso schon zu hoch. Wenn man dann die knappen Flächen, die man hat, mit Einfamilienhäusern zubaut, dann hat man natürlich ein Problem. Daher finde ich es völlig in Ordnung, wenn die lokale Planungsebene solche Vorgaben macht.

Sollten Einfamilienhäuser auch andernorts grundsätzlich verboten werden?

Grundsätzliche Verbote sehe ich skeptisch, weil es intelligentere ökonomische Lösungen gäbe. Es gibt zum Beispiel das Konzept der Baulandausweisungsumlage. Da bilden verschiedene Kommunen eine Planungsgemeinschaft, die haben ein bestimmtes Quantum an Fläche zur Verfügung, die bebaut werden darf. Für jeden Quadratmeter, den eine Stadt neu bebaut, muss sie einen gewissen Betrag in einen gemeinsamen Topf bezahlen und das Geld wird dann an die Kommunen nach Anzahl der Einwohner zurückverteilt. Konsequenz wäre, dass keine Stadt mehr ohne Not neue Flächen ausweist, weil sie dafür bezahlen muss. 

Was ist mit steuerlichen Anreizen? Müsste man Boden nicht auch viel stärker besteuern?

Wir hatten ja gerade erst eine Grundsteuerreform, da hat man sich für ein verbundenes Modell entschieden, das die Immobilien insgesamt besteuert. Eine Alternative wäre eine allgemeine Bodenwertsteuer, wie es sie demnächst in Baden-Württemberg gibt. Dabei muss derjenige mehr bezahlen, der eine große Fläche hat, auch wenn da nur ein kleines Haus draufsteht, weil diese Fläche der Allgemeinheit nicht mehr zur Verfügung steht. Das gibt dann einen sanften Druck, die Flächen effizienter zu nutzen.

Höhere Steuern machen allerdings das Wohnen nicht gerade günstiger, was wiederum zu sozialen Schwierigkeiten führen kann.

Immerhin müsste ein Reicher, der sich seine Villa auf ein Riesengrundstück stellt, dann entsprechend an die Gemeinschaft bezahlen. Aber natürlich muss die Politik auch immer schauen, dass sozial Schwache nicht hinten rüberfallen. Städte können zum Beispiel sozialen Wohnungsbau betreiben, Erbbaurechte mit Sozialbindungen vergeben und weitere Instrumente anwenden.

Und zur Not auch Eigentümer schneller enteignen, die ihren Besitz mit Leerstand dem Wohnungsmarkt entziehen?

Ja, das ist ein wichtiger Punkt, an den sich die Politik nicht rantraut. Wir haben zwar ein Baugebot, das als Ultima Ratio Enteignungen möglich macht, aber das ist an ganz enge Voraussetzungen gebunden. Wenn Grundstücke in zentralen Lagen nicht effizient genutzt werden, während große Knappheit herrscht, dann müssen wir Kommunen ein schärferes Instrumentarium an die Hand geben, um Druck zu erzeugen. Dazu gehören auch schnellere Enteignungen.


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